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Hohenhameln Mutter verzweifelt: Krankenkasse streicht Intensivpflege für schwerstbehindertes Kind
Kreis Peine Hohenhameln Mutter verzweifelt: Krankenkasse streicht Intensivpflege für schwerstbehindertes Kind
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20:33 04.11.2019
Die Familie Aktürk (v.l.): Mutter Sevgi (39) mit Umut (4), Schwester Anise (14) und Vater Halil Ibrahim (43) mit Yussuf (12). Quelle: Jan Tiemann
Hohenhameln

Sevgi Aktürk aus Hohenhameln versteht die Welt nicht mehr – sie ist wütend, enttäuscht und fühlt sich im Stich gelassen. Sie und ihr Mann Halil Ibrahim haben zwei mehrfach behinderte Kinder, die Pflege rund um die Uhr brauchen. Ihr vierjähriger Sohn Umut (Pflegestufe 5) ist Autist, Epileptiker und hat einen angeborenen Herzfehler. Außerdem hat er einen schiefen Rücken und Knick-Senk-Füße – ohne Rollator kann er nicht laufen.

Seit Juli 2018 wurde Umut für zehn Stunden am Tag von 7 bis 17 Uhr von einer Intensivpflegerin betreut, die ihn auch in den Heilpädagogischen Kindergarten in Essinghausen begleitete. Diese Betreuung will die Krankenkasse Salus BKK nun streichen.

Auf Intensivpflege angewiesen

„Bei Umut müssen alle zwei Stunden die Sauerstoffsättigung und der Puls gemessen werden, und bei Bedarf muss er mit einer Sauerstoffflasche versorgt werden. Bei einem epileptischen Anfall braucht er sofort seine Notfallmedikation da jede Sekunde sehr wichtig ist. Mit jeder Sekunde sterben Gehirnzellen ab. Bei einem Sauerstoffabfall muss er mit Sauerstoff versorgt werden. Dies beinhaltet medizinische Fachkenntnisse dadurch sind wir auf die Intensivpflege angewiesen. Dies können die Erzieherinnen nicht leisten. Daher sind wir auf die Intensivpflege angewiesen“, sagt die 39-Jährige. Nun könne Umut seit Anfang Oktober nicht mehr in den Kindergarten, dabei benötige er die Förderung so dringend.

„Der Medizinische Dienst der Krankenversicherung MDK hat den Auftrag erhalten, die medizinische Indikation zu prüfen, und kam zum Ergebnis, dass eine spezielle Krankenbeobachtung im Rahmen der Richtlinie Häusliche Krankenpflege nicht medizinisch indiziert ist“, heißt es bei der Salus BKK (siehe unten). Umut habe zwar täglich häufiger Absencen (kurze Abwesenheitszustände). Diese würden aber keine Intervention der Begleitperson erfordern. Anhand der Information in den Pflegeprotokollen des Pflegedienstes sei in den Monaten Juni und September nur ein Mal ein epileptischer Anfall aufgetreten.

Dem widerspricht Sevgi Aktürk. Im Juli und August war sie mit Umut und seinem zwölfjährigen Bruder Yussuf, der ebenfalls Autist und Epileptiker ist, zur Reha in Geesthacht. Dort seien bei dem Vierjährigen bis zu zehn Absencen pro Tag und in dem Zeitraum drei große Anfälle beobachtet worden. „Außerdem hätten Ärzte mittlerweile festgestellt, dass Umut eine genetische Epilepsie hat und es keine Chance auf Heilung gibt.“

Umut und Yussuf Aktürk aus Hohenhameln sind beide mehrfach behindert und brauchen rund um die Uhr Hilfe.

Existenzielle Zerreißprobe

Neben der seelischen Belastung wird die Situation für die Familie auch zur existenziellen Zerreißprobe. „Ohne die Betreuung muss ich meinen Teilzeitjob als pädagogische Fachkraft aufgeben“, fürchtet Sevgi Aktürk. Dabei sei die Familie gerade zum 1. Juli in ein Haus in Hohenhameln gezogen, um für die Söhne Barrierefreiheit und Platz für Therapiezimmer zu haben. „Vorher haben wir in der ersten Etage gewohnt, und das ging gar nicht mehr.“

Wo ist die Gleichstellung von Behinderten Menschen?

