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Zum „Kraftmeyer“ mit China-Öl

PAZ-Sportstunde Zum „Kraftmeyer“ mit China-Öl

Eine Herkulesaufgabe: Sportredakteur Christian Meyer muss in dieser PAZ-Sportstunde besonders stark sein. Beim Kraftdreikampf in Groß Ilsede macht er dicke Backen.

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Dicke Backen: Nicht einen Zentimeter habe ich dieses Gewicht beim Kreuzheben hochbekommen.

Quelle: rb

Meine letzte Kniebeuge habe ich in dem muffigen Untersuchungsraum des Hildesheimer Kreiswehr-Ersatzamtes gemacht. Roman Herzog war noch Bundespräsident und guckte skeptisch zu. Sein Bild hing an der Wand. Bei meiner Kniebeuge 13 Jahre später geht es um keinen Wehrtauglichkeitsgrad, es geht darum, einen gewichtigen Eindruck von einer Sportart zu bekommen, in der die Peiner zu den Besten Deutschlands gehören: der Kraftdreikampf.

Tür auf: Es gibt tatsächlich Folterkammern, in denen wird gelacht. Breitschultrige Sportler verarbeiten im Kraftsportraum von VT Union Groß Ilsede reichlich Eisen. Dabei schnaufen sie nicht nur angestrengt, sie unterhalten sich auch übers Studium oder Bundesliga-Fußball, erzählen Witze. „Aber über Anfänger lachen wir nie. Jeder hat mal mit kleinen Gewichten angefangen“, beruhigt mich Uwe Ahrens. Ilsedes Schwerathleten sind stark, aber nicht kraftmeierisch. Respekt wird hier groß geschrieben.

Der Trainer hat eben noch rücklings auf der Drückerbank gelegen und scheinbar mühelos mehrmals kurz hintereinander eine Hantel über seinem Brustkorb in die Höhe gestemmt. Der Mann ist 66. Mit seiner Erfahrung, mit seinem Ehrgeiz, mit seinen deutlichen Ansagen hat er schon mehrere Deutsche Meister geformt. Nun will er aus einem Redakteur einen Kraftdreikämpfer machen. Eine persönliche Bestleistung werde ich auf jeden Fall aufstellen – ist schließlich meine Premiere.

Auf geht’s. Zunächst bringt mir Ahrens die Kniebeuge bei. Sie ist die erste Übung des Kraftdreikampfs und aufgrund der technisch schwierigen Ausführung unbeliebt bei den Athleten. Ich schultere eine Hantelstange noch ohne Gewichtscheiben. Danach muss ich so tief in die Hocke gehen, bis sich die Hüfte unter der Kniekante befindet. Die Hacken müssen dabei fest auf dem Boden bleiben. Das schafft so mancher nicht mal ohne Gewicht auf der Schulter. Anfangs bin ich nicht weit genug unten und bleibe zu lange hocken. „Aber die Tiefe kommt mit dem Gewicht von ganz allein“, scherzt Ahrens.

Er hat Recht. Nachdem ich mich langsam gesteigert habe, sind 75 Kilo aufgelegt. Die für die Groß Ilseder Kraftsportler noch vergleichbar kleine Last drückt mich schon ganz schön nach unten. Ich habe das Gefühl, aus dem Dämpfungssystem meiner Sportschuhe wird die Luft herausgepresst. „Deshalb gibt es Gewichtheberschuhe“, erzählt Kraftdreikämpfer Andreas Jekel und zeigt auf seine Füße. Unnachgiebiges Holz leistet unter seinem Hacken ordentlich Widerstand.

Anschauungsunterricht von einer Frau

Auch ich gebe nicht auf. Mit der Kraft meiner Oberschenkel soll ich mich nun aus der verzwickten Lage wieder hocharbeiten. Es geht gut. Die Kniebeuge wird gerne als Königin aller Übungen für Kraftsportler bezeichnet. Auch Radsportlern und Sprintern hat sie schon Beine gemacht.

