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„Sitzen ist das neue Rauchen“

Interview mit den Orthopäden Jan Mintrop und Mathias Cuntze „Sitzen ist das neue Rauchen“

Sie wirkt bei Schmerzen oft besser als hochdosierte Arznei: Bewegung! „Wir bewegen uns heutzutage zu wenig“, sagen auch die beiden Peiner Orthopäden Mathias Cuntze und Jan Mintrop.

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Kinesio-Klebebänder nutzen die Peiner Orthopäden Mathias Cuntze (links) und Jan Mintrop bei ihren Behandlungen als Zusatz-Therapie bei Verspannungen, Zerrungen oder Rückenschmerzen. „Die Tapes funktionieren gut“, sagt Mathias Cuntze.

Quelle: im

Im Interview verraten sie, warum sie Tanzen und Alt-Herren-Fußball gut finden, welche Sportler am häufigsten in ihrer Praxis sitzen und was Sie von Breitensportlern halten, die nur mit Schmerzmitteln aufs Spielfeld gehen.

Sie kommen gerade aus dem Ski-Urlaub. Ich hoffe, ihre Gelenke, Bänder und Knochen sind noch heil, es heißt doch immer, Skifahren sei eine der ungesündesten Sportarten...

Jan Mintrop: Es gibt unterschiedliche Arten, Ski zu fahren. Man kann das auch locker und ganz vernünftig angehen. Gefährlich wird Skifahren doch vor allem erst dann, wenn man mit anderen Skifahrern zusammenprallt. Wenn man seine Kräfte sicher einzuschätzen weiß, entgeht man dem Risiko.

Mathias Cuntze: Je besser man seine Muskulatur einschätzen kann, desto weniger Traumata passieren. Auffällig ist doch, dass viele Unfälle am letzten Tag passieren. Noch eine letzte Abfahrt, noch einmal etwas erleben - doch das ist oft zu viel, die Kraft lässt nach. Ich kann mein Knie nicht mehr stabilisieren und schwups, ist das Kreuzband durch. Es trifft vor allem die, die nicht vorbereitet sind. Vom Schreibtisch direkt auf die Piste - das funktioniert nicht.

Wir stecken mitten in der Hochsaison für Ski-Urlauber. Welchen Rat haben Sie für den Breiten-Skisportler, der auf die Piste will?

Cuntze: Wichtig ist, der Muskel muss funktionieren, dafür muss er gut gedehnt sein. Dafür hat man schon früher die typische Ski-Gymnastik betrieben. Auch Nordic Walking und Joggen eignen sich als Vorbereitung perfekt, um Ausdauer und Muskulatur zu stärken. Doch damit sollte man schon Wochen vorher beginnen.

Mintrop: Was garantiert nicht klappt, ist, das ganze Jahr über unsportlich zu sein und sich dann in Ski-Gebiete zu wagen, die womöglich auch noch nicht meinem fahrerischen Können angepasst sind. Das geht in der Regel schief.

Welche Sportarten bescheren Ihnen denn eigentlich die meisten Patienten?

Mintrop: Wir haben viele Fußballer und Handballer - das sind zwei verletzungsträchtige Sportarten, weil es viele schnelle Richtungswechsel gibt. Aber auch viele Golfer kommen zu uns, die Schulter-Beschwerden behandeln lassen.

Cuntze: Und Tennis-Spieler aus dem höheren Bereich. Was uns auszeichnet ist, dass wir Bewegungsabläufe analysieren und Muskelmessungen durchführen, um zu sehen, wie der Muskel funktioniert. Das nutzen auch Triathleten und Marathonläufer, die zum Beispiel das Problem haben, dass der Muskel immer nach 20 Kilometern krampft. Mit unseren Messungen können wir Belastungen und damit auch Ungleichgewichte beim Bewegungsablauf erkennen. Mit dem Sportler können wir dann an der Technik arbeiten oder ihn gezielt an eine physiotherapeutische Therapie heranführen.

Mal abgesehen von den vielen Richtungswechseln - warum sitzen so viele Amateur-Fußballer im Wartezimmer von Orthopäden und Chirurgen?

Mintrop: Der Fußball heutzutage orientiert sich an der Fußball-Bundesliga. Die Spielweise ist viel schneller geworden, im Training hat sich jedoch nicht viel verändert. Im Breitensport sehen wir typische muskuläre Verkürzungen, die wir im Spitzensport nicht sehen. Der Sportler ist einfach nicht richtig vorbereitet auf die Belastung.

