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Lieber in Schuläpfel als in Bildung investieren

Bitterböse Polemik Lieber in Schuläpfel als in Bildung investieren

Auf der Bühne: ein polierter schwarzer Flügel und ein weißes Baumarkts-Bistro-Tischchen. Mehr braucht Lars Reichow am Freitagabend nicht, um das Peiner Publikum gut zwei Stunden lang mit zotigen Alltagsbetrachtungen und wundervollen und bitterbösen Liedern zu unterhalten.

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Lars Reichow polemisierte im Peiner Forum, das Publikum war begeistert.

Quelle: im

Peine. In Jeans, knittrigem Hemd rauscht er pünktlich auf die Bühne und beginnt ohne Verzug mit dem, was er am besten kann: Klavier spielen.

Wunderbar jazzige und chansonhafte Moll-Kadenzen. Mal fließend, mal aufgeregt bewegt oder trocken-knackig rhythmisiert – ganz wie es die süßen und die boshaften Verse seiner Lieder verlangen. Nach zwei Jahren gastiert der Kabarettist Lars Reichow wieder in der Fuhsestadt. Das Forum ist fast ausverkauft. Gleich zu Beginn gibt es eine sarkastische Abrechnung mit der Wirtschaftskrise – „Herbst: es regnet feine Nadelstreifen von den Bäumen“, heißt es da. Reichow entwirft groteske metaphorische Szenen von einem todessiechen aber ätzend-arroganten Kapitalmarkt, den die Finanzspritze der Politik wieder zur Genesung verhelfen soll.

Er räsoniert über Eisbär Kurt, der wegen seiner unzureichenden Fellpflege zu den Braunbären verlegt wurde, goutiert das selbstbewusste Rauchen von Altkanzler Schmidt, der sich seine Menthol-Kippen auch neben Dynamitfabriken oder auf Tankstellen anstecken dürfe und natürlich über die Bildungskrise. Der Umweltkrise müsse jeder Einzelne im Kleinsten entgegenwirken – und das ist in der Lars-Reichow-Welt der Frühstückskrümel, über dessen unterschiedliche Aggregatzustände er sich zehn Minuten auslässt. Vom Croissant geht’s zum französischen Staatspräsidenten, zu den dicken deutschen Kindern, die eben auch noch doof sind: „Besser in Schuläpfeln investieren als in Bildung. Das Resultat sieht man sofort. Doofheit ist nicht unter zwei Generationen zu beheben.“

Und in dieser cowboyhaft rau-polemischen Schnodderigkeit geht das weiter. Von Makkaroni-Faschisten oder Pommes-Visagen zum flatulenten deutschen Campingurlauber bis zu einer bis ins Alptraumhafte gesteigerte Version vom Gründer der Schlecker-Kette, der auf einem Elefantenleder-Sofa seine Familie demütigt und Überwachungsvideos aus seinen Filialen schaut. Dazwischen immer wieder Lieder mit Texten, die zwischen liebes-schön lyrischen Bildern, ironischen Brechungen und polemischer Krawall-Schlägerei changieren.

Die geharnischten Verse sind so stets auf Barrikadenhöhe gegen den Rest der Welt als der Schönheit und Liebe ergeben – denn genau die gilt es offenbar zu schützen und nicht in platten Bildern preiszugeben.

Das dem so, ist beweist Reichow in seinem letzten Lied: „Vom Glück“. Das Glück selbst schaut herein. Nur selten könne es den Einzelnen besuchen, weil es ja ganz alleine sei aber für alle Menschen zu sorgen habe. Ein tolles Bild, ein toller Abend.

Björn Wulfes

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