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Ein cooler Therapeut mit vier Hufen

Heilpädagogisches Voltigieren Ein cooler Therapeut mit vier Hufen

So entzückende Briefe bekommt nur ein ganz besonderes Pferd.

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Julian zeigt auf Schimmel Lutz, dass er auch im Schneidersitz reiten kann. Voltigier-Pädagogin Christhild Keil führt das Pferd an der Longe.

Quelle: rb

Von Christian Meyer

 „Lutz sei nicht traurig, weil wir nicht kommen konnten, wir lieben dich“, haben die Drittklässler Julian, Justin, Tristan und Rollandinho mit orangefarbenem Buntstift aufgeschrieben und das Blatt Papier ihrer Lehrerin zugesteckt. Das war im Winter, Glatteis hatte die Straßen in gefährliche Rutschbahnen verwandelt und die Fahrt im Kleinbus und ihr heißgeliebter Unterricht in der Hohenhamelner Reithalle mussten ausfallen. Gemeinsam mit der Hildesheimer Schule im Bockfeld, einer Förderschule für geistige Entwicklung, bietet der Reit- und Fahrverein Hohenhameln heilpädagogisches Voltigieren an. Ein im wahrsten Sinne des Wortes ausgezeichnetes Projekt.

Die Spatzen zwitschern in der Stallgasse, und der Star knabbert gerade noch am Stroh. „Guten Morgen, Lutz“, begrüßt Christhild Keil das lettische Warmblutpferd. Die Lehrerin, selbst begeisterte Reiterin, ist ausgebildete Voltigier-Pädagogin. Seit 21 Jahren arbeitet sie mit Hilfe von Pferden daran, Motorik, Wahrnehmung und Verhalten von Schülern zu fördern. Dass das prima funktioniert, dafür sind Julian, Justin, Tristan und Rollandinho der beste Beweis. Seit Sommer dürfen die Drittklässler an dem Projekt beim Reit- und Fahrverein Hohenhameln teilnehmen - und jetzt begrüßen sie erstmal ihren coolen Schimmel, indem sie ihn an ihren Händen schnuppern lassen. „Hey Lutz, das kitzelt“, sagt Justin und grinst, als das Pferd ihm durch die warmen Nüstern in die Handfläche pustet.

Die Kinder haben Respekt vor Lutz, aber keine Angst. Sie putzen ihn, kratzen die Hufe aus, klopfen ihm aufs Hinterteil und bitten den Schimmel, sich umzudrehen. Dass vier Kinder an ihm wuseln, stört Lutz nicht die Bohne. „Für dieses Projekt stellen wir gerne unser bestes Pferd zur Verfügung“, betont Ralf Lange, der Vorsitzende des Reit- und Fahrvereins Hohenhameln. Wenn Lutz an der Longe läuft, turnen auf ihm Voltigier-Mannschaften. Die Hohenhamelner Akrobaten trug er schon zur Landes- und Norddeutschen Meisterschaft. „Er ist ruhig und ganz gelassen“, schwärmt Lange.

So ausgeglichen sind die Kinder nicht. Und genau daran soll der Therapeut auf vier Hufen etwas ändern. „Für ihren Lutz reißen sie sich zusammen“, weiß Pädagogin Christhild Keil. Als das Pferd zum Beispiel eine kleine Wunde hatte, haben die Kinder Fürsorge, Rücksichtnahme und Verantwortung gezeigt. Sie haben die Wunde gepflegt und darauf geachtet, dass nichts an ihr reibt. Ein Verhalten, dass die Schüler mit in ihren Alltag nehmen.

Genauso wie ein besseres Gleichgewichtsgefühl und Körperbeherrschung. Als Christhild Keil Lutz an der Longe aufwärmt, zeigen die Kinder, was sie für akrobatische Übungen seit Sommer gelernt haben. Auf dem Holzpferd turnen sich die Schüler im Tagungsraum warm. Den Prinzensitz, den Damensitz, den Kamelsitz, ja sogar die Mühle beherrschen sie schon. Das wollen sie gleich auch auf Lutz zeigen.

In der Reithalle ist derweil auch das Voltigier-Pferd auf Betriebstemperatur gekommen. Doch bevor die Kinder in den Sattel dürfen, übt Christhild Keil mit ihnen Laufspiele ein, bei denen die Drittklässler mal vorm Pferd auf die andere Seite laufen müssen oder unter der Longe hindurch. „So schulen wir Raum- und Lage-Wahrnehmung“, erläutert die Pädagogin.

Auch unter dem Hals von Lutz könnten die Kinder locker in gestreckter Haltung hindurchlaufen. Der Schimmel ist mit einem Stockmaß von 1,72Meter eine imposante Erscheinung. Trotzdem: Angst haben die Kinder in luftiger Höhe nicht mehr, sie haben sie überwunden. Ihr Mut ist gewachsen, ihr Selbstwertgefühl gestiegen. „Zu sehen, wie sie darin wachsen, ist einfach toll“, betont Lehrerin Christhild Keil. Denn was die kleinen Drittklässler da oben leisten, ist beeindruckend. Julian legt sich bäuchlings auf den Pferderücken und streckt die Arme aus wie ein Flieger. Tristan hält sich im Trab fest und lächelt wie ein Strahlemann. „Noch eine Runde“, ruft Justin als er wieder im Sattel sitzt. Rollandinho schlägt derweil dem Zeitungsreporter vor: „Du kannst doch auch mal. Oder hast du etwa Angst? Brauchst du nicht.“

Die 100 Minuten bei und auf Lutz haben die Kinder verändert. Sie wirken entspannter, lachen, sind geerdeter. „Wenn ich sehe, wie die Kinder aufblühen und sich öffnen, ist das einfach toll. Plötzlich können sie sich konzentrieren. Da oben im Sattel funktioniert fast alles“, schwärmt Pädagogin Keil. Auf der Rückfahrt im Bus schlummern die Kinder häufig erschöpft mit einem Lächeln ein.

Nach einem Schuljahr heißt es Abschied nehmen. Dann dürfen neue Drittklässler ran. Die tollen Erfahrungen aber bleiben und eine Frage, die Christhild Keil in fast jeder Pause beantworten muss. „Wie geht es Lutz?“ „Grüßen Sie Lutz von mir!“

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