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Zeit und Traum

Optimismus in der Uhrenbranche Zeit und Traum

Armbanduhren zählen zu den beliebtesten Geschenken an Weihnachten. Zurzeit sind vor allem Smartwatches gefragt. Doch auch die Faszination für die mechanische Uhr bleibt: Die Branche nimmt schon die nächste Generation ins Visier.

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Der Berg ruft

Die Uhrenbranche geht mit der Zeit: Während manche Hersteller auf den Smartwatch-Trend aufspringen, betonen andere die inneren Werte mechanischer Uhren und exquisite Handwerkskunst.

Quelle: iStockphoto

Berlin. Bei Patek Philippe ist die Zeit stehen geblieben. Zumindest in Fragen des Marketings. Die Genfer Uhrenmarke wirbt seit mehr als zwanzig Jahren mit dem Slogan: “Beginnen Sie eine eigene Tradition.“ Optisch steht nie ein einzelnes Uhrenmodell im Vordergrund, sondern stets ein Bild wie aus einem Familienalbum. Da spielen Vater und Sohn zusammen Schach oder eine Mutter korrigiert sanft die Ballettpose ihrer Tochter – alles sorgfältig inszeniert von namhaften Fotografen wie Peter Lindbergh.

Die Reklame räumt geschickt mit dem wohl imageschädlichsten Vorurteil gegenüber Luxusuhren auf: dass sie was für neureiche Angeber mit überdimensionalem Ego sind. Patek vermarktet seine Uhren als Wertanlage, die über Generationen Bestand haben soll. Nicht Zeit, sondern Zeitlosigkeit ist das große Thema.

Patek Philippe zählt nach einer Marktanalyse des Uhrenmedienverlags Ebner vom vergangenen Jahr neben Rolex, Omega und Breitling zu den begehrtesten Marken der Haute Horlogerie, der Luxusuhrenindustrie. Die hat geraume Zeit vor allem auf dem asiatischen Markt hohe Gewinne eingefahren, insbesondere in China, wo teure Uhren lange als Bestechungsgeschenk Nummer eins galten. Schärfere Antikorruptionsgesetze und unter anderem eine erhöhte Luxussteuer machen dem Markt dort nun zu schaffen. Hinzu kommt, dass sich viele Marken so sehr auf die asiatischen Käufer konzentriert haben, dass ihr oft schmucklastiges Design in Europa, wo eher schlichte Ausführungen gefragt sind, wenig Anklang fand.

Begehrt und beliebt

Begehrt und beliebt: Rolex gehört weltweit zu den Topmarken der Haute Horlogerie, doch die Luxusuhrenhersteller haben trotzdem mit Umsatzeinbußen zu kämpfen.

Quelle: BLOOMBERG

So verzeichnete die Schweiz als weltweit größter Uhren-Exporteur Branchenschätzungen zufolge im vergangenen Jahr rund 40 Prozent Reimporte. Preissenkungen gibt es im Luxusuhrengeschäft nicht. Ladenhüter werden einfach vom Markt genommen – wenn sie von Konzessionären nicht gerade als sogenannte Grauware im Internet angeboten werden. 2016 sind die Umsätze der Schweizer Uhrenindustrie um 10 Prozent eingebrochen. In Deutschland belief sich das Minus auf 4 Prozent.

Dennoch blickt die Branche optimistisch in die Zukunft. Ausgerechnet die Digitalisierung beflügelt offenbar den Uhrenmarkt. Smartwatches haben im Jahr 2016 der klassischen Armbanduhr beim Absatzvolumen erstmals den Rang abgelaufen. Horst Eberhardt, Geschäftsführer beim deutschen Zentralverband für Uhren, Schmuck und Zeitmesstechnik, sieht in dem erfolgreichen Vorpreschen von Apple und Co. beim Uhrengeschäft “eine positive Entwicklung, die dazu führt, Armbanduhren insgesamt wieder attraktiver zu machen“.

