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Auf dieses Navi ist seit 40 Jahren Verlass

Peter Sebralla aus Oberg ist Rallye-Beifahrer Auf dieses Navi ist seit 40 Jahren Verlass

Das verträgt nicht jeder Magen. Vollbremsungen, rasant geschnittene Kurven, abrupte Richtungswechsel, Tempo 200 - und dabei den Kopf unten halten, um vorzulesen. „Im Karussell geht es mir nicht so gut“, verrät ausgerechnet Peter Sebralla.

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Peter Sebralla vor einer seiner Trophäen-Sammlungen: „Bei 500 Pokalen habe ich aufgehört zu zählen“, sagt das Rallye-Beifahrer-Ass.

Quelle: im

Denn er ist es eigentlich gewohnt, dass es schaukelt und scheppert, hoch und runter geht in einem Affenzahn. Und im Auto macht ihm das auch nichts aus. Der 60-Jährige aus Oberg ist seit 40 Jahren Rallye-Sportler. Als Beifahrer ist er dabei mindestens so wichtig wie der Überrollbügel im Rennwagen. Denn wenn Nebel, Regen, Staubwolken, Matschspritzer oder eine Bergkuppe dem Fahrer die Sicht nehmen - Peter Sebralla weiß trotzdem, wo es langgeht. Er sagt es an, er ist das Navi, das auch ohne Strom funktioniert - und zwar richtig gut.

Dreimal gewann er mit seinen Piloten den Rallye-Pokal-Nord, eine Art 3. Liga im Motorsport, dreimal raste er zur Niedersachsenmeisterschaft und bretterte selbst schon bei EM- und WM-Läufen über Asphalt und Schotter. Sein Rennen fährt Peter Sebralla allerdings bereits im Hotelzimmer. Er erstellt anhand des Road Books der Veranstaltung seinen Aufschrieb mit Ansagen für den Piloten über Schärfen und Richtungen von Kurven oder Warnhinweisen über Rampen oder Mauern. Gebetbuch nennen Rallye-Sportler das. Bei Erkundungsfahrten auf der Strecke wird es bis ins kleinste Detail verfeinert und bei Vollgas im Rennen vorgelesen. „Der kleinste Fehler ist fatal. Rallye-Fahrer müssen nicht sehen, was nach der Kurve kommt, aber sie müssen es wissen“, betont Sebralla. Verlesen verboten!

In Zeitungs- oder Fernsehberichten wie zum Beispiel gerade über die Rallye Dakar stehen meist die Piloten im Vordergrund. Dabei ist die Arbeit des Beifahrers fast genauso wichtig. Wenn nicht sogar überlebenswichtig. „Rallyesport ist Teamarbeit. Rallye-Legende Walter Röhrl hat einmal gesagt, dass der Beifahrer 40 Prozent Anteil am Erfolg eines Rallyefahrers hat“, merkt Sebralla an. Zumal: Er ist nicht nur Navigationsgerät und Sicherheitsdienst, er ist auch Ratgeber und Motivator.

In der Rallye-Szene kennt man Peter Sebralla, in der Verkehrssünder-Datei nicht. „Punkte in Flensburg habe ich nicht“, betont der 60-Jährige. Dafür aber reichlich Pokale. In 40 Jahren Motorsport hat sich einiges angesammelt. Nicht nur das Wohnzimmer ist rappelvoll. „Bei 500 habe ich aufgehört zu zählen“, erzählt Sebralla und schmunzelt.

Lächeln würde man heutzutage wohl auch über die 60 PS, die sein erstes Auto unter der Haube hatte. Angefangen hat alles mit einem Opel Kadett B mit Doppelvergaser. „Damals war das schon was“, sagt Sebralla. Als die Starter der Peiner Stahlrallye vor seiner Haustür in Wense zur Sonderprüfung vorbeibretterten, war Sebralla mit dem Motorsport-Virus infiziert. Erst schnupperte er als Streckenposten bei der MSG Groß Bülten in den Rallye-Sport hinein, dann startete er selber als Pilot in seinem eigens dafür aufgebauten Opel-Kadett B mit dem er ansonsten auch zur Arbeit fuhr.

Doch er merkt schnell: „Der Job des Beifahrers liegt mir besser.“ Konzentriert und genau arbeiten - das kann er im Hobby wie im Beruf. Der Wochenend-Raser arbeitet als Referent im Controlling bei der Deutschen Bahn in Hannover. So gerne er Autos auch mag - zur Arbeit fährt er mit dem Zug.

Im Eilzug-Tempo ist er auf den Wertungsprüfungen der Rallyes unterwegs. Seine drei Laufbahn-Höhepunkte in 40 Jahren:

! Mit Pilot Bernd Lange aus Dingelbe schafft er einen Klassensieg im Golf II beim EM-Wertungslauf in Polen. Bei der Rückfahrt aus dem damaligen Ostblock gibt es Probleme. Die polnischen Grenzer dachten, die beiden wollen Kristall-Glas schmuggeln. „Zum Glück hatten wir ein Foto von der Siegerehrung mit einem Funktionär dabei und konnten zeigen, dass das unser Pokal war.“

! Bei der Sachs-Winter-Rallye 1986 ärgern Peter Sebralla und Pilot Andreas von Berg die namhafte Konkurrenz. Denn sie hatten die richtigen Reifen gewählt: „Kurz vor Ehra-Lessien fing es an zu schneien, viele Spitzenteams sind ausgefallen, wir haben den dritten Platz gemacht.“

! Und einfach ein tolles Erlebnis sei die Teilnahme mit Pilot Marcel Becher und dessen gesponserten 145-PS-Opel-Adam-Flitzer an der ADAC-Rallye-Deutschland gewesen, bei der 1227 Kilometer in vier Tagen absolviert werden müssen. Als 58-Jähriger zählte Sebralla damals schon zu den ältesten Beifahrern.

Doch ans Aufhören denkt er noch (lange) nicht. Mit Mountainbiken, Rennrad-Fahren und Fitness-Studio-Besuchen hält er sich fit, um die ärztliche Untersuchung locker zu schaffen, die Motorsportler alle zwei Jahre absolvieren müssen. In der kommenden Saison will er dem Broistedter Renault-Clio-Piloten Jens Brandes dabei helfen, den Niedersachsen-Titel zu verteidigen. „Schließlich hat Jens das Auto gerade erst aufgebaut.“ Peter Sebrallas Ehefrau Birgit geht davon aus, dass das klappt. Denn auch im Alltag findet sie: „Da ist Peter auch ein guter Beifahrer.“

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