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Die Energiewende kommt – aber wie?

Hans-Jürgen Ebeling Die Energiewende kommt – aber wie?

Der Peiner Experte Professor Dr. Hans-Jürgen Ebeling schreibt hier ausführlich über das Thema Energiewende.

Peine . Die globale Situation der Energieversorgung ist durch eine spürbare Verknappung der fossilen Energieträger Öl und Erdgas bei gleichzeitigem Drohen einer bevorstehenden Klimakatastrophe gekennzeichnet.

In Deutschland kommt erschwerend hinzu, dass angesichts der Ereignisse von Fukushima die öffentliche Akzeptanz der Kernenergie dramatisch gelitten hat und weite Teile der Bevölkerung eine rasche Abkehr von dieser Energiequelle fordern. Angesichts des offensichtlichen Mangels an sonstigen Alternativen wird die Zukunft der Energieversorgung weltweit mehr und mehr von regenerativen Energiequellen (REQ) gesichert werden müssen, wenn gleichzeitig die ambitionierten Klimaschutzziele erreicht werden sollen.

In Teilen der deutschen Öffentlichkeit löst diese Aussicht Erleichterung, oft genug Begeisterung aus. Fast zögert man, in diese Euphorie hinein auf einige Fakten hinzuweisen, die eigentlich von niemandem bestritten, aber auch nicht mit der nötigen Aufmerksamkeit diskutiert werden. Die Folgen dieses Paradigmenwechsels werden auch und gerade für ein Industrieland wie Deutschland gravierend sein. Da wir aus geografischen bzw. geologischen Gründen nur wenig auf Wasserkraft oder Erdwärme als Energiequelle zurückgreifen können, bleiben im Wesentlichen Wind, Sonne und Biomasse. So weit so gut? Nein, so weit, so problematisch!

Die REQ trugen in Deutschland im Jahr 2010 knapp 10% zur Primärenergieversorgung und 17% zur Stromversorgung bei. Das ist angesichts der kurzen Geschichte der REQ ein erfreulicher hoher Wert, der zugleich aber auch verdeutlicht, welch langer Weg noch vor uns liegt. Bei aller Aufgeregtheit der Diskussion über den richtigen Weg wird die vernünftigste und umweltfreundlichste „Quelle“ überhaupt oft übersehen : Das Energiesparen. Die älteren Leser werden sich erinnern, mit wie wenig Energie ihre Eltern und Großeltern zurecht gekommen sind. Durchgängig zentralbeheizte, geräumige Häuser und Wohnungen mit vollelektrifizierten Haushalten, Reisen per Auto und Flugzeug wohin man immer gerade reisen möchte, sind innerhalb einer Generation für viele zur Selbstverständlichkeit geworden. Energieverschwendung ist in einer Wohlstandsgesellschaft offenbar so selbstverständlich wie Übergewicht. Werden sich unsere Kinder und Enkel diesen Lebensstil weiterhin leisten können oder muss es nicht vor einem Umbau der Energieversorgung zunächst ein Nachdenken über zumutbare Einschränkungen geben? Am Anfang einer wirklichen Energiewende müsste jedenfalls zunächst der Ausstieg aus der Energieverschwendung stehen.

Auch das ist leichter geschrieben als getan. Rund 50% der Primärenergie werden bei uns für Raum- und Prozesswärme benötigt. Neue Häuser müssen vernünftigerweise nach hohen Dämmstandards errichtet werden und benötigen wenig Restenergie. Schwieriger ist es beim Altbestand, der in Deutschland dominiert. Innerhalb weniger Jahre in diesem riesigen Verbrauchssektor signifikante Einsparungen erzielen zu wollen, wie es sich u.a. die Bundesregierung vorstellt, wird an mannigfachen Hürden scheitern. Eine ernsthafte Auseinandersetzung gerade mit diesen Hemmnissen wäre aber Voraussetzung, um wenigstens langfristig zu Ergebnissen zu kommen.

Stattdessen konzentriert sich die öffentliche Diskussion viel zu sehr auf die Stromproduktion, die indes heute nur ca. ein Drittel des Primärenergieaufkommens beansprucht. Freilich sind die sichtbaren Zeichen dieser Energierevolution spektakulär, aber das ist erst der Anfang. Windgeneratoren gefallen schon heute nicht jedem, dabei wird sich ihre Zahl in den nächsten Dekaden vervielfachen müssen. Heutige Anlagen werden nach und nach durch eine neue Generation der 3-5 Megawattklasse ersetzt werden, die höher als der Kölner Dom bis zu 170m in die Landschaft ragen. Nicht irgendwo etwa, sondern auch hier bei uns und auch dort, wo wir gern Urlaub machen, besonders an Nord- und Ostsee. Die politisch sicher unverdächtige Deutsche Energieagentur (DENA) rechnet in einem Gutachten mit bis zu 3600 km neuer Höchstspannungsleitungen, die gebaut werden müssen, um die schwankenden Windleistungen aus der norddeutschen Tiefebene und besonders aus den sog. Offshore-Anlagen draußen auf dem Meer in die Verbrauchsschwerpunkte leiten zu können. Vor allem aber müssen Speicher gebaut werden, um die Inkongruenz von Energieangebot und –bedarf, die Achillesferse der REQ schlechthin, ausgleichen zu können. Es ist der entscheidende Fehler der deutschen Energie- und Umweltpolitik der letzten 15 Jahre, dass man den Ausbau der REQ mit massiven Fördermaßnahmen vorangetrieben hat, ohne die Transport- und Speicherfrage überhaupt anzugehen. Dabei ist weitgehend ungeklärt, wie diese Speicheranlagen eigentlich konzipiert werden können, denn Strom an sich ist praktisch nicht speicherbar. Wie immer die Lösung aussehen mag, Speicher werden gigantische Ausmaße annehmen und damit massiv in die Landschaft und Infrastruktur unseres Landes eingreifen.

