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Viel Kondition, ein Hotel ohne Bett und Döner nachts um zwei

Extrem-Radsport Viel Kondition, ein Hotel ohne Bett und Döner nachts um zwei

Innerhalb von 24 Stunden 600 Kilometer strampeln - was für den Otto-Normal-Radler fast nach Masochismus klingt, das haben vier Radsportler der Peiner Eulenexpress-Gruppe mit Spaß erledigt. Innerhalb von zwei Monaten meisterten sie eine 200, eine 300, eine 400 und eine 600 Kilometer lange Etappe an jeweils nur einem Tag.

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Bergauf, bergab mit kleinem Rucksack: André Ditzen und seine Eulenexpress-Mitstreiter fuhren bis zu 600 Kilometer in 24 Stunden.

Von Christian Meyer

Damit dürfen sie sich nun Super-Randonneure nennen, was ja fast noch schöner klingt als Fußball-Weltmeister. „Die Beine waren einfach leer, und trotzdem fühlte sich alles so gut an“, stellte Radsportler André Ditzen aus Handorf nach der Schluss-Etappe über 600 Kilometer im Ziel fest.

Die vier Touren zählten zur sogenannten-Brevet-Langstrecken-Serie im Weserbergland. Was brauchen Radsportler, um so eine Herausforderung zu meistern? Die Eulenexpress-Radfahrer Tino Grunwald, André Ditzen, Siegbert Bachor und Tomas Baranowski stellten fest, dass es mit viel Kondition, einem Döner nachts um zwei, Hilfsbereitschaft und einer EC-Karte gegen die Müdigkeit zu schaffen ist.

Ja, gegen die Müdigkeit. Denn die war der größte Gegner bei der Königsetappe über 600 Kilometer und 6100 Höhenmeter, wie die Eulenexpress-Fahrer unisono bilanzierten. Tag und Nacht strampelten sie zwischen Großenwieden, Soest und Hohenrode durch Nordrhein-Westfalen. „Die Müdigkeit sollte man nicht unterschätzen. Konzentration war wichtig in den schnellen und winkligen Abfahrten auf dem grottenschlechten Asphalt in NRW“, merkte André Ditzen an. Und wenn die Augen zufallen wollen, dann müssen halt ungewöhnliche Entscheidungen getroffen werden, die dazu führen, dass Radsportler auch in Hotels einen Kurz-Schlaf halten, die nicht einmal ein echtes Bett haben. „Die EC-Karte war für mich mit das wichtigste im kleinen Gepäck, um sich als letzte Rettung nachts im Bankschaltervorraum auszuruhen“, verriet Tomas Baranowski. Die anderen Eulenexpress-Fahrer legten derweil einen Imbiss-Stopp ein, sie bissen nachts um 2 Uhr in einen Döner. „Nach 400 Kilometer auf dem Rad eine Offenbarung“, stellte André Ditzen schmunzelnd fest.

Gestärkt ging es weiter von Kontrollzange zu Kontrollzange. Denn mit ihrer Stempelkarte beweisen die Brevet-Langstreckenfahrer, dass sie die Kontrollpunkte auf der Strecke auch angefahren haben. Auch ansonsten haben die Extremsportler nur das Nötigste in der kleinen Tasche unterm Sattel, am Lenker oder im Rucksack dabei - eine Regenjacke, die vorm Auskühlen bewahrt, Flickzeug, Bargeld, um sich unterwegs mit Essen und Getränken zu versorgen, mitunter sogar Flüssignahrung aus der Apotheke. „Nur“, merkte André Ditzen an, im Mini-Gepäck sei oft nicht das drin gewesen, was man brauchte, „dafür teilweise ein halbes Fahrrad in Ersatzteilen“. Nur eben eine neue Pedale nicht, die der Handorfer so dringend auf der 400-Kilometer-Auf-und-Ab-Etappe benötigt hätte. Schrecksekunde ausgerechnet kurz nach einer Abfahrt bei Tempo 50 - mit einem lauten Knall bricht Ditzens rechtes Pedal ab, er bringt sein schlingerndes Rad gerade noch unter Kontrolle. „Seit ich Rad fahre, ist mir das noch nie passiert“, stellte er fest. Dank der Hilfsbereitschaft eines Autohändlers, der seine Chauffeur-Dienste zum nächsten Fahrrad-Laden anbot, konnte Ditzen die Tour mit neuem Pedal doch noch zu Ende strampeln und darf sich nun wie seine drei Eulenexpress-Mitstreiter Super-Randonneur nennen.

Damit haben sie nun die Berechtigung an der Brevet-Königsveranstaltung teilzunehmen: Paris - Brest - Paris. Das sind dann schlappe 1200 Kilometer, die mindestens innerhalb von 90 Stunden geschafft sein müssen...

Stimmen

Tomas Baranowski: „Wenn alles optimal läuft, ich mit der Landschaft eins werde und im Flow bin, gibt es kaum was Schöneres für mich.“

Siegbert Bachor: „Ein Brevet kann Genuss sein, wenn es denn läuft, wenn man voran kommt, wenn die Gesellschaft stimmt. Das war in diesem Jahr auch häufiger für mich der Fall.“

André Ditzen: „Der Kopf muss stimmen, die Einstellung zu der Distanz, dann werden Kilometer nur eine Frage der Zeit. Dies ist mein Leitspruch geworden seit etwa zwei Jahren. Der Genuss ist schwer zu begreifen für Außenstehende, ich würde sagen, es ist unmöglich, das nachzuvollziehen. Man muss Grenzen überschreiten, um sie zu kennen.“

Tino Grunwald: „Neben dem in die Pedale treten ist man ständig mit dem Navigieren, der Nahrungsaufnahme, dem Einstellen auf veränderte äußere Bedingungen beschäftigt. Deswegen macht Brevetfahren trotz einiger Anstrengungen großen Spaß.“

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