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Stadt Peine Was Seenotretter im Mittelmeer erleben
Stadt Peine Was Seenotretter im Mittelmeer erleben
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10:33 16.04.2019
GSP-Vortrag: (von links) Referent Kapitänleutnant Florian Rohman, Tim Faustmann (MIT), Sektionsleiter Friedrich Deichmann, Rolf Büttner, Georg Martin Winkler, Roland Schwartz und Walter Heider (alle GSP-Team). Quelle: privat
Peine

Über die Teilnahme im Rahmen der EUNAVORMED-Operation Sophia referierte Kapitänleutnant Florian Rohman (Jugendoffizier Braunschweig) bei der Gesellschaft für Sicherheitspolitik, Sektion Braunschweig/Peine/Wolfenbüttel und der Mittelstandsvereinigung (MIT) der CDU in der „Bürgerschenke“ in Peine.

68,5 Millionen auf der Flucht

Der Referent stellte den Einsatz der Deutschen Marine in den Zusammenhang der großen Fluchtbewegungen: 68,5 Millionen Menschen seien zur Zeit auf der Flucht, nur dreieinhalb Millionen, also rund fünf Prozent flüchteten in Richtung Europa. Die anderen blieben in der Nähe ihrer Herkunftsregion.

Auch Russland ist involviert

Der Einsatz vor der libyschen Küste sei direkt mit den Auswirkungen des arabischen Frühlings konfrontiert gewesen, der zum Zusammenbruch aller staatlichen Ordnung in Libyen geführt habe. Rund 1500 Gruppierungen kämpften dort mit- oder gegeneinander und würden die die unterschiedlichsten Interessen vertreten. Involviert sei dort auch Russland, das militärische Interessen und Stützpunkte im Mittelmeer habe.

Nicht planbare Herausforderungen

Im Rahmen des einem UN-Mandat verpflichteten Einsatzes mussten die 100 Mann Besatzung des Versorgers der Marine nicht vorhersehbare oder planbare Herausforderungen bewältigen. Das Schiff war für die Aufnahme von 500 Flüchtlingen vorgesehen, tatsächlich nahm es bis zu 1200 Menschen auf. Nicht nur massive sanitäre und Versorgungsprobleme waren zu meistern, auch das Verhalten von Menschen im Überlebensmodus wie auf der bisherigen Flucht, Schlägereien im Minutentakt oder der blanke Hass zwischen unterschiedlichen Ethnien und Religionszugehörigkeiten verlangten Eingreifen der Besatzung um zu verhindern, dass Gerettete einander über Bord warfen.

Nicht vorstellbare Schicksale

Wie Menschen sich hassen, das sei für ihn das prägendste Erlebnis gewesen, unterstrich Rohmann. Die Soldaten mussten die Flüchtlinge über Herkunft und Identität befragen. Für Mitteleuropäer nicht vorstellbare Schicksale traten zutage. Ein Mädchen mit zwei Kleinkindern habe erklärt, 15 Jahre alt zu sein. Sie habe ihre Flucht mit elf Jahren begonnen. Das Geld für die Schlepper habe sie durch Zwangsprostitution verdient. Daher auch die Kinder.

Von den Schleppern erpresst

Männer würden von den Schleppern erpresst. Sie würden gezwungen, zu Hause mit dem Handy 2000 Dollar zu bestellen. Aufklärungsflugzeuge anderer Nationen seien über die Auffanglager der Schlepper und den küstennahen Bereich geflogen, um Entwicklungen abschätzen zu können. Die Bundesmarine hatte die Aufgabe, Schlepperbanden ausfindig zu machen. Erstaunlicherweise habe sie diese nicht festnehmen dürfen.

Schlepper kappten die Taue

Die Schlepper kappten 25 bis 30 Kilometer vor der Küste die Taue zu den von ihnen geschleppten überbelegten Schlauchboten und überließen sie ihrem Schicksal. Die Schlauchboote waren von so schlechter Qualität, dass sie spätestens nach einem Tag sanken – und die Menschen mit ihnen. Oder Holzboote, mit 700 Flüchtlingen überbelegt, die ihrem Schicksal überlassen wurden. Libysche Soldaten wurden für die rudimentäre Seefahrt ausgebildet, im Zweitjob arbeiteten sie als Schlepper.

Problematischer Waffenschmuggel

Die Bundesmarine sollte Waffenschmuggel unterbinden. Problematisch. Beispiel: Eine handelsübliche Yacht mit einem MG-Schützen auf dem Dach, zwei Speedbooten im Schlepp und der libyschen Flagge. Nach den Anfragen bei der EUNAVORMED-Führung in Rom kam nach langem Warten schließlich die Erlaubnis, an Bord zu gehen. Die Libyer behaupteten, sie seien von der libyschen Marine. Das konnte nicht sein, da sie keineswegs seefest waren. Das Schiff steckte voller Waffen, die auf das deutsche Schiff umgeladen wurden. Die Leute waren Schmuggler, die Waffen von A nach B brachten und waren traurig, weil sie jetzt von Ihren Auftraggebern kein Geld bekamen.

Rettung von Flüchtlingen

Eine weitere Aufgabe war die Flüchtlingsrettung. Es handelte sich rechtlich um Seenotrettung. Nach der UN-Charta ist der Kapitän verpflichtet, in Seenot Geratene in den nächsten sicheren Hafen zu bringen. Rohmann beschrieb die Szene: Mehrere Tausend Leute im Umkreis, die Schlepper warten auf ihren Fahrzeugen in einiger Entfernung, um nach der Übernahme der Flüchtlinge durch Marinefahrzeuge – auch andere Marinen waren im Einsatz – oder zivile Rettungsschiffe ihre Seelenverkäufer wieder an den Haken zu nehmen und sie wieder mit Flüchtlingen zu füllen. Daher versenkte die Marine die leeren Fahrzeuge.

Jurist mit an Bord

Für die Rechtssicherheit hatte der Versorger einen Juristen an Bord. Denn die Rettung hatte nach einem festgelegten, juristisch einwandfreien Schema vor sich zu gehen. Das deutsche Speedboot musste auf das Flüchtlingsboot zufahren und den Flüchtlingen zurufen: „Seid ihr in Seenot?“ Die mussten „Ja!“ rufen. Erst dann durfte die eigentliche Rettung beginnen. Die Verrechtlichung sei dennoch unerlässlich, unterstrich Rohmann: Die Bundeswehr halte sich an das UN-Mandat, an die Seerechtskonvention und selbstverständlich an das Grundgesetz.

Italien kann’s nicht allein machen“

Rohmann warb für Verständnis für das Verhalten Italiens in der Flüchtlingskrise: „Italien kann’s nicht allein machen.“ Der Vortragende machte deutlich, dass wir in Europa in einer Blase des Friedens und des Wohlstandes leben und vieles durch unsere Brille sehen. Aber viele wollten anders leben als in ihren Herkunftsländern ohne ausreichende Kenntnisse über demokratische Rechtsvorstellungen und Einhaltung von Menschenrechten.

Von der Redaktion

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