Statt diese Kernfragen von Anfang an in eine konsistente Politik einzubeziehen, hat man sich in den vergangenen Jahren auf die Förderung des Ausbaus der Solarenergie konzentriert. Während ich diese Zeilen schreibe, ist es draußen dunkel. Die Photovoltaik leistet in 2011vorraussichtlich einen Beitrag von knapp zwei Prozent zur Stromversorgung, belastet aber den Stromverbraucher mit etwa 8 Mrd. € pro Jahr – mit steigender Tendenz. Mag dieses für den kleinen Haushaltskunden nur ärgerlich sein, für energieintensive Betriebe wird es in Deutschland zusammen mit anderen Kostenfaktoren nach und nach zur Existenzfrage. Könnte eines Tages auch Ihr Arbeitsplatz davon betroffen sein, lieber Leser? Bei Lichte besehen handelt es sich um eine gigantische volkswirtschaftliche Fehlallokation, die chinesischen Modulproduzenten mehr Freude als ihren deutschen Konkurrenten macht und zu wenig innovativen Impulsen geführt hat.

Die Biomasse dagegen ist gut speicherbar und daher ähnlich wie unsere konventionellen Energiequellen ganzjährig und bedarfsgerecht verfügbar. Hilft sie uns aus dem Dilemma? Ich fürchte, nein. Pflanzen besitzen einen extrem niedrigen energetischen Wirkungsgrad, der deutlich unter 1% liegt. Um nennenswerte Energiemengen produzieren zu können, braucht man folglich große landwirtschaftliche Flächen, zu deren Bewirtschaftung man viel Energie in Form von Diesel, Dünger und Produktaufbereitung benötigt. Bei aller Sympathie muss jede Biomasseanlage zunächst den „Stresstest“ bestehen, nämlich dass sie mehr Energie produziert als man in sie hineinsteckt. Dieser Nachweis wird nicht überall gelingen. Ein nennenswerter Beitrag der Biomasse zur Versorgung wird eine Umgestaltung unserer landwirtschaftlichen Struktur bedingen, deren ökologische Folgen bedacht werden müssen. Ein weiteres Artensterben durch Monokulturen darf ebenso wenig akzeptiert werden, wie eine Verdrängung von Nahrungsmittelproduktion angesichts des Hungers in weiten Teilen der Welt. Wenn ich lese, dass in Brasilien ökologisch hochwertiger Regenwald Brandrodung zum Opfer fällt, um Rapsöl zu produzieren, das deutschen Autofahrern als ungeliebtes E10 untergemischt wird, steigt mir die Zornesröte ins Gesicht. In Mexico hat sich der Preis für das Grundnahrungsmittel der armen Leute Mais binnen kurzem verdreifacht, damit amerikanische Autofahrer ihre Biospritquote erfüllen können.

Das alles wirft die Frage nach den Kosten einer solchen Energiewende auf. Alles sei halb so schlimm, die Kostenbelastung für die Verbraucher sehr moderat, versuchen einige Protagonisten zu beruhigen. Dabei drängt sich mir ein Vergleich zur Entwicklung der griechischen Staatsfinanzen auf : Zu Anfang klang es eigentlich ziemlich harmlos.

Die bereits zitierte DENA schätzt hingegen allein die Kosten für den REQ-Anstieg bis zu einem Anteil von 40 % auf 4,5cts/ kWh netto und fügt hinzu, dass die Kosten für zugehörige Speicheranlagen von ihr gar nicht abgeschätzt werden können. Allein dieses kurze Zitat lässt die Dimensionen ahnen, die bei einem vollständigen Umstieg auf REQ auf die Verbraucher zukommen werden.

Trotz allem bleibe ich dabei: Die Zukunft der Energieversorgung wird weltweit und auch bei uns maßgeblich auf REQ beruhen. Dies wird Herausforderungen von revolutionärem Ausmaß mit sich bringen. Die Konsequenzen werden nicht „die anderen“, sondern jeden von uns betreffen und berühren. In jedem Fall werden wir uns auf ein wesentlich höheres Preisniveau als heute einstellen müssen. Man muß den Menschen deshalb die Wahrheit sagen.

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