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"Ich war wie im Rausch"

Doppelmord auf Campingpplatz "Ich war wie im Rausch"

Enttäuschte Liebe schlägt um in Hass: Beim Prozess-Auftakt in Stade legte der angeklagte Peiner ein umfassendes Geständnis ab. Erst habe er auf seine schreiende Ex-Freundin eingestochen und nach einer kurzen Verfolgung über den Campingplatz in Cuxhaven auch auf deren Freundin.

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Stade. Es ist eine dieser Geschichten, bei denen enttäuschte Liebe und Zurückweisung umschlagen in wütenden Hass. Mit schlimmen Folgen. In diesem Fall endete der Amoklauf eines abgewiesenen Liebhabers in einem Blutbad auf einem Campingplatz in Cuxhaven, dem in der Nacht zum 26. August 2009 zwei junge Frauen aus Winsen/Aller zum Opfer fielen.

Am Montag hat vor dem Landgericht Stade der Prozess gegen den 30 Jahre alten Mann aus Peine begonnen, der die Tat gestanden hat. Die Anklage lautet auf Mord und Totschlag.

„Als ich sie das erste Mal gesehen habe, war ich hin und weg“, erzählt Thomas H. stockend und mit den Tränen kämpfend, als er vom Vorsitzenden Richter aufgefordert wird, die Entwicklung der Beziehung zu der Heilerziehungspflegerin Nadine T. zu schildern, die er im August 2008 über das Internet kennenlernte. „Sie war warmherzig, baute mich auf, wenn es mir schlecht ging, wir brauchten uns gegenseitig.“ Immer intensiver sei die Beziehung geworden, sagt der Mann mit den kurzgeschnittenen dunkelbraunen Haaren. Doch nach einigen Monaten habe Nadine geklagt, dass sie sie sich eingeengt fühle, mehr Freiheit benötige. Er habe das nicht verstanden, sagt der Mann, der aus Dresden stammt und zuletzt als Gabelstapelfahrer tätig war. Eifersucht sei ins Spiel gekommen.

Um zu kontrollieren, womit (und mit wem) sie sich beschäftigte, habe er daraufhin Tag und Nacht bei ihr angerufen, ohne seinen Namen zu nennen und immer gleich wieder aufgelegt. Schließlich habe er eine Männerstimme am anderen Ende der Leitung gehört und sich in seinem Argwohn bestätigt gesehen. Um in Erfahrung zu bringen, mit wem sie nächtelang chattete, habe er dann auch ihr Password geknackt und sich einen Überblick über ihre zahlreichen Internetkontakte verschafft. „Das hat mir die Sprache verschlagen“, sagt H. mit zitternder Stimme. „Ich wollte ja der einzige sein für sie, ihr Einzigster.“

Dabei hatte auch Thomas H. nebenher Intimbeziehungen – anfangs zu seiner langjährigen Freundin, von der er sich erst Neujahr 2009 trennte, später zu wechselnden Frauen. Doch Nadine T. sei für ihn eben etwas ganz besonderes gewesen, betont er immer wieder. Schließlich kommt ihm die Idee, die Geliebte zurückzugewinnen, indem er sich als ihr Helfer in Szene setzt. So lockert er am Auto Nadines den Vorderreifen, um die technischen Probleme, die sich daraus ergeben, selbst zu beheben.

Etwas ähnliches habe er auch vorgehabt, sagt er, als er Ende August mit einem Küchenmesser zu jenem Campingplatz nach Cuxhaven gefahren sei, wo Nadine T. mit ihrer Freundin Anne G. Urlaub machte. „Ich wollte ihre Reifen zerstechen und ihr danach neue beschaffen“, erzählt er dem Gericht.

Diese Version ist neu. In früheren Vernehmungen hatte der Angeklagte ganz andere Angaben zu dem Küchenmesser gemacht. Zunächst beteuerte er, er habe es erst im Campingwagen gefunden, später sagte er, er habe damit das Vorzelt aufschneiden wollen. Die Frage ist für den Prozessverlauf von großer Bedeutung. Denn die Staatsanwaltschaft sieht in dem Messer ein Indiz dafür, dass H. bereits mit festem Tötungsvorsatz nach Cuxhaven gefahren ist – dunkel bekleidet, mit Handschuhen und einer schwarzen Strickmütze ausgestattet.

Gegen 3 Uhr stieg H. in den Campingwagen, saß nach seinen Worten etwa anderthalb Stunnden neben seiner schlafenden Ex-Freundin. Als sie erwachte, sei die Situation eskaliert, sagt der Angeklagte. „Du blöder Ossi, du glaubst doch wohl nicht, dass ich zu dir zurückkehre“, habe Nadine ihn angegiftet. „Ich war so wütend, dass ich am ganzen Leib zitterte.“ Dann habe er das Messer genommen und auf die schreiende Geliebte eingestochen. „Ich war wie im Rausch, unfähig aufzuhören oder nachzudenken.“ Als von dem Geschrei Nadines Freundin Anne G. wach wurde, stach er auch auf diese ein. „Für mich war es wie eine Person.“ Als die junge Frau flüchtete, verfolgte er die Schwerverletzte quer über den Campingplatz und tötete sie mit weiteren Messerstichen. „Ich sterbe, ich sterbe“ – dies waren nach den Angaben eines Zeugen die letzten Worte Annes, die wie ihre Freundin 27 Jahre alt wurde.

Nach der Tat flüchtete Thomas H. vor der anrückenden Polizei, fuhr zurück nach Peine und warf seine blutige Kleidung in den Müll, bevor er wenige Stunden später festgenommen wurde.

Dem Angeklagten gegenüber sitzen die Eltern und Geschwister der getöteten Frauen als Nebenkläger; sie liegen sich weinend in den Armen oder lauschen den Ausführungen stumm vor Entsetzen.

Von Heinrich Thies

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