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Sport Überregional Robert Harting: „Ich freue mich, dass ich nächstes Jahr aufhöre“
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07:00 08.07.2017
„Ich bin der Letzte, der sagt, dass ich keine Lust habe. Wenn ich Blut rieche, bin ich dabei“: Diskuswerfer Robert Harting greift heute bei den deutschen Meisterschaften in Erfut an.  Quelle: dpa
Erfurt

 Robert Harting ist zurück. Im Diskusring ist er noch nicht ganz der Alte, noch nicht der alles Dominierende wie einst. Aber er hat mit 66,30 Metern die Norm für die WM im August in London geschafft – im Gegensatz zu seinem Bruder Christoph, dem Olympiasieger von Rio. Bei den deutschen Meisterschaften in Erfurt kommt es heute (17.45 Uhr, ARD) also wieder zum großen Bruderduell.

Olympiasieger, Welt- und Europameister, deutscher Meister, dann verletzt und zurückgekämpft. Was motiviert Sie noch weiterzumachen?

Ich sehe Probleme immer als Herausforderungen. Es geht für mich nicht mehr darum, Dinge erobern zu müssen. Ich will nach den Verletzungen sehen, was jetzt noch geht. Produktoptimierung. Außerdem bin ich auch noch nicht so alt. Es gab noch keinen Diskuswerfer, der nach einem Kreuzbandriss eine Medaille gewonnen hat – vielleicht bin ich ja der erste. So habe ich meine eigenen Ziele.

Wie sind Sie mit den Verletzungen in der Vergangenheit umgegangen – gerade weil diese Sie auch bei den Olympischen Spielen 2016 gestoppt haben?

Ich achte auf mein Bauchgefühl. Das sagt mir: Ich kann es schaffen – oder eben nicht. Von Verletzung zu Verletzung ist es unterschiedlich, manche wirken sich besonders stark auf meinen Sport aus. Dann wird es schwer, sich durchzubeißen. Aber ich kann das!

Das sehen wir aktuell: Sie haben vor einigen Wochen Ihr Comeback gefeiert und die WM-Norm geschafft. Was nehmen Sie sich für die deutschen Meisterschaften und die Weltmeisterschaft in diesem Jahr vor?

Ehrlich? Gar nichts! Ich habe den Trainer gewechselt, musste eine Knieoperation über mich ergehen lassen. Wir haben unser Saisonziel mit der Norm schon erreicht. Leider haben die Verletzungen in meinem Athletenalter ganz andere Folgen. Im Januar habe ich noch 55 Meter geworfen, damals habe ich stark gezweifelt. Jetzt habe ich immerhin die 66 Meter geschafft.

Und welche Steigerung wird es bis zur WM?

Das Ende der Fahnenstange ist momentan erreicht. Die 66 Meter sind die Weite, die ich aktuell werfen kann. Um weiter zu werfen, müsste ich eine andere Bewegung, andere Kniewinkel erreichen. Das geht aber nicht, weil ich nach der Operation immer noch Probleme mit dem Knie habe.

Besteht die Chance, dass Sie diese Bewegungsabläufe in absehbarer Zeit wieder durchführen können?

Das hängt davon ab, wie schnell wir eine Lösung finden. Wenn ich dann noch zwei, drei Wochen unter den neuen Bedingungen trainieren kann, dann ist viel möglich. Aber das ist alles spekulativ. Ich darf nicht vergessen, wo ich in diesem Jahr herkomme. Ich bin der Letzte, der sagt, dass ich keine Lust habe. Wenn ich Blut rieche, bin ich dabei!

Aber Sie wollen doch bestimmt noch mal für Furore sorgen – etwa bei der Heim-EM 2018 in Berlin?

Ich kann nicht mehr für Furore sorgen. Es gehört ja auch immer eine Überraschung dazu, wenn man für Furore sorgen will. Das ist der Nachteil, wenn man schon alles gewonnen hat. Es wird immer schwerer für mich. Die Jungs, die jetzt die großen Weiten werfen, werden nächstes Jahr noch besser sein. Die Wahrscheinlichkeit, dass ich nächstes Jahr eine Medaille hole, ist geringer, als in diesem Jahr. Die, die jetzt in der Weltrangliste vorn stehen, sind alle noch sehr jung. Da kann ich nur einen Vorteil mit meiner Erfahrung haben, je früher die Konflikte stattfinden. Die anderen lernen ja auch.

Zur Konkurrenz gehört auch Ihr Bruder Christoph, der im vergangenen Jahr überraschend Olympiasieger wurde. Wie nehmen Sie diese Situation wahr?

Es gibt wenige Familien, in denen gleich zwei Mitglieder in einer Disziplin erfolgreich sind. Es ist schon speziell, dass wir in aufeinander folgenden Zyklen – der eine folgt auf den anderen – die Erfolge hatten. Ich kann aber nicht sagen, ob wir es dadurch schwerer oder leichter haben als andere in vergleichbarer Familiensituation. Ich habe für mich festgelegt, was ich im Sport und in der Gesellschaft erreichen will, welche Werte ich vertrete und welche Haltung ich habe. Christoph ist derjenige, der jetzt der blöden Situation entkommen muss, dass er nun unter Druck steht, diese Leistung vom Olympiasieg bestätigen zu müssen. Das Fördersystem in Deutschland ist darauf ausgelegt, Erfolge zu produzieren, sie zu haben und zu wiederholen, um die Fördermittel langfristig zu erhalten.

