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Im Wind verreckt der Hinterrad-Lutscher

PAZ-Sportstunde Im Wind verreckt der Hinterrad-Lutscher

In den Sattel, fertig, los: Im Frühling startet die Radsport-Saison. Sportredakteur Christian Meyer ist mit den Radsportlern vom Peiner Eulenexpress 83 Kilometer in unter vier Stunden gefahren. Danach hat er einen Schoko-Riegel, zwei Topf-Kuchen, drei Teller Lasagne und drei Scheiben Brot mit Aufstrich verdrückt und am Tag nach der "PAZ-Sportstunde" trotzdem fast zwei Kilo weniger gewogen.

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Entspannte Unterhaltung: Bodo Czerwinski gibt mir Tipps fürs Gänge-Schalten.

Start Aral-Tankstelle

Wer 83 Kilometer strampeln will, muss Luft haben - nicht nur in der Lunge sondern auch im Reifen. Mit seinen beiden Daumen macht Jörg Köther bei meinem Trekking-Rad lieber mal die Druckprobe. "Das ist zu wenig", sagt er. Da bin ich platt. Ich hatte die Reifen tags zuvor extra noch aufgepumpt. Aber was für meine Verhältnisse hart ist, ist für Radsportler so schlaff wie frisches Toastbrot. Und das rollt ja auch nicht so gut. Gut, dass man am Start unserer Tour auch Luft tanken kann - die Aral-Tankstelle am Schwarzen Weg ist Ausgangspunkt der drei Permanenten-Radtouren-Fahrten, die die Peiner Radsport-Gruppe Eulenexpress in Zusammenarbeit mit dem Verein ESV Fortuna Celle anbietet. Ich durfte mir die flachste aussuchen: die "Peiner Runde". In einem silbernen Köfferchen hinterm Tankwart-Tresen werden die Streckenkarten verwahrt. Thomas Liedtke klappt eine auf und fährt die Route mit seinem Zeigefinger ab. "Dieser Abschnitt wird hart, da bläst kräftig Gegenwind, aber ab Harber bis Peine wird es Genuss pur", prognostiziert er. An diese Worte werde ich mich drei Stunden später genau erinnern. Draußen tankt ein Autofahrer Super und flachst: "Na, Jungs, könnt ihr nicht mehr?" Nee, wir sind noch gar nicht losgefahren. Also auf ins Abenteuer.

Peine, Stederdorf, Meerdorf, Rüper

Mit sechs Bar Druck im Reifen, zwei Energie-Riegeln in der Jackentasche und 1,5Liter Cola-Wasser-Gemisch im Getränkehalter mache ich mich gemeinsam mit 20 Radsportlern auf den Weg. Mit ihren Rennmaschinen hat die Gruppe mächtig Eindruck bei mir hinterlassen. Man könnte das vielleicht so vergleichen: Ein Fiat-Punto-Fahrer guckt sich neidisch im Autohaus einen Porsche-Boxster an. Windschnittig, mit Carbon und Aluminium verarbeitet, teilweise auf Hochglanz poliert, die Räder sehen aus, als führen sie von alleine. Tun sie aber nicht. "Es liegt nie am Rad", verweist André Ditzen, der selber sieben Räder hat, auf seinen Leitspruch. Damit raubt er mir gleich mal eine mögliche Ausrede, warum ich vielleicht das Ziel nicht erreiche. Aber noch läuft es ja ganz gut. Es rollt. Ich habe mich zum Hinterrad-Lutscher gemausert. Immer schön Kraft sparen in der Gruppe. Sogar Lächeln fällt mir leicht, als PAZ-Fotograf Kim Neumann am Streckenrand auf den Auslöser drückt. Wir zischen mit mehr als 30Sachen vorbei.

Ersehof, Wipshausen, Eickenrode, Rietze, Ankensen

Komisch, ich fühle mich immer noch so gut, wie Lance Armstrong beim Warmfahren. Meine Luft reicht sogar, um mit Bodo Czerwinksi und Udo Willenbücher über ihr anstehendes Mallorca-Trainingslager zu plaudern, mich bei Frank Eggert nach den Eindrücken seiner Radtour auf dem Jakobsweg zu erkundigen und mit Tri-Speedy David Hillarius über die Trainingsschufterei von Triathleten zu plauschen. Radsportler sind Meister der Zeichensprache. Mit kurzen Fingerzeigen weisen sie zum Beispiel auf Schlaglöcher hin. Zwischen Ankensen und Edemissen kommen sie mit den Hinweisen allerdings kaum hinterher und ich erinnere mich an ein Zitat von Radsport-Legende Rudi Altig. "Ein Radrennfahrer muss seinen Hintern besser pflegen als sein Gesicht", hatte der mal konstatiert. Der Reifendruck erschüttert auch meinen Allerwertesten. Aua, aua, aua. Meine Freunde hatten mir im Vorfeld der Tour ein aufmunterndes Foto vom feuerroten Hintern eines Pavians geschickt. So schlimm war es dann aber doch nicht.

