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Lengede/Vechelde/Wendeburg Siedlungen der älteren vorrömischen Eisenzeit und späten römischen Kaiserzeit gefunden
Kreis Peine Lengede/Vechelde/Wendeburg Siedlungen der älteren vorrömischen Eisenzeit und späten römischen Kaiserzeit gefunden
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13:01 10.06.2018
Diese Baugrube weist sehr vielen dunklen Bodenverfärbungen von eisenzeitlichen und germanischen Gruben auf. Quelle: Jörg Weber
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Lengede

Im Winter 2017/18 wurden die Ausgrabungen im Lengeder BaugebietKreuzstein“ durch die Archäologen Thomas Budde aus Abbensen und Jörg Weber aus Cremlingen beendet. Wie bereits berichtet, ergab die von der Gemeinde beauftragte archäologische Begleitung der Baugebietserschließung im Laufe des Jahres 2016, dass Siedlungen der älteren vorrömischen Eisenzeit (8. bis 6. Jahrhundert vor Christus) sowie der späten römischen Kaiserzeit bis Völkerwanderungszeit (spätes 4. bis 5. Jahrhundert nach Christus) unter dem Baugebiet liegen.

Im Winter 2017/18 wurden die Ausgrabungen im Lengeder Baugebiet „Kreuzstein“ durch die Archäologen Thomas Budde aus Abbensen, und Jörg Weber aus Cremlingen, beendet.

Ferner traten immer wieder breit gefächerte Stränge einer alten Wegverbindung zwischen Lengede und Klein Lafferde auf, die nach Kartenzeugnissen zum sogenannten „Hohen Weg“ gehörten (etwa 17./18. bis 19. Jahrhundert).

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„Die Denkmalschutzbehörden in Peine und Braunschweig haben nach Abschluss der Erschließung insgesamt 27 Baugrundstücke im mittleren Bereich des Baugebietes mit Auflagen versehen, da sich dort die alten Siedlungsspuren konzentrierten“, berichtet Budde.

Die Grundstücke wurden nach und nach archäologisch untersucht. Ausgegraben wurde nur soweit, wie baulich bedingt in den Boden eingegriffen wurde. „Unter vielen Häusern ist daher noch jede Menge Archäologie konserviert, in den unbebauten Bereichen des Baugebietes ohnehin“, erklärt Budde.

250 archäologische Befunde erfasst

Erfasst wurden knapp 250 archäologische Befunde. Dabei handelt es sich in den meisten Fällen um Siedlungsgruben verschiedenster Funktion, viele davon recht fundreich.

Der größere Teil der Befunde gehörte zur eisenzeitlichen Siedlung. Diese erstreckte sich über die gesamte Breite des Baugebietes, das auf einem deutlichen Südhang liegt. Allerdings wurden die nördliche Hangkuppe und der hochwassergefährdete Niederungsrandes im Süden gemieden.

Unter den eisenzeitlichen Funden überwiegt naturgemäß die Keramik. Typisch sind große geraute Vorratsgefäße mit Fingertupfenrand (Rautöpfe), aber auch glattwandige mit oft konischer Mündungspartie (Kegelhalsgefäße).

Die Verteilung der eisenzeitlichen Gruben lässt auf vier bis fünf locker verteilte Hofstellen schließen. „Da in dieser Zeit pfostenlose Bauweisen bevorzugt worden sind, konnten keine Hausgrundrisse festgestellt werden. Doch fanden sich in den Gruben häufig gebrannte Lehmstücke von Wänden und Öfen“, erläutert Budde .

Unter den Funden überwiege naturgemäß die Keramik. Typisch seien große geraute Vorratsgefäße mit Fingertupfenrand (Rautöpfe), aber auchglattwandige mit oft konischer Mündungspartie (Kegelhalsgefäße). Beim Fundreinigen fiel ein merklicher Anteil durch Strichmuster, Dellen und Rillen verzierter schwarzer Feinkeramik auf. Diese gehören oft zu Henkeltöpfen, den so genannten „Nienburger Tassen“.

