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Extremsport bei Nacht und Nebel

Fuß-Tortur Extremsport bei Nacht und Nebel

„Hexenstieg“ – das klingt schon etwas unheimlich. Mit einer Stirnlampe nachts durch den finsteren Wald des Harzes – das klingt noch unheimlicher. 93 Kilometer in nur 24 Stunden gehen – das ist verrückt. Ingmar Koch aus Essinghausen hatte die Idee zur Fuß-Tortur. Im Internet hatte er einen Reisebericht eines Extremsportlers gelesen, der den „Hexenstieg“ zwischen Osterode und Thale in 29 Stunden marschierte. Das wollte er toppen – und drei Internet-Bekanntschaften mit ihm.

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Der beliebte Wanderweg „Hexenstieg“ führt in mehreren Etappen von Osterode nach Thale. Ingmar Koch hat die 93 Kilometer mit zwei Mitwanderern allerdings in nur 24 Stunden bewältigt. Ein Belgier gab unterwegs auf. Dichter Nebel herrschte beim Gipfel-Foto auf dem Brocken, besonders schmerzhaft für die Füße war der steinige Weg im Bodetal.

Quelle: Privat

Abmarsch in Osterode: Ein Berliner, ein Quedlinburger, ein Belgier und der Peiner hatten sich vorher zwar noch nie gesehen, starteten aber gemeinsam das Abenteuer. Der 36-jährige IT-Fachmann Ingmar Koch kann sich quälen. Geländeläufe bis zu 80 Kilometer hat er bereits bewältigt, ist den Brocken-Marathon gelaufen oder nachts durch den Hildesheimer Wald. Den 20 Kilometer langen Weg zur Arbeit nach Braunschweig joggt er mitunter schon mal oder fährt ihn mit dem Fahrrad. „Ausdauersport ist für mich ein sehr guter Ausgleich zum Beruf“, sagt er.

Sein Rucksack wiegt sechs Kilo. Nur das Nötigste hat er dabei: Handy, Landkarte, Taschenlampe, Stirnlampe aber vor allem Getränke und Essen. Erdnuss-Schokoriegel, Gummibärchen, Schwarzbrot und Mettwürste sollen den Energietank unterwegs wieder auffüllen. „So viele Süßigkeiten esse ich sonst in einem ganzen Monat nicht“, unterstreicht Ingmar Koch.

Der Zucker treibt an. Die vier Wanderer machen Tempo. Von der schönen Harz-Landschaft sehen sie nicht viel. Dichter Nebel begleitet sie fast durchgehend. „Alle vier Stunden hatten wir uns eine Pause vorgenommen und wollten fünf Kilometer pro Stunde laufen“, erzählt Koch.

Auf der Etappe von Torfhaus zum Brocken verlassen den ersten die Kräfte. Der Belgier ist ganz blass im Gesicht. Nicht einmal die Hälfte der Strecke ist absolviert. „Er hat sich einfach am Wegesrand niedergelassen. Wir haben dann besprochen, ihn noch mit auf den Brockengipfel zu nehmen, damit er von dort die Bahn ins Tal nehmen kann“, schildert Koch die Aufgabe. Gerade so springt Fredo Le Chacal am Abend noch auf den letzten Zug auf.

Die Zurückgebliebenen schmeißen erstmals ihren kleinen Gaskocher an. Heiße Getränke und Fünf-Minuten-Terrine erwärmen die Extremsportler in ihren durchnässten Klamotten. „Sonst esse ich so etwas ja nicht, aber in diesem Fall hat es gut getan“, sagt Ingmar Koch.

Nach 45 Minuten geht es weiter. „Dann wieder in Gang zu kommen war eine große Herausforderung. Die Beine waren steif wie ein Holzbein“, beschreibt Koch. Mit Stirnlampe geht es durch die Nacht. Schritt für Schritt weiter, immer weiter. „Wie ferngesteuert“, sagt Koch.

Richtig hart wird es allerdings erst noch. Ein Schild auf der letzten Etappe in der Bodetalschlucht kündigt Schmerzhaftes an: „Vorsicht, steiniger Weg!“ Nein, das ist nichts für Füße, die inzwischen von Blutblasen geplagt werden. Der Abschnitt wird zu einer echten Fakir-Strecke, durch die leichten Geländelaufschuhe merkt der 36-Jährige jeden kleinen Stein. „Das war, als ob ich durch Glasscherben laufen würde“, vergleicht Koch. Der Leidensgenosse aus Berlin tauchte seine Füße in jede Pfütze und jedes Rinnsal, um sie zu kühlen. Der Essinghäuser schlich fast nur noch auf den Haken vorwärts. Doch an Aufgabe denkt niemand.

Auf den letzten zwei Kilometern läuft es dann sogar wieder bei Ingmar Koch. „Ich konnte nicht mehr gehen, nicht sitzen, nicht stehen, sondern nur noch laufen. Alles andere tat zu sehr weh“, betont er. Ziel erreicht. Die Stoppuhr bleibt in Thale bei 22:38,26 stehen. Vorm Bahnhof feiert das Trio nur kurz seinen Erfolg. Auch der ausgestiegene Belgier gratuliert – und er fährt Ingmar Koch zum in der Nähe geparkten Auto. Denn nach 93 Kilometern Fußmarsch „waren das 1000 unüberwindbare Meter“.

Schon auf der Rückfahrt plant er das nächste sportliche Abenteuer: Erneut möchte er den „Hexenstieg“ bezwingen, dann aber nicht wandernd sondern laufend.

Christian Meyer

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