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15:00 02.09.2017
Arne Eigenbrodt (rechts) ließ sich mit einem Ultra-Läufer aus Asien fotografieren, der den Mauerweg-Lauf im Spiderman-Kostüm lief. Quelle: privat
Essinghausen

Einmal im Leben einen Marathon schaffen – dafür quälen Hobbyläufer sich mitunter jahrelang. Arne Eigenbrodt aus Essinghausen ist fast vier Marathons gelaufen – an einem Tag, unter 24 Stunden! Der 46-Jährige hat den Berliner Mauerweglauf gemeistert. 161 Kilometer Ex-tremsport voller Geschichte. „Ich habe es ehrlich gesagt zunächst auch nicht für möglich gehalten. Im Ziel hatte ich dann nicht einmal eine Blase“, stellte der Bauleiter im Landschaftsbau erfreut fest.

Über Grenzen gehen – wo wäre das passender als beim Mauerweg-Lauf. Der Wettkampf erinnert an die Mauer-Opfer, die zum Beispiel bei Fluchtversuchen aus der DDR erschossen wurden. Der Streckenverlauf des Wettkampfs entspricht nahezu komplett dem Verlauf der früheren Mauer rund um das ehemalige West-Berlin. „Das fand ich spannend, da wollte ich mal mitmachen“, sagt Arne Eigenbrodt. Ein Fachmann für die Langstrecke ist er, absolvierte zum Beispiel schon den 80-Kilometer-Ultralauf auf den Brocken, aber eine dreistellige Kilometerzahl war auch er noch nie zuvor an einem Tag gelaufen. „161 Kilometer – das kam mir auch sehr hoch vor. Ich habe die Zahl deshalb fast bis zum Schluss verdrängt“, sagt der Essinghausener.

In rund sieben Monaten bereitete er sich gezielt auf das Abenteuer vor, spulte an die 1000 Trainingskilometer ab. Doch die Generalprobe für den Mauerweg-Lauf ging gründlich schief. Weil die Teilnehmer in Berlin auch durch die Nacht laufen müssen, wollte er sich mit einem Dunkelheit-Training auf einem Rundkurs zwischen Essinghausen und Woltorf darauf vorbereiten. 70 Kilometer hatte er bereits abgerissen. Doch nachts um 2 Uhr rief der Kopf zum General-Streik auf. „Ich habe mich gefragt, was mache ich hier eigentlich“, schildert Arne Eigenbrodt. Der Körper hätte noch gekonnt, aber der Geist meuterte. „Sicherlich auch, weil ich zu nah an meinem Zuhause war“, vermutet Eigenbrodt. Er gab auf.

Mental stark sein, das ist für Ultraläufer mindestens genauso wichtig wie eine gute Kondition. Für den Mauerweg-Lauf wollte Arne Eigenbrodt deshalb vor allem einen Tipp beherzigen: „Nicht so viel nachdenken, sich kleine Ziele setzen – das hatte ich zuvor auch bei anderen Läufern gelesen.“

Gewöhnungsbedürftig war schon die Startzeit im Berliner Jahn-Sportpark: Um 6 Uhr früh ging der Essinghausener mit 374 anderen Ultraläufern auf die Strecke. Und es lief im wahrsten Sinne des Wortes. „Nach Kilometer 40 hat mir mal etwas der Oberschenkel gebrannt, aber ich dachte immer: Irgendwann muss doch jetzt der Schmerz kommen, doch er kam nicht“, stellt der zweifache Familienvater erfreut fest. Er hatte sogar noch Luft, um mit anderen Teilnehmern zu plaudern, gemeinsame Lauftaktiken zu besprechen.

Mitten in der Nacht mussten die Läufer an den Mauerresten der East Side Gallery vorbei. Quelle: dpa

Skurril wurde es in der Nacht. Während das Partyvolk gerade die Clubs verließ, keuchten die Ultraläufer mit Stirnlampe und Warnweste durch die Stadt. „Einige haben gefragt: Was macht ihr denn hier? Andere haben sich vor Lachen gar nicht mehr eingekriegt, so verrückt fanden sie das“, schildert Arne Eigenbrodt. In Kreuzberg bekam er Hunger. „Es hat so lecker nach Döner gerochen“, begründet er. Gegessen hat er aber vorsichtshalber nur kleine Snacks an den 27 Versorgungspunkten auf der Strecke. Alle fünf Kilometer gab es die Möglichkeit zum Essen und Trinken. Bei Kilometer 83 wurde er mutig: Eine Brauerei schenkte Bier für die Ultraläufer aus, Arne Eigenbrodt gönnte sich eines. Die Einladung von Anwohnern zur Grill-Wurst schlug er aber aus. „Ich hätte lieber einen Stuhl“, antwortet er. Gegen kleine Durchhänger halfen Legenden aus Australien: „Ich habe unterwegs auch mal Musik von AC/DC gehört“, erzählt der 46-Jährige. Bei Kilometer 100 tauschte er Schuhe und T-Shirt. „Das gab noch einmal ein frisches Gefühl.“

Sightseeing mal anders gab es zwischen 3 und 6 Uhr. Berlin im Dunkeln. Arne Eigenbrodt lief an den Strecken-Highlights Brandenburger Tor, East Side Gallery oder Checkpoint Charlie vorbei. Mit leichten Knieschmerzen. „Zum Schluss war viel Asphalt angesagt, das hat man in den Gelenken gemerkt.“

Doch er hielt durch und lief nach 23 Stunden, 12 Minuten und 4 Sekunden über die Ziellinie. Geschafft! Zu Hause konnte er ein paar Tage lang zwar die Treppe nur leicht gebückt heruntergehen, doch die Glücksgefühle, es geschafft zu haben, berauschen ihn noch immer.

Im September läuft Arne Eigenbrodt übrigens mit einiger Sportlern vom Lauftreff Ilsede schon wieder in Berlin – er greift den Marathon an. Wenn er im Ziel ist, dürfte er gerade warm sein...

Von Christian Meyer

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