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Auferstanden aus Vitrinen

DDR-Design im Trend Auferstanden aus Vitrinen

Verschmäht und fast vergessen: Ostdeutsches Design führte lange ein Nischendasein. Ein Sammler aus Schwerin rückt es wieder ins Rampenlicht – mit dem Onlineshop Formost.

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2007 hob Kanter in Schwerin den Versandhandel Formost aus der Taufe, der auf Design aus Ostdeutschland spezialisiert ist.

Quelle: Formost

Das Nashorn hat er nie vergessen. Es war groß und schwer, mit breitem Rücken, gigantischem Kopf und bunten Füßen. Es war der letzte Schrei in seinem Kindergarten – damals, in Dessau, Anfang der Siebzigerjahre. "Auf ihm zu sitzen, das war ein kleiner Sieg, der sehr genossen wurde", sagt Matthias Kanter. Kanter ist bildender Künstler, lebt heute in Schwerin und hat zwei Kinder. "Als ich selbst Vater wurde, habe ich das Nashorn wie verrückt gesucht", sagt er.

Erst im thüringischen Sonneberg, der Spielzeugstadt, wurde er fündig. In einer kleinen Manufaktur. "Beim Eintreten schlug mir ein Duft von Holz, Leder und Leim entgegen", erzählt Kanter. "Die Nachmittagssonne tauchte einen ganzen Tierpark in dampfendes Gegenlicht."

DDR-Designer verschwanden in der Anonymität

Zehn Jahre ist es her, dass Matthias Kanter die Spielzeugdesignerin Renate Müller und das von ihr aus Rupfen, einem groben Leinengewebe, aus Holzwolle und Schweinsleder hergestellte, heiß geliebte Nashorn wiederentdeckte. Und nicht nur das: Etwa 150 ostdeutsche Firmen hatte er damals auf seiner Liste, deren Produkte er im Alltag vermisste. Produkte, die zu gut waren, um in Vergessenheit zu geraten.

2005 gründete Kanter deshalb den Verein Formost. Mit ein paar Sammlerfreunden plante er in Wismar die Eröffnung des ersten Ost-Design-Museums der Republik. Ob Jenaer Glas oder Kösener Spielzeug, ob Porzellan aus dem Vogtland oder Stühle aus Stendal – bis dato wurde Design aus dem Osten in der deutschen Museumslandschaft allenfalls als Randnotiz behandelt. "In der deutschen Designgeschichte klafft ein Geschichtsloch von 50 Jahren", sagt Kanter.

Die historische Entwicklung sei schuld, sagt der 47-Jährige. Gestaltung, das war zu DDR-Zeiten etwas Kollektives. Namhafte Designer wie Hedwig Bollhagen (1907–2001), Gründerin einer Keramikfabrik im brandenburgischen Marwitz, verschwanden zwischen dem Zweiten Weltkrieg und der Wendezeit in der Anonymität. Ein Designklassiker aber, das weiß Künstler Kanter, braucht einen Gestalter, eine Geschichte. "Designgeschichte kann man nicht ohne Namen schreiben."

Foto: Der Schaukelwagen, 1950 vom sächsischen Bildhauer und Maler Hans Brockhage erfunden, rollt, schaukelt und wippt

Viel mehr als ein Schaukelpferd: Der Schaukelwagen, 1950 vom sächsischen Bildhauer und Maler Hans Brockhage erfunden, rollt, schaukelt und wippt – man muss ihn dafür nur auf den Kopf stellen.

Quelle: Formost

Exponate für ein Museum aber gab es genug. Günter Höhne, ehemals Chefredakteur der DDR-Designzeitung "form+zweck", wollte seine mehr als tausend Objekte zählende Privatsammlung für einen solchen Zweck zur Verfügung stellen. Seit der Wende hat er gesammelt, was im DDR-Design beispielhaft war und inzwischen Seltenheitswert besaß. Von der Museumsidee war Höhne entzückt: "Gestaltungsqualitäten, die historisch gewachsen und nicht gestorben sind, werden dort wiederbelebt."