Nicht nur Ihr Bruder ist erfolgreich im Diskuswerfen – auch Ihre Frau Julia. Können Sie überhaupt vom Sport abschalten?

Das bekomme ich schon hin. Wir behindern uns ja nicht. Es ist sicherlich nicht leicht, zwischen den Welten zusammenzuleben. Man muss ein Gefühl dafür entwickeln, wann der Partner in welcher Situation ist. Wir schaffen es aber auch, unsere Energien zu bündeln.

Sie haben sogar alle drei zusammen trainiert …

Das stimmt, drei Jahre lang. Das hatte in der Zeit funktioniert – irgendwann dann nicht mehr. Im Sport brauchen wir Veränderungen für neue Kicks. Auch wenn das im Osten Deutschlands nicht immer leicht ist. Da müssen wir Sportler jahrelang mit denselben Trainern zusammenarbeiten. In allen anderen Sportarten finden sich Trainer und Athleten für zwei, drei Jahre zusammen und wechseln dann. In der Leichtathletik tun wir uns noch sehr schwer damit. Das System ist etwas festgefahren.

Ist das ein Grund dafür, weshalb die deutsche Leichtathletik im internationalen Vergleich hinterherhinkt?

Ich habe mit meinen vier Trainern mehr als nur vier Medaillen gewonnen. Ich habe es genossen, mit verschiedenen Typen zusammenzuarbeiten. Man kann nicht pauschalisieren. Ich denke, dass wir für unsere Verhältnisse im internationalen Vergleich gute Leistungen bringen. In Ländern, in denen der Sport noch Prestige ist, wird der Leistungssport ganz anders betrieben.

Wie meinen Sie das?

Manchmal habe ich den Eindruck, dass wir Deutschen uns selbst nicht mögen. Es fehlt die Identifikation und es herrscht ein schnelles Desinteresse. Und so ist das auch im Sport: Die Leute wissen nicht, ob sie die Persönlichkeiten oder ihr Land gut finden sollen. Und deshalb ist es ihnen oft auch egal, wie die Leistungen sind. Gleiches gilt für die Investitionen in den Sport. Es steckt viel Geld drin, ich weiß aber nicht, ob es richtig verwendet wird. Wenn man Tomaten aus dem Regen nimmt und in ein Gewächshaus steckt, wachsen sie auch besser. So ähnlich ist das bei uns Athleten. Wenn wir unter perfekten Bedingungen trainieren können, werden wir schneller besser als im Alltag.

Damit beschäftigt sich aktuell die Sportpolitik im Rahmen der Spitzensportreform. Das Geld soll vor allem an die Athleten fließen, die Erfolge vorweisen können.

Ich stelle mir dabei die Frage: Ist es ein neues System oder überhaupt das erste, das wir im vereinigten Deutschland haben? Bisher hatten wir eine Fülle von guten Athleten in Deutschland, die jetzt nach und nach ihre Karriere beendet haben. Und im Hintergrund haben wir vergessen, Strukturen aufzubauen. Jetzt versuchen sie, das schnellstmöglich zu ändern. Es gibt nach wie vor kein Modell, mit dem man junge Menschen begeistern kann, ihren Sport leistungsmäßig zu betreiben. Es fehlen Perspektiven, Leitlinien, Institutionen, ein mediales Konzept und vor allem Mut, Geld in die Hand zu nehmen und Entscheidungen zu treffen.

Aber dafür wurde jetzt das sogenannte Potas-System (Potenzialanalysesystem) eingeführt: weg vom Breitensport, hin zum Spitzensport.

Ich habe mich bewusst nicht mit dem Thema „Potas“ beschäftigt. Meine Gedanken zur Reform wurden ignoriert. Es ist auch grundsätzlich gut, dass die Spitzensportler einen zentralisierten Geldfluss erhalten. Das Verteilsystem wird jetzt von Gießkanne zum Wasserschlauch. Aber unter welchen Strukturen ist das möglich? Ich bezweifle, dass junge Menschen auch durch Versäumnisse der Medien mit Sport überhaupt in Kontakt geraten. Und jetzt soll das Geld in der Spitze eingesetzt werden. Auf der einen Seite wird sogar die duale Karriere gefördert. Stellen Sie sich vor: 50 Prozent der geförderten Athleten sollen neben ihren Trainingseinheiten auch noch studieren. Und dann werden auf der anderen Seite Stellen in der sehr guten Physiotherapie gestrichen. Dabei benötigen die geförderten Athleten die dann besonders, um sich zu regenerieren.

Ein gewisser Widerspruch.

