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Kein Leben ohne „Leben ohne“…

Glossen-Großfeuerwerk bei Gillmeister Kein Leben ohne „Leben ohne“…

„Wir müssen reden!“ Was so, je nach Betonung, im zwischenmenschlichen Bereich meist auf Partner-Beschimpfungsbedarf hindeutet, bekam in Gillmeisters gläserner Bücherburg allerdings einen wesentlich wohligeren und darüber hinaus vergnüglichen sprachlichen Drall. Die Spezialisten für dieses Metier kennen PAZ-Leser aus ihrer täglichen Frühstücks-Lektüre: Uwe Janssen, Kulturredakteur aus Hannover („Leben ohne…“) und Journalist Bruno Brauer (Platzwart).

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Bruno Brauer (links) und Uwe Janssen während der Lesung in Peine.

Quelle: cb

Peine. Und um es vorwegzunehmen: Die Männer können nicht nur schreiben - sie können auch lesen. Und singen. Und unterhalten. Und zweieinhalb Stunden ununterbrochen auf hohem Niveau witzig sein. Und wer schafft das sonst schon?

Ihre thematischen Steilvorlagen legt den beiden Kolumnisten (die Hausherr Hubertus Gillmeister in seiner Begrüßung in undeutlicher Aussprache als „Kommunisten“ begrüßte), in haargenauen Pässen das tägliche Leben vor.

Und das so viel, dass sie weder auf den abgedroschenen Geschlechterkampf oder noch schlimmer angewiesen sind.

Sondern lieber über Ulla Schmidt und ihren Chauffeur samt Dienstwagen auf Wahlkampftour in Neuseeland auf dem Weg zu einer Wahlrede vor sieben Briefwählern lästern. Sehr hübsch auch die politische Farbenlehre, die sie in einer „Testbildkoalition“ enden lassen. Geordnete Verhältnisse also, in denen sich die Staatsschulden von gerade mal 1731 Billionen Euro allein aus dem bereinigten Jahreseinkommen der Kanzlerin innerhalb von nur zehneinhalb Millionen Jahren tilgen lassen.

Das Publikum schüttelt sich vor Vergnügen und die Wortakrobaten legen ununterbrochen nach: Es geht um Sparfächer in den Kneipen und die Kreditgeschäfte auf dem Bierdeckel, die Generation Dosenpfand und Putin mit freiem Oberkörper. Da segeln Manuskriptblätter wie beim Striptease die Dessous, Janssen beweist außerdem immer wieder seine Fertigkeit an Gitarre und Stimmband und mischt unter diesen so wunderbar gequirlten Schmarrn aus den Tatsachen der Wirklichkeit seine hübschesten Verzichtsgeschichten „Leben-ohne…“

Und dann der 60. Staatsgeburtstag mit dem obligatorischen Rückblick speziell in die fünfziger Jahre. Wir lernen: der deutsche Hawaii-Toast, erfunden 1953 vom ersten Fernsehkoch Clemens Wilmerod gilt den lästernden Lüstlingen als „Pyramide des Grauens“ und das herzlich belachte Gericht „Arabisches Reiterfleisch“ ist keine Erfindung der beiden Glossen-Heroen sondern auch heute noch auf Speisezetteln präsent. Vielleicht kriegt man sich bei Delikatessen wie Jäger- oder Zigeunerschnitzel in 100 Jahren vor Lachen auch nicht mehr ein

Publikum wie Vorleser sind längst Freunde - und wer nun auf ein Leben ohne „Leben ohne“ nicht mehr verzichten kann: die gebundene Ausgabe gleichen Titels mit den besten Geschichten vom Verzichten kostet weniger als 10 Euro. Und dann lesen statt reden!

Ulrich Jaschek

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