Doch Kanters Ost-Design-Museum in Wismar wurde nicht verwirklicht. In Mecklenburg-Vorpommern mangelte es an politischer Unterstützung. Kanter wendete sich deshalb an Florian Hufnagl, Sammlungsdirektor der Pinakothek der Moderne in München, der ostdeutsches Design kurzerhand zu seinem Sammelschwerpunkt machte. Hufnagl kaufte schließlich Höhnes Kollektion und bereitete ihr ab Sommer 2012 in der Münchner Pinakothek der Moderne die lang ersehnte Bühne.

Formost hatte da längst aus der Not eine Tugend gemacht: 2007 hob Kanter in Schwerin den gleichnamigen Versandhandel aus der Taufe, spezialisiert auf Design aus Ostdeutschland. Es ist ein "Museumsshop ohne Museum", besser gesagt: die Ost-Version des Manufactum-Katalogs. Was zählt, ist gute Ware. Ware, die nicht bloß museumsreif ist, sondern weiterhin oder wieder produziert wird – und dabei fünf Kriterien erfüllt: Das Produkt muss eine gute Form haben.

"Mit Ostalgie hat das nichts zu tun"

Bei seiner Produktion soll Freude empfunden werden. Je mehr positive Energie beim Herstellen in ein Produkt fließe, sagt Kanter, desto mehr dieser Energie könne es in den Alltag des Käufers abgeben. Entscheidend sind auch Gebrauchswert, Nachhaltigkeit und ein fairer Preis.

Mehr als tausend Produkte von 250 Firmen bietet Kanter über "Formost.de" heute an. Mit Ostalgie habe seine Seite nichts zu tun, betont er. "Das Unternehmen bietet Betrieben ein Podium, die tapfer durchgehalten haben oder neu durchstarten wollen", bestätigt Günter Höhne. Von der Keramikkeksdose bis zu den Zeha-Sneakern, vom Plastikwannenbottich bis zum Kult-Schaukelwagen – Kanter hat immer die Geschichte der Produkte und Designer dazugestellt. Je mehr seine Kunden wüssten, desto besser sei ihr Gefühl, glaubt der 47-Jährige.

Kunden hat Kanter inzwischen in aller Welt. Japanische, amerikanische und schweizerische Designmagazine haben über Formost berichtet, auch eine große spanische Tageszeitung. Gerade in Asien und den USA sei das Interesse groß, sagt der Künstler. Das kleine Ladengeschäft, das er mit zwei Festangestellten in der Schweriner Puschkinstraße betreibt, sei ein Magnet für ausländische Touristen. Doch 95 Prozent des Warenangebots finden sich im Netz. Dort haben Kanter und seine Kollegen zuletzt kräftig ausgebaut.

Foto: Renate Müllers Rupfentiere sind bei Sammlern begehrt.

Einst als therapeutisches Spielzeug begehrt, sind Renate Müllers Rupfentiere heute wahre Sammlerstücke. Bis zu 15 000 Euro werden für sie gezahlt.

Quelle: Formost

Über den Osten blickt Formost mit seinem Sortiment inzwischen hinaus, auch über den Tellerrand von Deutschland – schließlich gebe es gute Ware überall in der Welt, nicht nur bei der Sauerländer Haushaltswarenfirma Wesco, auch beim Wiener Glasspezialisten Lobmeyr oder dem Schweizer Spielzeughersteller Naef. Aus dem Slogan "Design aus Ostdeutschland" wurde "Design mit Tradition".

Auch bei der Zielgruppe macht Formost der westdeutschen Versandhandelsinstanz Manufactum zusehends Konkurrenz. Gebildet, bürgerlich, designaffin – so beschreibt Kanter seine Kundschaft. Damit bald noch mehr Menschen gute Ware über Formost.de entdecken können, soll der Shop 2016 auch englischsprachig werden.

Renate Müller hat den Sprung in die weite Welt bereits geschafft: Nach zehn Jahren in der Versenkung werden ihre Nashörner, Nilpferde, Seehunde und Elefanten jetzt im Museum of Modern Art in New York ausgestellt. Daheim in Sonneberg kommt die 70-Jährige mit der Produktion kaum noch hinterher. Konnte Kanter die Spielzeugtiere anfangs noch für 1500 Euro pro Stück verkaufen, werden sie im Ausland inzwischen für 15.000 Euro gehandelt. Zwar kein Nashorn, aber ein Nilpferd hat sich Kanter gesichert. Es hütet seinen Laden.

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