Edemissen, Abbensen, Sievershausen

Mein Rad ist doch nicht schlecht. Bei der kurzen Pipi-Pause vor Edemissen lehnen sich einige an ihr Gefährt, weil sie es nicht abstellen können. Tja, mein Rad hat einen Ständer. Ich nasche einen speziellen Energie-Riegel für Radfahrer. Der 40-Gramm-Snack hat 160 Kalorien - so viel wie 100 Gramm Hähnchenbrust mit krosser Haut. Die Pause hat Kräfte geweckt, die Gruppe macht Tempo. Gefahren wird auf der Straße in Zweier-Reihen. Ja, das ist erlaubt. Mehr als 16 Radler bilden nämlich einen Verband, klärt mich Front-Eule André Ditzen auf. Die wenigsten Autofahrer wissen das, aber nur zwei hupen genervt. Gegenwind kommt auf. So langsam lasse ich Körner und merke, dass es von Vorteil ist, zu dieser Jahreszeit schon 600 Kilometer in den Beinen zu haben wie einige Mitfahrer. Das fahre ich nicht einmal im ganzen Jahr.

Dolgen, Haimar, Harber

Windräder sind eine gute Sache für die Energiewende. Wer sie irgendwo hinbaut, macht das allerdings nicht ohne Grund. Dort ist es zugig. Ich hingegen bin gar nicht mehr zügig. Wir sind auf Andre Ditzens Lieblingsabschnitt. "Wenig Verkehr, überwiegend guter Asphalt und die vorhandene Windanfälligkeit", erklärt er den Reiz. Wind von rechts, Wind von vorne. Ich nenne das Selbstkasteiung und muss mich trotzdem bei der Front-Eule bedanken. Im Kampf mit dem Wind und dem inneren Schweinehund musste ich abreißen lassen. Getränke-Flasche noch voll, ich wie Flasche leer. Ditzen hat mich im Wind gerettet und mich trotz Pudding-Oberschenkeln weiter von dem Paradies träumen lassen: Harber. Harber, ich will nach Harber! Der Ort, wo Milch und Honig in Bächen fließen und es genügend Rückenwind für alle gibt.

Harber, Stedum, Rosenthal, Handorf, Peine

Gut, dass jeder Radsportler auch ein kleiner Meteorologe ist. Thomas Liedtke hatte recht. Ab Harber kam ich doch einmal ins Rollen. In Handorf braust ein Rettungswagen mit Blaulicht an der Gruppe vorbei. "Nein, der ist nicht für mich", betonte ich. "Ich dachte schon", scherzt Tino Grunwald zurück. Trotz gemeinem Nord-Süd-Brücken-Schlussanstieg erreiche ich erschöpft, aber voller Glücksgefühle das Ziel. Mein Respekt vor Radsportlern ist noch einmal gestiegen. Was mich an die Grenzen trieb, machen die Eulen jeden Dienstag nach der Arbeit als Trainingsrunde: rund 80 Kilometer. "100 gehen immer ist bei uns zum geflügelten Spruch geworden", erzählt Ditzen. Bei mir war bei 83 Kilometer die Luft raus, da half dann auch die Druckluft-Maschine an der Tankstelle nicht mehr...cm

Hintergrund

Drei Touren rund um Peine

Zusammen mit dem ESV Fortuna Celle bietet die Peiner Radsport-Gruppe Eulenexpress drei Strecken als Permanente-Radtourenfahrt an. Jeder Interessierte erhält dafür das Kartenmaterial in der Aral-Tankstelle am Schwarzen Weg, die Startpunkt aller Fahrten ist. Ob als Gruppe oder Einzelfahrer – teilnehmen kann dort jeder, eine Mitgliedschaft in einem Verein ist nicht notwendig. • „Über’n Lichtenberg“ (88 Kilometer): Durchs Fürstenauer Holz geht es in Richtung Gemeinde Lengede und dann weiter zur Erhebung südlich von Salzgitter. „Landschaftlich sehr schön, geht es von dort über Oelber, Holle, Grasdorf einen weiteren, schönen und etwas längeren Anstieg über den Steinberg und den Meckenberg schließlich in bekannte Gefilde durch Hoheneggelsen zurück nach Peine“, schildert Ditzen. ? Grafik im Internet unter ?http://www.gpsies.com/map.do?fileId=ofnmyaltenkxsxao • Eulentour (82 Kilometer): „Eine Strecke in den Süden von Peine, die als Highlight die Gegend um Schloss Derneburg bietet. Ab Hoheneggelsen geht es kontinuierlich bergan, erst sehr leicht, dann ab Wöhle schon mit spürbaren sechs Prozent Steigung, wonach man auf der Abfahrt einen fantastischen Blick auf das Schloss Derneburg hat“, schildert Andre Ditzen vom Eulenexpress. ? Grafik im Internet unter: ?http://www.gpsies.com/map.do?fileId=ttcpauhoysvmrbct • Peiner Runde (83 Kilometer): An die flachste der drei Strecken wagte sich Sportredakteur Christian Meyer in der PAZ-Sportstunde (siehe Grafik). ? Grafik im Internet unter: http://www.gpsies.com/map.do?fileId=swkgerlxypepkzlv

Hintergrund

Eulenexpress

Seit Herbst 2010 gibt es die Peiner Radsport-Gruppe „Eulenexpress“. Der Radsport fasziniert Mitbegründer Andre Ditzen unter anderem weil er gesund ist, man die Landschaft hautnah erleben kann, er unerbittlich ist und Sportler an seine Grenzen bringt und trotz der Anstrengungen ein Gefühl unbeschwerten Glücks hervorruft. „Bei den Eulen kann jeder mitfahren, der sich zutraut, 60 und mehr Kilometer an einem Stück zu fahren“, sagt Ditzen. ?

www.eulenexpress.de

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