Absolut. Da sind unsere Abgeordneten im Bundestag aber mitschuldig. Wenn die sagen würden, wir wollen bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen mehr Medaillen gewinnen, dann wäre das ein Schritt in die richtige Richtung. Aber in Deutschland stellen wir uns die Frage, ob unsere Athleten mit den USA, China oder Russland konkurrieren sollten, denn dort wird nachweislich nicht immer mit fairen Mitteln agiert. Die Konsequenz spräche wieder für ein Breitensportsystem – und ist eigentlich nicht mit dem Potas-System des Bundesinnenministeriums vereinbar.

Christoph Harting bangt um die WM-Norm

Ausgerechnet Rio-Olympiasieger Christoph Harting hat die Norm noch nicht erfüllt. Doch der Berliner will es seinem Bruder Robert (schon 66,30 Meter) nachmachen und der zweite Harting in London sein. Das Bruderduell bei den deutschen Meisterschaften (Sonnabend, 17.45 Uhr in der ARD) wird die Fans in den Bann ziehen. Robert Harting strebt seinen zehnten Titel seit 2007 an, nur 2015 konnte er nicht antreten – und Christoph gewann. In dieser Saison hat der 27-Jährige sein Training reduziert; im Mai zog sich Christoph Harting eine Blockade des Iliosakralgelenks im Rücken zu.

Demnach sollten wir uns ein Beispiel an den erfolgreichen Sportnationen nehmen?

Es muss professionell gearbeitet und investiert werden. Ein Trainer verdient in Deutschland 1300 Euro netto, wenn er anfängt, perspektivisch ist das nicht wirklich erstrebenswert. Eine langwierige Ausbildung und der Schleudersitz inbegriffen. Das ist kein attraktiver Job mehr! Wenn ich in den USA als Leichtathletikcoach arbeiten würde, könnte ich als Robert Harting mindestens 150.000 Dollar verdienen – in Deutschland müsste ich mich qualifizieren. Ich sehe es einfach nicht ein, einen Trainerschein zu machen. Für diese Leute muss es Alternativperspektiven geben. Das Sportsystem in Deutschland muss professionalisiert werden!

Sie sind Sportsoldat, andere sind bei der Bundespolizei, dem Zoll oder der Landespolizei. Haben diese Sportler es leichter, weil sie durch die Behörden finanziert werden?

Ja, gar keine Frage. Beim Karriereaufbau ist das unersetzlich. Aber es gibt Ausnahmen. Es ist ein glücklicher Umstand für mich, weil ich meiner Leidenschaft nachgehen kann, während ich gleichzeitig für Gesundheitsideale sorge. Auf der anderen Seite sollte man perspektivisch auch davon ausgehen, dass man als Sportler gefördert wird, sonst wird es schwer, einen Sinn zu erkennen. Dann wird aber überall anders gefördert. Jede Behörde kocht ihren eigenen Brei. Es müsste zentralisiert werden, um die Kräfte zu bündeln.

Die russischen Leichtathleten waren für die Olympischen Spiele gesperrt und bleiben es wohl auch für die WM. Wünschen Sie sich das für mehr Verbände?

Da sind wir wieder beim Thema Prestige. In Ländern, in denen der sportliche Erfolg für internationales Ansehen genutzt wird, ist das enorm wichtig. Leider sind genau diese Länder in ihrer Ehrlichkeit nicht souverän. In Deutschland ist das Thema Doping im Spitzensport – nicht im Breitensport - zum Glück ohnehin ausgeschlossen. Davon gehe ich zumindest aus. Ich habe Sport wegen der Ideale angefangen. Die sehe ich aktuell nicht mehr. Deshalb freue ich mich, dass ich nächstes Jahr aufhöre. Es fällt nämlich immer schwerer, sich zu motivieren. Doping ist aber für mich auch das falsche Wort. Wir müssen von Betrug reden!

Also auch härtere Strafen?

Ich bin dafür! Mit Medaillen und Rekorden verdienen Sportler Geld. Der Sport ist die einzige Branche, die sich im olympischen Gedanken einem betrugsfreien und fairen Aufeinandertreffen untergeordnet hat. Dafür haben wir uns einen hohen Maßstab gesetzt.

Sehen Sie die Chance für einen sauberen Leistungssport?

Ja. Ich glaube an den sauberen Wettkampf, aber nicht an sauberen Breitensport. Man sollte mal Dopingproben bei Volksläufern machen. Die Moral des wertenden Sportkonsumenten ist offenbar adaptiv.

Wie stellen Sie sich die perfekten letzten eineinhalb Jahre Ihrer Karriere vor?

Ich knüpfe an ein gutes Leistungsniveau an, mache meinen Master an der Universität der Künste und hätte die Chance, 48-Stunden-Tage einzuführen (lacht). Ich möchte die letzten eineinhalb Jahre genießen. Ich habe in meiner Karriere alles erfahren – von Erfolg bis hin zu Niederschlägen. Das Verlieren lernen bereitet mich auf das Leben außerhalb des Sports vor. Ich wünsche mir, dass ich im nächsten Jahr in Berlin mit einem Lächeln aus dem Ring steige.

Von Stefan Döring