Cuntze: Nehmen wir doch einmal das Beispiel Hannover 96. Die Bankspieler machen sich unheimlich lange warm für ihren Einsatz, mit Dehn- und Laufübungen. Wenn das ein Trainer im Breitensport von seinen Ersatzspielern fordern würde, würden sie ihm weglaufen. Ein anderes Beispiel sind klassische Überlastungen, weil die Fußballer nicht angepasst trainieren.

Mintrop: Wir haben Siebenjährige, die viermal pro Woche zum Training gehen - das ist sicherlich einfach zu viel.

Und was wäre demnach die gesündeste Sportart aus ihrer Sicht?

Cuntze: Sportarten mit wenig Richtungswechsel, Joggen zum Beispiel.

Mintrop: Die gesündeste Sportart aus Orthopäden-Sicht ist Tanzen. Es gibt kaum eine Sportart, die so viele Muskelgruppen gleichzeitig beansprucht wie das Tanzen. Nur leider tanzt nicht jeder gerne. Tänzer haben wir in unserer Praxis zumindest selten. Aber wichtig ist: Hauptsache, man treibt überhaupt Sport. Bei Kindern haben wir ja zunehmend das Problem von Gewichtszunahme. Eltern, die uns fragen, welche Sportart wir denn empfehlen können, antworten wir immer: Egal, Hauptsache es macht Spaß. Und wichtig ist, dass Kinder mindestens ein halbes Jahr dabei bleiben, denn erst dann sind sie auf dem Stand der Mitspieler und bekommen den Ball immer besser unter Kontrolle oder können sich schneller bewegen.

Cuntze: Früher hat man immer gesagt, Schwimmen sei total gesund. Das sehen wir aus orthopädischen Gründen nicht so, der Hals wird beim Brustschwimmen überstreckt, viele Schwimmer haben Nackenschmerzen.

Die Volkskrankheit Fettleibigkeit: Sie haben das Problem bei Kindern schon angesprochen. Im Gegensatz dazu habe ich aber den Eindruck, dass bei den Erwachsenen ein wahrer Fitness-Wahn ausgebrochen ist und es immer extremer wird.

Mintrop: Früher ist man wandern gegangen, heute geht man Hardcore-Wandern über ein ganzes Wochenende und selbst in der Nacht. Wir erleben eine ganz starke Zunahme an Marathon-Läufern und Extremsportlern. Aber leider auch die Tatsache, dass es viele übertreiben.

Cuntze: Wir müssen tatsächlich auch immer mehr Leute ausbremsen, das gehört auch zu unserem Job. Es gibt Patienten, die einen Herzinfarkt erleiden, weil sie trotz Krankheit weiterhin zu viel trainieren.

Viele Menschen sitzen den ganzen Tag im Büro und bewegen sich in der Freizeit kaum. Sehen Sie das dem Knie, dem Rücken, dem Hals an?

Cuntze: Ja, bestimmte Muskelgruppen sind verkürzt. Ein Stier-Nacken ist ganz typisch.

Damit das nicht passiert. Können Sie einen Tipp fürs Büro mit wenigen Sätzen geben?

Mintrop: Sitzen ist das neue Rauchen. Zunächst einmal: Ergonomische Sitzmöbel wie höhenverstellbare Schreibtische und besondere Stühle bringen nicht viel. Das belegen zahlreiche Studien. Nur bewegen hilft. Zum Kopierer gehen, die Kaffeetasse in einem anderen Raum abstellen, die Post im Stehen öffnen.

Cuntze: In der Mittagspause spazieren gehen und viele Bewegungsmuster in den Büro-Alltag einbauen.

Amateursportler bewegen sich zwar. Aber selbst für ein Punktspiel in der Fußball-Kreisklasse machen sich viele mit Schmerzmitteln wie Diclofenac oder Aspirin fit. Wie gefährlich ist das?