Nachweis einfacher Feuersteinwerkzeuge

Budde: „Das ganze Fund-Inventar ist typisch für die ,Harpstedt-Nienburger Gruppe’, einer einheimischen Kulturgruppe zwischen den Kelten im Süden und den frühen Germanen im Norden. Bemerkenswert ist der Nachweis einfacher Feuersteinwerkzeuge, während sich trotz großer Fundmengen nur ein einziges kleines Bruchstück eines Eisengegenstandes fand.“

Mehrere tönerne Spinnwirtel dienen als Beleg für die Textilherstellung. Neben Haustierknochen fanden sich in zwei Siedlungsgruben auch menschliche Skelettreste. Dieses Knochenmaterial soll noch anthropologisch untersucht werden.

„Überreste der rund 1000 Jahre jüngeren germanischen Siedlung traten nur im mittleren westlichen Teil des Baugebietes auf und dürften sich zweifellos weiter nach Westen in Richtung Fuhseniederung fortsetzen“, meint Budde.

Ein großes Webgewicht und Spinnwirtel aus dem Bereich der Grubenhäuser beweisen Textilherstellung. Die Keramik der germanischen Siedlung ist zum Teil sehr qualitätvoll.

Von Bedeutung sei hier die Entdeckung dreier nebeneinander liegender Grubenhäuser (eingetiefter Hütten) vom Sechs-Pfosten-Typ, an die sich nach Norden ein freier Platz mit Feuerstelle anschloss. Nördlich des Platzes folgte ein Bereich mit zahlreichen kleinen Gruben. Zum Teil gehören sie möglicherweise zu einem größeren Pfostenhaus. In der Umgebung der Grubenhäuser traten einige große Gruben und Grubenkomplexe unterschiedlicher Funktion auf.

Skelett eines kleinen Pferdes gefunden

„Besonderes Interesse verdient das Skelett eines kleinen Pferdes, das mit angewinkelten Beinen in einer flachen Grube – ungefähr in Ost-Westrichtung – niedergelegt war. Ähnliche oft kultisch gedeutete Befunde sind aus germanischen Siedlungen und mehr noch von Gräberfeldern bekannt“, schildert Budde.

Im deutlichen Unterschied zur eisenzeitlichen Siedlung traten in der germanischen Siedlung in den Gruben und Grubenhäusern Eisen- und Buntmetallgegenstände sowie Schlacken auf. Letztere belegen die Herstellung und Verarbeitung von Eisen vor Ort.

„Mindestens eine der Schlacken deutet augenscheinlich auf die Verarbeitung von Lengeder Erz statt des sonst üblichen Raseneisensteins hin. Dies ist naheliegend, da der ehemalige Ausbiss der Erzader zwischen Lengede und Bodenstedt nur etwa einen Kilometer entfernt liegt“, so der Archäologe.

Unter den meist einfachen Metallfunden ist ein schmaler gewulsteter Armring aus Bronze hervorzuheben. Er ist am Ende mit einem Tierkopf im germanischen Tierstil versehen, der aber aufgrund der grünen Patinaschicht nur schwach zu erkennen ist.

Textilherstellung nachgewiesen

Ein großes Webgewicht und Spinnwirtel aus dem Bereich der Grubenhäuser beweisen Textilherstellung. Die Keramik der germanischen Siedlung ist zum Teil sehr qualitätvoll. Neben der grauen „Braunschweiger Drehscheibenware“ – einem germanischen Imitat römischer Töpferware – kamen bei der Fundreinigung variantenreiche feine Reliefverzierungen zum Vorschein.

Die häufigste Gefäßform waren geraute Kümpfe in verschiedenen Größen. „Am vorletzten Grabungstag wurde noch eine grüne Glasperle als Beleg für den damaligen Frauenschmuck gefunden“, führt Budde aus.

Ausstellung geplant

Die Gemeinde Lengede hat inzwischen eine kleine Ausstellung über die Grabungen beauftragt, die noch im laufenden Jahr von den beiden Archäologen gestaltet werden soll.

Von Jan Tiemann