Ich darf mich jetzt zwar hinlegen, aber nicht ausruhen. Bankdrücken heißt die zweite Disziplin. Stärkt die Brustmuskulatur. Einen Oberarm wie Arnold Schwarzenegger müssen erfolgreiche Kraftdreikämpfer übrigens gar nicht haben. „Den Bizeps braucht man fast gar nicht. Eigentlich nur zum Hantelscheiben stecken und zum Essen“, erläutert Coach Ahrens. Die Hantel liegt über meinen Augen, ich hebe sie aus der Halterung heraus, führe sie bis unter den Brustkorb und stemme sie wieder hoch. Richtig gute Bankdrücker bauen dabei eine Brücke, die der von Turnerinnen im chinesischen Nationalzirkus nahekommt. Das fällt mir deutlich schwerer als die Kniebeuge. Schon bei 50 Kilo pumpe ich und mache ein verzerrtes Gesicht wie Gewichtheber Matthias Steiner bei seinem Versuch, der ihm Olympiagold einbrachte. Ahrens verordnet mir Anschauungsunterricht – von einer Frau. Während ich die 50 Kilo einmal hochgezittert habe, stemmt Laura Gramann das Gewicht mehrmals mühelos hintereinander hoch.

Kraftdreikampf ist nicht nur etwas für Pfundskerle. Auch zwei athletische Frauen mischen bei VT Union Groß Ilsede mit. „Bei diesem Sport kann ich mich prima von der Arbeit ablenken und meinen Körper kräftigen und formen“, erzählt Juniorin Gramann.

In Maßen ist der Sport sogar gesund. „Übungen vom Kraftdreikampf kommen selbst in der Reha zur Anwendung“, sagt Kraftsportler Francesco Virzi, der von Beruf Physiotherapeut ist. „Ich bin 66 und habe null Probleme mit dem Rücken“, unterstreicht auch Ahrens.

Einen starken Rücken macht auch die letzte der Kraftdreikampf-Übungen. Beim Kreuzheben werden gleich eine Reihe von wohlklingenden Muskeln beansprucht: Kapuzenmuskel, Rückenstrecker, vorderer Gesäßmuskel. Ahrens rät mir zu einer kleinen Stärkung zwischendurch und holt Chinaöl aus seiner Tasche. Er tropft es mir auf meinen Handrücken, ich lecke es ab. Das ätherische Öl der Pfefferminze befreit die Atemwege, damit mir im Endspurt nicht die Luft ausgeht. Neben Bananen ist das das einzige leistungsfördernde Mittel, das sie zu sich nehmen, versichern mir die Athleten. „Mit diesem Sport kann man kein Geld verdienen, er ist nicht mal olympisch. Wenn einer dopt, ist unsere gesamte Abteilung in Verruf“, bekräftigt der erfolgreiche Kraftdreikämpfer und Abteilungsleiter Alexander Hoffmann sein „Nein“ zu Doping. Die Ilseder Athleten werden regelmäßig kontrolliert und das nicht nur bei Meisterschaften. Bei der Nationalen Anti-Doping-Agentur müssen sie angeben, wann sie in den Urlaub fahren und wo sie ansonsten zu erreichen sind. „Ich wurde sogar schon auf der Arbeit überprüft“, erzählt Virzi, der die scharfen Kontrollen für richtig hält.

Gegen eine falsche Technik hilft allerdings auch kein Chinaöl. Beim Kreuzheben muss ich erneut in die Hocke gehen, die Stange mit den Händen greifen, die Brust rausdrücken und den Kopf nach vorne richten. Um das Gewicht vom Boden zu heben, muss ich vor allem meine Oberschenkel einsetzen und danach das Gewicht bis auf Hüfthöhe ziehen. Dickbackig bringe ich 100 Kilo in die Wertung und bin mächtig stolz.

Zeit zum Abrechnen: Meine Gesamtleistung beträgt 225 Kilo. Nur mal zum Vergleich: Ilsedes Eugen Schneider schaffte bei seinem Deutschen-Junioren-Titel vor wenigen Tagen 742,5 Kilo. Wahnsinn! Ein vollgetankter Formel 1-Ferrari wiegt selbst mit Fahrer noch 100 Kilo weniger.

Rasend schnell kommt übrigens auch der Muskelkater. Vor allem die Oberschenkel und mein Po machen mir zu schaffen. Als ich zwei Tage später allerdings Getränke kaufe, fühlen sich die Kisten angenehm leicht an. Gut so.

Wer seine Muskeln beim Kraftdreikampf stärken möchte, ist bei VT Union Groß Ilsede gern gesehen. „Einfach mal beim Training vorbeischauen“, rät Kraftsport-Abteilungsleiter Alexander Hoffmann. Trainiert wird dienstags und donnerstags im Kraftsportraum neben der Stadionsporthalle ab 18 Uhr sowie sonnabends ab 14 Uhr.

Christian Meyer

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