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Der Norden So ruhig ist es jetzt in der früheren Staufalle Bad Oeynhausen
Nachrichten Der Norden So ruhig ist es jetzt in der früheren Staufalle Bad Oeynhausen
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18:31 05.09.2019
Seit die Nordumgehung gebaut ist, kann man zu Fuß hinübergehen: Bundesstraße 61 in Bad Oeynhausen Quelle: Bert Strebe
Bad Oeynhausen

Man kann jetzt über die Straße gehen. Einfach so. Man kann zu Fuß über alle vier Spuren laufen, man kann sogar schlendern, völlig entspannt.

Zum ersten Mal seit Jahrzehnten sieht man nur noch eine Handvoll Autos und zwei oder drei Lkw auf der Fahrbahn. Zuvor war das vielleicht mal um 4 Uhr morgens und am Weihnachtsabend so. Ansonsten galt: Blechlawine, Lärm, Gestank, Stau. Und wenn mal ausnahmsweise kein Stau war, wurde hier so schnell gefahren, dass für Fußgänger Lebensgefahr bestand.

Bad Oeynhausen stand immer im Weg

Wir sind in Bad Oeynhausen. Ein Kurbad mit Solequellen und einem Herzzentrum von internationalem Ruf. Ein schmuckes Städtchen im nordrhein-westfälischen Kreis Minden-Lübbecke, nahe der Grenze zu Niedersachsen. Aber diesen Eindruck bekam nur, wer sich ins Innere des Ortes begeben hat. Das Bad-Oeynhausen-Gefühl aller anderen war: Nadelöhr. Nervig. 50.000 Autos und Lkw pro Tag. Bad Oeynhausen war das, was im Weg stand, wenn man von der A 2 auf die A 30 Richtung Amsterdam abbiegen wollte.

Das ist Geschichte. 50 Jahre lang (in Worten: fünfzig!) hat man über den Lückenschluss geredet, 38 (achtunddreißig!) Jahre lang wurde er geplant. Vor einem halben Jahr ist die Umgehungsautobahn, die durch den Norden von Bad Oeynhausen führt, fertig geworden.

Nordumgehung Bad Oeynhausen Quelle: Bert Strebe

Ein Bypass für den Verkehr. Und plötzlich kann man am helllichten Tag über die Straße gehen. Eine Frau, die seit 40 Jahren im Ort lebt und gerade mit ihrer Schwester zum Einkaufszentrum unterwegs ist, sagt: „Zu Fuß! Haben wir noch nie gemacht. Wegen der Abgase.“

Neun Ampeln, vier Tankstellen

Die Straße, über die man jetzt gehen kann, ist die Bundesstraße 61. Sie besteht hier genau genommen aus zwei Straßen: Mindener Straße und Kanalstraße. 3,2 Kilometer von Ortsschild zu Ortsschild, neun Ampelkreuzungen, ein Blitzer. Vier Tankstellen, sieben große Autohäuser und ein paar kleine, 220 Straßenlaternen. Ungefähr.

Bürgermeister Achim Wilmsmeier, Bad Oeynhausen Quelle: Stadt Bad Oeynhausen

Früher habe man gedacht, die Stadt profitiere, wenn man die A 30 nicht bis zur A 2 durchbaue, erzählt Bürgermeister Achim Wilmsmeier. Dass Leute anhielten, dass sie was kauften. „Aber es hat niemand damit gerechnet, dass sich der Verkehr so entwickelt.“ Am Ende war die B 61 nur noch eine Plage. Für alle Beteiligten.

Alte und neue Strecke in Bad Oeynhausen

Peter Windhagen von der Bürgerinitiative Pro Nordumgehung erzählt von Rissen in Häusern durch den Schwerlastverkehr und dass bei manch einem die Teller aus dem Küchenschrank gefallen seien. Er spricht von endlosen Planungen, von der Idee einer Einhausung der Strecke, von der verworfenen Südumgehung.

Peter Windhagen, Bürgerinitiative Pro Nordumgehung Quelle: Bert Strebe

Und immer Verzögerungen wegen bürokratischer Kleinigkeiten bei der dann gebauten Nordumgehung: „Hätte fünf Jahre früher fertig sein können.“

Sorge um den Job

Die Bürger, die in der Gegend unterwegs sind, sind alle froh, dass der Spuk vorbei ist. Nicht ganz so froh ist das Personal an den Tankstellen. Da will zwar niemand was sagen, alle haben Angst vor ihren Konzernzentralen, aber eine Frau erzählt dann doch, dass sich der Umsatz halbiert habe. Manch einer hier bangt um seinen Job, auch am Ortsausgang nahe der A 30 bei McDonald’s. Eine Frau aus dem Team berichtet vom Kundenrückgang, man versuche es mit Werbung, mit Aktionen.