Sevgi Aktürk ist verzweifelt: „Wir wollen Vater Staat nicht auf der Tasche liegen, wir wollen nur das Bestmögliche für unsere Söhne. Bei Umut geht es uns nur um diese zehn Stunden Intensivpflege, den Rest machen wir selbst. Wir haben vier Gutachten von Ärzten, die bei Umut die Notwendigkeit der Intensivpflege attestieren. Der MDK kann gerne bei uns vorbeikommen, um sich ein Bild von der Situation zu machen. Alle reden von Inklusion, gilt das nicht für uns? Wo ist die Gleichstellung von behinderten Menschen?“, fragt sich die Mutter.

In ihrer Not hat die 39-Jährige zahlreiche Fernsehsender angeschrieben und sich auch an den Peiner SPD-Bundestagsabgeordneten und Bundesminister Hubertus Heil gewandt. „Ansonsten bleibt wohl nur noch die Klage vor dem Sozialgericht“, sagt sie.

Stellungnahme der Salus BKK

Die Betriebskrankenkasse Salus BKK erklärt in einem Schreiben: „Seit Juli 2018 hat Umut Aktürk eine Intensivpflege-Häusliche Krankenpflege – spezielle Krankenbeobachtung – erhalten. Im Juni 2019 wurde für den Zeitraum 1. Juli. 2019 bis 30. Juni 2020 eine neue Jahresverordnung eingereicht. Der MDK hat den Auftrag erhalten, die medizinische Indikation zu prüfen und kam zum Ergebnis, dass eine spezielle Krankenbeobachtung im Rahmen der Richtlinie Häusliche Krankenpflege nicht medizinisch indiziert ist. Umut hat täglich häufiger Absencen, diese erfordern jedoch keine Intervention der Begleitperson. Die Maßnahmen aus der Häusliche Krankenpflege-Verordnung – Kindergartenbegleitung, Transportbegleitung und Übernahme der Pflege am Wochenende – dienen ausschließlich der Entlastung der Pflegeperson.“  

Dagegen habe die Mutter einen Widerspruch eingereicht. Am 30. September 2019 sei das Widerspruch-Gutachten gekommen.

„Hier führt der Gutachter aus, dass neben den Informationen aus dem Pflegegutachten Pflegeprotokolle samt Krampfprotokolle aus Juni 2019 sowie September 2019 ausgewertet wurden. Anhand der vorliegenden Information in den Pflegeprotokollen des Pflegedienstes trat in den beiden Monaten nur ein Mal ein Anfall auf, bei dem nach zwei Minuten das Notfallmedikament Buccolam gegeben wurde. Dies entspricht aber nicht der fachkundigen Empfehlung. Dieses Notfallmedikament ist erst nach drei bis fünf Minuten andauernden Anfällen zu verabreichen“, so die Salus BKK.  

Gemäß der Richtlinie für häusliche Krankenpflege des Gemeinsamen Bundesausschusses sei die spezielle Krankenbeobachtung unter anderem dann verordnungsfähig, „wenn mit hoher Wahrscheinlichkeit sofortige Intervention bei lebensbedrohlichen Situationen täglich erforderlich ist“. Dies sei laut den Pflegeprotokollen des Pflegedienstes, aus den Monaten Juni und September nicht der Fall. Zwar würden täglich Absencen auftreten, jedoch bedürften diese üblicherweise keiner besonderen Intervention, und eine vitale Gefährdung sei zu keiner Zeit ersichtlich gewesen.

Voraussetzungen für häusliche Krankenpflege nicht erfüllt

Und weiter: „Die Voraussetzungen nach Richtlinie für häusliche Krankenpflege sind nicht erfüllt. Für eine Genehmigung der Kostenübernahme gibt es daher keine Grundlage. Als gesetzliche Krankenversicherung haben wir uns an die Vorgaben des Gesetzgebers zu halten. Sollten wir im Einzelfall Kostenübernahme ohne eine Grundlage genehmigt haben, ist der Vorstand nach Paragraf 12, Absatz 3, Sozialgesetzbuch SGB V zum Schadensersatz verpflichtet.“

Von Jan Tiemann

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