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Das Ende der Seilschaften

Fahrstuhl mit Magnetkraft Das Ende der Seilschaften

Deutsche Ingenieure haben den Fahrstuhl revolutioniert. Rund 160 Jahre nach Erfindung des Aufzugs soll die Technik ganz ohne Seil auskommen – und trotzdem sicher sein. Magnetkräfte machen es möglich.

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Ganz ohne Seile: Der Fahrstuhl der Zukunft wird per Magnetkraft bewegt.

Quelle: Grafik: RND, Fotos: Fotolia

Rottweil. “Alles ganz sicher, meine Herren, alles ganz sicher!“ Mit diesen Worten soll sich Elisha Graves Otis der Überlieferung nach bei der ersten New Yorker Weltausstellung im Jahre 1854 an das staunende Publikum gewandt haben. In schwindelerregender Höhe stand er über den Köpfen der Menschen auf einer Plattform, die scheinbar nur von einem dicken Seil gehalten wurde. Als er seine Assistenten bat, das Seil zu kappen, gab es einen Ruck und der Aufzug sackte ab – aber nur ein paar Zentimeter. Eine starke Feder hatte einen Mechanismus ausgelöst, mit dem sich die Plattform in den beiden Pfeilern verkeilte. Otis hatte den absturzsicheren Lift erfunden.

Heute ist die Otis Elevator Company der weltweit größte Produzent von Aufzügen. Die von Elisha Otis entwickelte Fangvorrichtung muss noch immer in jedem Aufzug eingebaut sein. Sie wurde verbessert und modernisiert, doch die Grundidee ist geblieben. Und auch das Seil war in den letzten 160 Jahren des Fahrstuhls treuer Begleiter. Wie auch sonst sollte sich die Aufzugkabine fortbewegen können?

Genau das führten Ingenieure des Konzerns Thyssenkrupp kürzlich vor. In Rottweil, 25 000 Einwohner, tiefstes Schwabenländle, zeigten sie einem staunenden Publikum, auf welche Weise sie die milliardenschwere Technik auf den Kopf stellen wollen: Eine ähnlich spektakuläre Vorstellung wie einst Otis brauchten sie dafür gar nicht. Stattdessen ließen sie das Seil kurzerhand gleich ganz weg.

Auf und ab im neuen Design

Auf und ab im neuen Design: Moderner Aufzug, moderne Anzeigetafeln.

Quelle: Otis

“Multi“ heißt das Vorzeigeprojekt – ein Lift, der nicht länger von einem Seil nach oben gezogen werden muss, sondern per Magnetschwebetechnik durch den Schacht gleitet. “Es war Zeit für etwas Neues“, so der Vorstandsvorsitzende der Konzernsparte Thyssenkrupp Elevator während einer Präsentation vor Architekten, Immobilienmanagern und Journalisten. Die Lebensweise in Städten werde sich durch die neuartige Technik verändern. “Wir transformieren die Aufzugindustrie grundlegend.“

Bislang fährt der seillose Aufzug erst mal nur in einem 246 Meter hohen Testturm aus Stahlbeton am Stadtrand von Rottweil. In einigen Jahren jedoch soll er in einigen der höchsten Gebäude der Welt unterwegs sein. Denn Thyssenkrupp reagiert nach eigenen Angaben auf Herausforderungen moderner Architektur: Laut Council on Tall Buildings and Urban Habitat waren im letzten Jahr weltweit 128 Hochhäuser im Bau, die größer sind als 200 Meter. 2017 sollen noch einmal 150 solcher Riesentürme hinzukommen, 2018 weitere 155.

Und die Gebäude werden immer höher: Das Burj Khalifa in Dubai mit 828 Metern wird nicht mehr lange das höchste sein. 2020 soll der Jiddah Tower in Saudi Arabien eröffnet werden, der als Erster seiner Art die 1000-Meter-Grenze knacken wird. Die mehr als 200 Stockwerke kann dann keiner seiner Fahrstühle am Stück zurücklegen. Dafür wären die Tragseile zu schwer und würden unter ihrer eigenen Last reißen.

