Volltextsuche über das Angebot:

3 ° / 1 ° wolkig

Navigation:
Haxe essen mit Franz Beckenbauer

Fußball Haxe essen mit Franz Beckenbauer

In Walter Marchefkas Küche hängen zwei Kalender direkt nebeneinander. Der 70-jährige Woltorfer hatte noch so viele Termine im Januar und Februar einzutragen, dass sie nicht alle auf einen Kalender gepasst hätten. Also führt er zwei - einen für Fußball, einen für Arzttermine, Geburtstagsfeiern und anderes. Im nächsten Jahr hängt Walter Marchefka aber vielleicht nur noch einen Kalender auf, denn Peines erfolgreichster Fußball-Referee aller Zeiten geht Sonntag in den Schiri-Ruhestand.

Voriger Artikel
Konzentration in Hildesheim
Nächster Artikel
Fortuna fegt den HSV von den Tischen

Nach 50 Jahren und 2224 Spielen: Peines einziger Bundesliga-Schiri Walter Marchefka hört auf

Quelle: im

Wenn Peines neuer Frauen-Hallenkreismeister am Sonntag jubelt, ist Walter Marchefkas Karriere beendet. Das Endspiel um den Volksbank-Cup wird die letzte offizielle Partie sein, die der 70-Jährige leitet. „Bestimmt seit einem Dreiviertel-Jahr habe ich darüber gegrübelt. Aber ich werde im April 71, und mein linkes Knie macht auch nicht mehr so mit. Es wird Zeit, aufzuhören“, begründet der Woltorfer seinen Entschluss. Ob Kreiskicker oder Weltmeister wie Pierre Littbarski - 50 Jahre lang tanzten Fußballer nach Marchefkas Pfeife. 2224 Spiele wird er Sonntag dann seit 1961 gepfiffen haben und kann auf eine spannende Karriere zurückblicken.

• Sein erstes Bundesliga-Spiel: Am zweiten Spieltag der Saison 1974/1975 erwartet Eintracht Frankfurt den Titelkandidaten Borussia Mönchengladbach. 41000 Zuschauer fiebern im Waldstadion mit. Walter Marchefka winkt als Linienrichter von Walter Horstmann die Fahne, wenn Allan Simonsen, Bernd Hölzenbein oder Jupp Heynkes ins Abseits laufen. „Man ging mir die Pumpe, ich war so aufgeregt. Aber es lief gut, die Bewertungen waren ordentlich“, erinnert sich Marchefka. Die Partie endete nach Toren von Hölzenbein und Wittkamp 1:1, am Ende der Spielzeit stemmt Gladbach die Meisterschale in den Himmel.

• Sein größtes Spiel: 21. Juni 1975: Im Niedersachsenstadion in Hannover kämpfen der MSV Duisburg und Eintracht Frankfurt im Endspiel vor 43000 Zuschauer um den DFB-Pokal. Marchefka unterstützt erneut Walter Horstmann als Linienrichter. „Obwohl ich doch in Woltorf wohnte, musste ich schon drei Tage vorher anreisen und zwei Nächte im Kastens Hotel Luisenhof verbringen. Ein Chauffeur hat uns dann in einer Mercedes-Limousine ins Stadion gefahren“, erzählt Marchefka. Charly Körbel köpfte die Eintracht zum 1:0-Sieg.

• Sein schwierigstes Spiel: In der Aufstiegsrunde zur Landesliga pfeift Marchefka zwei Elfmeter für den FC Schüttorf und gegen den Gastgeber TSV Helmstedt. Als er auch noch ein Tor des TSV wegen Abseits nicht geben darf, kochen die Emotionen über. „Da war was los, Fans sind nach dem Spiel auf den Platz gerannt und haben mir gegen das Schienbein getreten“, schildert Marchefka die tumultartigen Szenen. Doch er kommt heil nach Hause und als er zwei Jahre später wieder ein Heimspiel des TSV pfeift, kriegt er sogar ein Lob: „Sie haben gut gepfiffen.“

Ähnlich hitzig: Im März 1975 duellieren sich Arminia Hannover und der OSV Hannover im Stadtderby. „Die waren so heiß. Eine Woche lang hat die Bild-Zeitung in Hannover Spieler beider Seiten im Tischfußball gegeneinander antreten lassen“, erzählt Marchefka, der die Partie mit seinen Peiner Linienrichtern Hartwig Maasberg und Gerhard Depenau gut über die Bühne bringt. Endstand: 4:4 und ein Platzverweis in der Nachspielzeit.

• Seine schönsten Spiele: Marchefkas 40 Bundesliga-Einsätze als Linienrichter zwischen 1974 und 1979 fallen in die Glanzzeit von Bayern München und Borussia Mönchengladbach. „Spiele mit diesen beiden Mannschaften waren immer etwas ganz besonderes. Das war Fußball vom Feinsten“, schwärmt Marchefka. Der FC Bayern lud Marchefkas Gespann nach dem Spiel einst auch in eine Loge beim Münchner Oktoberfest ein: Haxe-Essen mit Gerd Müller, Sepp Maier und Franz Beckenbauer. „Der Beckenbauer ist gar nicht arrogant“, stellte Marchefka fest. Inzwischen sind es aber nicht mehr die großen Namen, die dem Woltorfer Lust auf einen Schiri-Einsatz machen. Am liebsten leitete er Spiele von Frauen und Kindern. „Vor kurzem ist in der Stadt ein kleiner Junge mit seinem Vater an mir vorbeigegangen. Der hat zu seinem Vater gesagt: Papa, hast du den Mann gerade gesehen? Das ist der beste Schiri, den es gibt. Das war das schönste Kompliment, was ich je bekommen habe!“

Geld hingegen hat er für seine Bundesliga-Einsätze nicht viel bekommen. Für den gelernten Former der Eisengießerei Westphal, späteren Härke-Fahrer und Corovin-Betriebsratsvorsitzenden war die Schiedsrichterei stets nur ein Hobby. Die 72 Mark pro Tag Aufwandsentschädigung wirken niedlich im Vergleich zu den 4000 Euro, die Bundesliga-Schiedsrichter heutzutage kassieren. Neidisch ist Marchefka auf seine Nachfolger nicht. Aber: „Besser geworden sind sie auch nicht. Die Leistung der Schiedsrichter bei der jüngsten Weltmeisterschaft gehörte zu den schlechtesten, die ich je gesehen habe“, betont er. Schuld daran, glaubt Marchefka, sei der große Druck, der auf den Unparteiischen lastet. „Wir hatten früher drei Kameras, jetzt sind es vielleicht 18. Wenn im Fernsehen die Abseitslinie gezogen wird, werde ich meist ärgerlich“, unterstreicht er.

Sonntag nun ist Schluss, auch offizielle Jugendspiele wird Marchefka nicht mehr leiten, höchstens mal ein Alt-Senioren-Spiel seines Heimatklubs VfL Woltorf. Aber seine Aufgabe als Hallenspielleiter der Junioren in Vechelde wird er fortsetzen. „Der Kontakt mit Eltern und Fußballern hat mich stets jung gehalten“, betont er. Langweilig werden wird ihm aber gewiss nicht. Jetzt will er noch intensiver die Spiele seiner Enkelin Leah (14), die bei Jahn den Handball wirft und die Partien seines Enkels Sascha (17), der Fußball beim B-Jugend-Bezirksligisten Eixe spielt, verfolgen. Bei den Schiris wird er weiter die Lehrabende besuchen. „Und einen Garten mit 1000 Quadratmetern, habe ich ja auch noch.“

cm

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Die besten Wettquoten für die Bundesliga gibt es bei SmartBets.