Mintrop: Schmerz ist ein Warnsymptom. Achtung, bis hier und nicht weiter! Wenn ich aber trotzdem über eine Rote Ampel fahre, kann ich Glück haben und es kommt kein Auto, es kann aber auch schief gehen. Kein Mensch würde doch auf die Idee kommen, sich einen neuen Mercedes zu kaufen und wenn die Öl-Lampe leuchtet, Hammer und Schrauberzieher aus dem Kofferraum zu holen und die Öl-Lampe so zu bearbeiten, dass sie nicht mehr leuchtet. Das ist fahrlässig, im Endeffekt kommt dann halt der Motorschaden.

Die klassischen Schmerzmittel haben Nebenwirkungen, sie können Bluthochdruck machen, zusammen mit der Einnahme von anderen Medikamenten Herz-Rhythmus-Störungen hervorrufen. Sie können Magengeschwüre auslösen und wenn man sie regelmäßig dauerhaft nimmt können sie sogar die Niere zerstören.

Vor jedem Alt-Herren-Fußball-Spiel riecht es in der Kabine nach Wärme- und Schmerzsalben. Eine Studie besagt: Alt-Herren-Fußballer haben ein fast ebenso hohes Verletzungsrisiko wie Profi-Fußballer. Sollten Sie nicht lieber aufhören?

Cuntze: Nein, Bewegung in der Gruppe ist grundsätzlich eine gute Sache. Es gibt ja auch viele Studien, die besagen, dass Sport im Alter das Gehirn formt. Aber man sollte nicht vergessen: Nur weil sie älter sind, heißt das ja noch lange nicht, dass die Fußballer nicht mehr so aggressiv zur Sache gehen wie Jüngere. Strecken, die sie vielleicht läuferisch nicht mehr zurücklegen können, werden mit Grätschen kompensiert. Und ganz groß ist die Verletzungsgefahr, wenn die Alten Herren ohne Aufwärmphase gleich loslegen.

Ob Tennis-Profis oder Handball-Stars - bei Schmerzen oder Verletzungen tragen immer mehr Sportler die bunten Kinesio-Tapes. Bringt das wirklich was?

Cuntze: Sie funktionieren gut. Wir benutzen sie zusätzlich zu unseren Therapien.

Mintrop: Wir machen das, wenn wir den Muskel behandelt haben, um ihm zu zeigen, wie sein eigentlicher Radius funktioniert. Die Spieler nutzen das oft für Stellen an denen sie Probleme haben, um die Tiefenwahrnehmung nachhaltig zu verbessern. Damit kann ich Rückenschmerzen oder einer Zerrung vorbeugen.

Inzwischen wird ja sogar Botox bei einem Tennis-Arm eingesetzt.

Cuntze: Man hat bei Therapien bei Menschen mit Muskelspasmen festgestellt, dass der Wirkstoff Muskelverkrampfungen löst. Es gibt Menschen, die man bei einem Tennisarm nicht so einfach beschwerdefrei kriegt. Botox ist hier eine Alternative. Wenn man da mit Botox therapiert, funktioniert es, da es drei bis vier Monate wirkt, in dieser Zeit kann sich die ganze Entzündung lösen.

Einen Tennisarm könnte man auch operieren. Bei Knie- und Hüftgelenkoperationen liegt Deutschland im internationalen Vergleich seit Jahren sogar an der Spitze. Die Krankenkassen monieren: Es wird zu oft operiert. Sehen Sie das auch so?

Mintrop: Ja. Leider ist es so, dass viele Patienten sich konservative Therapien nicht leisten können oder wollen und die Krankenkassen dafür keine Zuschüsse geben. Es gibt eigentlich die Regel, die konservative einer operativen Therapie vorzuziehen. Das wird in Deutschland gerade verkannt.

Cuntze: Wir leben in einer Gesellschaft, in der gesagt wird: Schmerz - der muss weg, sofort. Patienten drängen regelrecht auf Operationen. Die Risiken sieht dabei keiner mehr, wenn aber etwas schief läuft, ist der Aufschrei groß.

Mintrop: Viele Patienten sagen: Ich bekomme ein neues Knie, eine neue Hüfte. Darin liegt doch schon der Fehler. Das ist kein neues Gelenk, das ist eine Prothese und mit der kann ich mein Knie maximal 110 Grad beugen und nicht mehr 150 wie es mit dem normalen Knie der Fall wäre. Ich verteufele auf keinen Fall Operationen, aber man muss begreifen, dass man vorher noch etwas anderes machen kann - auch wenn das mitunter der steinigere Weg ist.

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