“Wie eine Metro für Gebäude“

Wo mehrere Lifte eingebaut werden, fällt Geschossfläche weg. Laut Schierenbeck werden in vielen Hochhäusern bis zu 40 Prozent der nutzbaren Fläche für Aufzugschächte beansprucht. Für den Multi ist hingegen nur ein Schacht notwendig, in dem, wie Bahnzüge auf einem Gleissystem, gleich mehrere Kabinen unterwegs sein sollen. Die Raumersparnis führt dazu, dass man mehr Geld mit der Vermietung von Büros verdienen kann. Wie hoch das Gebäude ist, spielt für den Multi keine Rolle: “Wenn Architekten über 1000 Meter hoch bauen wollen – bitte“, so Schierenbeck nüchtern.

Zusätzlich bewegen sich die Kabinen des Multis nicht nur hoch und runter, sondern auch hin und her. Über drehbare Weichen können sie in horizontale Bewegungsrichtung wechseln, sind in unterschiedlichen Schächten unterwegs und können so auch Gebäude miteinander verbinden. “Das ist wie eine Metro für Gebäude“, so Forschungsleiter Markus Jetter. “Es gibt praktisch keine Wartezeiten mehr.“

Mitarbeiter mit Arbeitsplatz im Wolkenkratzer werden dafür dankbar sein. Die Büroangestellten New Yorks sollen einer Statistik zufolge während ihres Arbeitslebens zusammengenommen rund 16,6 Jahre auf den Lift warten, weitere 5,9 Jahre verbringen sie demnach in den Kabinen. Darum arbeiten auch andere Unternehmen aus der Branche daran, ihre Aufzüge attraktiv für Riesenhochhäuser zu machen. Der finnische Konzern Kone hat beispielsweise das “Ultrarope“ entwickelt, ein Seil aus Kohlefasern, das leichter und reißfester ist als bisherige Zugseile und ebenfalls bisher ungekannte Aufzughöhen ermöglichen soll. Unter anderem der Jiddah Tower wird mit dieser Technik ausgerüstet.

Auf und ab im neuen Design

Auf und ab im neuen Design: Moderner Aufzug, moderne Anzeigetafeln.

Quelle: Otis

Das japanische Unternehmen Mitsubishi Electric macht mit Rekordgeschwindigkeiten seiner Aufzüge von sich Reden. Im Shanghai Tower, dem höchsten Gebäude in China, schafft einer von drei eingesetzten Fahrstühlen 20,5 Meter pro Sekunde. Da kann Thyssenkrupps Multi mit fünf bis sechs Metern pro Sekunde kaum mithalten.

Otis konzentriert sich hingegen vor allem auf Energieeffizienz und die umweltfreundliche Herstellung seiner Produkte. Der regenerative Aufzugantrieb “ReGen“ etwa speist die überschüssige Energie ins Gebäude zurück anstatt sie durch Wärme an die Umgebung abzugeben. Einer Unternehmenssprecherin zufolge kann dadurch eine Stromeinsparung von bis zu 75 Prozent erreicht werden.

Um das Seil kommt indes noch keiner der Konkurrenten herum. Doch auch Thyssenkrupp verzichtet trotz seiner Revolution in Sachen Antrieb nicht auf alle Fahrstuhltechnik, die sich in den letzten 160 Jahren durchgesetzt hat. Im Fall eines Stromausfalls soll ein vierstufiges Bremssystem die mit Batterien ausgestatteten Kabinen des Multis vor einem Absturz sichern. Zudem sind, wenn alles schiefgeht, immer noch mechanische Fangarme verbaut. Wie in jedem Aufzug seit 1854 – Elisha Otis sei Dank.

Von Alena Hecker

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