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Lengede/Vechelde/Wendeburg 90-Jähriger leitet seit 45 Jahren die Blasmusik
Kreis Peine Lengede/Vechelde/Wendeburg 90-Jähriger leitet seit 45 Jahren die Blasmusik
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20:00 26.06.2019
Der 90-jährige Günther Wittrin leitet die Bortfeld-Bettmarer Blasmusik.
Der 90-jährige Günther Wittrin leitet die Bortfeld-Bettmarer Blasmusik. Quelle: Ulrich Jaschek
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Bortfeld

Es müsse an den Genen liegen, dass er gut 20 Jahre jünger wirke, behauptet Günther Wittrin bescheiden. Seit 45 Jahren leitet der inzwischen 90-jährige Braunschweiger aus Thune die Bortfelder Blaskapelle, die vor einigen Jahren mit den Musikern aus Bettmar fusionierte.

Einer der ältesten Dirigenten

Das Besondere: Der ebenso betagte wie leidenschaftliche Musiker ist statistisch einer der ältesten Dirigenten eines deutschen Blasorchesters, wie Orchestermitglied Hans Paulsen stolz anmerkt. Dass der musikalische Leiter die stets mittwochs stattfindenden Proben zwei Stunden stehend leitet, ist für ihn völlig selbstverständlich.

Es müsse an den Genen liegen, wiederholt der in der Nähe von Danzig (Polen) geborene Dirigent, den offenbar auch die sommerlichen Temperaturen kalt zu lassen scheinen. Denn die sind nichts im Gegensatz zu dem, was der Mann erzählt, wenn man ihn um einen Rückblick auf sein Leben bittet.

Klavierspiel bringt Familie in Gefahr

Geboren in eine musikalische Familie fliegt ihm das Klavierspiel zu. Mit seinem Vater hört er im „Volksempfänger“ heimlich verbotene Jazz- und Boogie-Sendungen des englischen Radiosenders BBC. Fast spielt er sich und seine Familie danach um Kopf und Kragen, als er sich diesen Musikstil begeistert selbst erarbeitet und bei offenem Fenster die Nachbarschaft an seiner Spielfreude teilhaben lässt.

Als 16-Jähriger findet er sich kurz vor Kriegsende in einer Wehrmachtsuniform wieder, überlebt als Soldat wie durch „mehrere Wunder in schneller Folge“, schlägt sich anschließend allein durch britische Kriegsgefangenschaft und Nachkriegswirren und spielt dabei in mancher Kneipe auf vom Krieg verschonten Klavieren Schlager und die einst verbotene Musik.

Neue Heimat in Braunschweig

In Braunschweig findet er schließlich eine neue Heimat, gründet eine Familie, baut Anfang der 1960er-Jahre mit seiner Frau einen Spielmannszug auf, den er 25 Jahre leiten wird. An seiner Arbeitsstelle, der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt (PTB) findet er unter den 1500 Mitarbeitern jazzbegeisterte Kollegen und gründet mit ihnen 1988 die „Bigband der PTB“, die er ebenso wie die Bortfeld-Bettmarer-Kapelle noch heute leitet. Viele Jahre zuvor hatte ebenfalls ein Bortfelder PTB-Kollege Wittrins Herz für den kleinen Ort vor den Toren Braunschweigs und die dortigen Blasmusiker gewonnen.

Turbulenter Alltag

So bewältigt der Vollblutmusiker auch noch in der neunten Dekade seines ereignisreichen Lebens einen reichlich turbulenten Alltag: montags Bigband-Probe in Braunschweig, mittwochs Bläser-Training in Bortfeld und Bettmar – von diversen Auftrittsterminen und deren Organisation ganz zu schweigen. Nebenher verfasst Wittrin übrigens noch Texte für eine landsmannschaftliche Zeitung seiner ostpreußischen Heimat und komponiert und bearbeitet darüber hinaus mittels spezieller Programme Notenvorlagen für seine Bands.

Auftritt beim Bortfelder Volksfest

Dass der rüstige Musiker auch als Autofahrer noch taugt, bescheinigt ihm die freiwillige jährliche Teilnahme am jährlichen „ADAC-Fahr-Fitness-Check“, den er übrigens erst Anfang Juni wiederum mit Bravour bestanden hat.

Ab Samstag, 29. Juni, wird der 90-Jährige anlässlich des Bortfelder Volksfestes von 10.30 bis 13 Uhr bei einem Platzkonzert wiederum „seine“ Blaskapelle leiten. Leidenschaftlich und natürlich stehend. Es muss an den Genen liegen.

Von Ulrich Jaschek