Paul vom Imbiss „Hans Wurst“. Quelle: Bert Strebe

Ganz entspannt dagegen ist Paul. Er steht im Bretterbudenimbiss „Hans Wurst“ an der Fritteuse. Zu ihm kämen die Kunden nach wie vor, die niederländischen Fernfahrer seien während baubedingter Sperrungen sogar Umwege gefahren, um bei ihm zu essen, erzählt er. Denn er gebe ihnen, was sie wollten: Erst Bratwurst mit Mayo, dann Kaffee, dann Pommes. Moment: Bratwurst mit Mayo? Paul nickt wissend.

Was wollen Fernfahrer noch? Im örtlichen Erotikmarkt mit meterlanger schlüpfriger Fensterfront steht eine Dame an der Kasse, die möglicherweise erzählen könnte, wie sich Silikon im Körper anfühlt. Das erzählt sie aber nicht, sie erzählt, dass sich an der Kundschaft kaum was geändert habe: Die Einheimischen nutzten eher das normale Sortiment, die Fernfahrer eher die Videoeinzelkabinen. Nach wie vor.

Stadt zerschnitten

Geändert hat sich was beim Autohaus Peitzmeyer (Slogan: „Einfach besser“). Man sollte meinen, die Firma habe von den potenziellen Käufern auf der Strecke profitiert. Weit gefehlt, sagt Verkäufer Sebastian Wall: „Autokauf ist ja kein Spontankauf.“ Man habe den einen oder anderen liegengebliebenen Wagen flottgemacht, „und natürlich haben wir viele grüne Plaketten an die Niederländer verkauft“. Aber ansonsten hat der Verkehr Kunden eher abgeschreckt. „Wie mussten sogar einen Hol- und Bringdienst einrichten.“ Jetzt laufe es besser.

Eher schlechter läuft es für die Menschen in den Stadtteilen im Norden. Reiner Barg, 60, bis vor Kurzem Polizist, jetzt Nebenerwerbslandwirt auf dem Hof seiner Frau, gegründet 1695, gehört zur „Notgemeinschaft“, einer Bürgerinitiative, die gegen die Nordumgehung gekämpft hat.

Reiner Barg von der „Notgemeinschaft“ vor der Nordumgehung. Quelle: Bert Strebe

Und verloren. Die Stadt sei noch mal zerschnitten worden, sagt er, Nachbarschaften seien zerrissen, Zehntausende vom Lärm betroffen, und überhaupt: „Dass man heute noch so eine Autobahn baut, durch einen Ort, durch die Landschaft!“

In den Achtzigern habe die Stadt mal eine Tunnellösung beschlossen, das sei intelligent gewesen, dann habe man das Vorhaben aus Angst um die Heilquellen wieder verworfen, erzählt Barg. „Dabei hätte es Lösungen gegeben. Aber auf Teufel komm raus haben sie das dann durchgezogen mit der Autobahn“. Barg befasst sich jetzt mit Lärmschutz und Grünbrücken und Wildschutzzäunen. Er seufzt. „Der Blick fürs Ganze hat gefehlt.“

Leerstände, Billigläden

Weil es die Umgehung – 9,5 Kilometer lang, 221 Millionen Euro teuer – gibt, fällt jetzt um so deutlicher auf, wie heruntergekommen die B 61 inzwischen ist, trotz eines eleganten

„Energie Forum“ von Architekt Frank O. Gehry in Bad Oeynhausen. Quelle: Bert Strebe

Baus von Frank O. Gehry am Ortseingang: Leerstände, Brachen, Billigläden, das Einkaufszentrum scheint auch keine Massen anzuziehen. Die Spurrillen, die die Lkw-Reifen in den Asphalt gegraben haben, sind keine Rillen mehr, sondern Wellen. Knöcheltief.

Bad Oeynhausen plant eine Sanierung. Es gibt Schätzungen, dass sich der Verkehr bei 15.000 Fahrzeugen pro Tag einpendeln könnte. Im Rathaus ist von teilweiser Einspurigkeit, von Radschnellwegen die Rede.

Wer weiß, eines Tages möchte man entlang der Mindener Straße oder der Kanalstraße vielleicht sogar spazieren gehen.

Fast zehn Kilometer Umgehung im Video:

Von Bert Strebe

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