Die sonst eher nichts übereilenden Hochpreisanbieter haben zum Teil schon reagiert und steigen selbst ins Geschäft mit den intelligenten Uhren ein. Auf diese Weise wird die Smartwatch auch für Juweliere interessant und ist nicht mehr nur im Technikhandel erhältlich. Für die rund 3800 Händler, die im Uhrenzentralverband Mitglied sind, ist das laut Geschäftsführer Eberhardt auch eine Chance, wieder junge Kunden zu gewinnen. Diese würden so an den Markt gebunden und stiegen später möglicherweise auf eine mechanische Uhr um.

Inbegriff von Status und Wertigkeit

Die mechanische Uhr geht streng genommen ungenauer als eine Quarzuhr, doch sie ist in der Uhrenbranche der Inbegriff von Status und Wertigkeit schlechthin. Lange war sie vor allem für Männer attraktiv. Nach Schätzungen des Demoskopie-Instituts Allensbach besitzen 3,5 Millionen deutsche Männer eine mechanische Armbanduhr im Wert von mindestens 500 Euro.

Vor einigen Jahren passte sich die Damenarmbanduhrmode in Größe und Look den sportlich-eleganten Ausführungen für Männer an. Seitdem sind mechanische Uhren auch bei Frauen beliebt. Marktführend ist die Schweiz, doch seit der Wiedervereinigung hat sich auch Deutschland mit Glashütte in Sachsen verstärkt einen Namen gemacht. Alte Luxusuhrenmarken wie A. Lange & Söhne wurden in Glashütte wiederbelebt, neue Manufakturen wie Nomos entstanden.

In Glashütte oder auch bei Junghans im Schwarzwald werden Werke und Gehäuse nicht extern eingekauft. Bis ins kleinste Detail ist alles “made in Germany“. Perfektion wird dabei großgeschrieben. So wirbt A. Lange & Söhne beispielsweise damit, sich extra viel Zeit für den Zeitmesser zu nehmen: Jede Uhr wird zweifach montiert. Nach der erstmaligen Zusammensetzung und Feinjustierung wird sie wieder auseinandergebaut, gereinigt und poliert, um dann endgültig montiert zu werden.

Zeichen der Zeit

Zeichen der Zeit: Das Schweizer Traditionsunternehmen Tag Heuer hat als erster Luxusuhrenhersteller eine Smartwatch auf den Markt gebracht.

Quelle: AFP

Was Langlebigkeit erzielen soll, kostet also Zeit. Und die ist bekanntlich Geld, besonders in der Luxusuhrenbranche, wo sechsstellige Beträge keine Seltenheit sind und Experten erst ab einer Preisklasse von 5000 Euro von einer Luxusuhr sprechen.

“So eine Uhr kauft man nicht, um die Zeit abzulesen. Sie ist ein Statement für Kennerschaft und Stil. Nicht zuletzt spielt auch die Begeisterung für die enorme Handwerkskunst, die in einer mechanischen Luxusuhr steckt, eine Rolle“, sagt Rüdiger Bucher, Chef des Uhrenmagazins “Chronos“. Gerade der Anteil der Handwerkskunst mache mechanische Uhren zum Teil auch als Wertanlage attraktiv, es komme aber auf die Marke und das Modell an. Je seltener es sei, umso mehr Begehrlichkeiten wecke es.

Laut Bucher seien aktuell wieder mehr elegante Uhrenmodelle gefragt. Dabei zählten vor allem Marke und Design. Die Funktion komme erst an dritter Stelle. Selbst bei den beliebten Chronographen, Uhren, bei denen sich Zeitabschnitte stoppen lassen, werde die Stoppfunktion kaum genutzt. Vielmehr komme es dem Träger auf ein sportlich-dynamisches Image an. Man geht also buchstäblich mit der Zeit.

Von Kerstin Hergt

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