Volltextsuche über das Angebot:

3 ° / 1 ° wolkig

Navigation:
Ring frei für Peines Boxerinnen

Box-Club 62 Ring frei für Peines Boxerinnen

Sie sind explosionsartig aus der Deckung gekommen. Frauenboxen gibt es inzwischen nicht mehr nur im Fernsehen sondern auch in der Turnhalle der Peiner Wallschule. Mehr als 30 Mädchen und Frauen dreschen seit kurzem beim Training des Box-Clubs 62 Peine auf den Sandsack ein. Auch Frauen mit Kopftuch schlagen zu.

Voriger Artikel
VSG unter Druck: „So langsam müssen wir mal gewinnen“
Nächster Artikel
Fünf Clauener Schützen hoffen auf einen Einsatz

Am Sandsack: Trainerin Hatice Yilmaz (rotes Shirt) und Hilal Özdemir schlagen zu. Boxer Ercan Caliskan gibt Hilfestellung.

Quelle: cb

Jemandem mit der Faust ins Gesicht geschlagen hat Hatice Yilmaz noch nie. Die 38-Jährige ist Hausfrau, eine fürsorgliche Mutter von drei Kindern, alles Jungs – und seit Dezember die erste Box-Trainerin beim BC 62 Peine.

Es ist nicht etwa die Wucht ihres linken oder rechten Hakens, die sie für die Aufgabe so prädestiniert macht, sondern die Tatsache, dass sie eine sportliche und engagierte Frau ist, unter deren Leitung auch Migrantinnen ohne Scheu mit dem Seil springen oder Sit-Ups für die Bauchmuskeln machen. Einen Box-Kampf bestritten hat sie nämlich noch nie, gesehen schon viele. Und wie Boxer effektiv trainieren, weiß sie auch. Ihr Mann Kazim macht die Männer des Peiner Box-Clubs fit, hat selber erfolgreich auf Meisterschaften gekämpft. „Von ihm hole ich mir Tipps für unsere Übungseinheiten“, sagt Hatice Yilmaz.

Und so marschieren Frauen und Mädchen im Nähmaschinen-Takt auf der Stelle und schlagen auf den Sandsack ein. Eine Übung, die Kraft und Ausdauer verbessert. Hatice Yilmaz kriegt ihre Boxerinnen auch noch anders fit. „Ich gehe regelmäßig ins Fitness-Studio und habe zum Beispiel einen Pilates- und Aerobic-Kursus besucht. Auch davon kann ich Übungen prima ins Training einbauen“, erzählt sie.

Hausfrauen, Krankenschwestern, Schülerinnen, Christen und Muslime, Deutsche und Türkinnen – mehr als 30 Peinerinnen trainieren mittwochs für anderthalb Stunden in der Turnhalle der Wallschule. „Beim ersten Mal waren wir fünf Frauen. Dann haben alle ihren Freundinnen davon erzählt, und jetzt sind wir über 30“, sagt Hatice Yilmaz mit Stolz.

Knock-Out für einige Vorurteile

Dass Frauenboxen in Peine in Rekordzeit so ein Schlager werden würde, das hat selbst so einen standfesten Boxer wie Kazim Yilmaz fast umgehauen. „Wahnsinn, ich finde das echt super“, schwärmt er beim Blick auf Frauen mit Kopftuch und junge, blonde Mädchen, die gerade gemeinsam das Training mit einem lockeren Basketball-Spielchen ausklingen lassen.

Für muslimische Mädchen und Frauen ist Sport in Deutschland nicht selbstverständlich. Kazim Yilmaz freut sich, dass die Sportlerinnen in seinem Box-Club Vorurteile so zielsicher k.o. schlagen wie es einst Deutschlands Vorzeige-Boxerin Regina Halmich mit ihren Gegnerinnen handhabte. „Wir in Peine können zeigen: Auch in der türkischen Kultur können Frauen Sport treiben. Wir Männer sperren unsere Frauen nicht weg, viele haben in der Familie sogar das Sagen. Die Welt ist anders geworden, wir haben das Jahr 2011“, betont Kazim Yilmaz.

Die meisten Frauen wollen sich mit dem Box-Training vor allem fit halten. Doch noch in diesem Jahr sollen die ersten Box-Anfängerinnen auch in den Ring steigen. Zumindest im Training. Mit Kopf-, Zahnschutz und Deckung aber auch mit Leberhaken und Jab. „Neun Mädels sind dabei, die bereit sind bei Wettkämpfen zu boxen“, sagt Kazim Yilmaz. Mit ihnen werde er speziell trainieren.

„Ich habe weniger Angst“

Zu diesen Mutigen gehört Hilal Özdemir. „Boxen – das ist ein Sport mit Adrenalin und Kraft. Nach dem Training bin ich richtig ausgepowert, das tut gut“, schwärmt die 17-Jährige. Ein Sport für Schläger und Raufbolde sei es aber nicht, merkt die Ratsgymnasiastin an. Aber: „Mein Selbstvertrauen ist gestiegen und ich habe nicht mehr so viel Angst“, erzählt sie. Angst, sich eine blutige Nase zu fangen oder eine hässliche Narbe zu behalten, hat sie auch nicht. Ihr sei schon einmal ein Zahn abgebrochen. „Aber das war nach einem Sturz mit dem Fahrrad“, unterstreicht sie, dass sie Boxen für viel ungefährlicher hält als viele andere Sportarten.

Nach dem Training ein Döner zur Belohnung

Auch Lena Reuner fiebert dem ersten Trainingskampf entgegen. „Ich will ja nicht immer nur gegen den Sandsack antreten“, stellt sie klar. Wenngleich: Ein bisschen flau im Magen ist ihr bei dem Gedanken an einen Kampf schon. „Wenn es doch mal wehtut oder ich mich so richtig blamiere. Vielleicht tue ich mich auch schwer damit, einem anderen ins Gesicht zu hauen“, grübelt die 18-jährige Auszubildende zur Groß- und Außenhandelskauffrau.

Ein halbes Jahr, schätzt Trainer Kazim Yilmaz, wird es dauern, bis die Mädchen so vorbereitet sind, dass sie in den Ring steigen können. Lena Reuner genießt es, sich im Training für diesen Moment zu schinden. „Mein Körper braucht das. Durch die Anstrengung werde ich locker und entspannt.“ Nicht nur die Schinderei genießt sie. „Es ist sehr interessant, mit Sportlern aus einer anderen Kultur gemeinsam zu trainieren“, stellt sie heraus. Und auch deshalb belohne sie sich nach dem Training ab und an gerne mit einer ganz speziellen Sache: „Döner essen gehen mit den anderen.“

cm

▶ Frauen, die mitboxen möchten, können mittwochs (18.30 Uhr) einfach in der Halle der Wallschule vorbeischauen.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Die besten Wettquoten für die Bundesliga gibt es bei SmartBets.