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„Eine Große Koalition schließe ich aus“

Egon Bahr bei der PAZ „Eine Große Koalition schließe ich aus“

Der als Architekt der Ostverträge berühmt gewordene SPD-Politiker Egon Bahr besuchte gestern die PAZ. Im Verlagshaus an der Werderstraße stellte sich der 91-Jährige, der mit dem Bundestagsabgeordneten Hubertus Heil aus Berlin angereist war, den Fragen der Redaktion zur politischen Lage vor der mit Spannung erwarteten Bundestagswahl am 22. September.

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Egon Bahr bei PAZ-Besuch.

Quelle: im

Herr Bahr, einen Monat vor der Wahl liegt die SPD in Umfragen weit zurück. Wie sehen Sie die Chancen?

Ich betrachte die aktuelle Entwicklung mit großem Interesse. Es kann zum Beispiel passieren, dass die neue Rechtspartei „Alternative für Deutschland“ der FDP entscheidende Stimmen wegnimmt. Kommt die FDP rein, könnte es bei Schwarz-Gelb bleiben, was ich sehr bedauern würde. Wenn es jedoch nicht reicht für Schwarz-Gelb, dann ist Frau Merkel weg.

Rechnerisch wäre dann doch auch eine Große Koalition möglich...

Theoretisch ja, aber eine Große Koalition schließe ich aus. In der Kombination mit Frau Merkel, der Großen Koalition von 2005 bis 2009, sind wir als SPD schwächer geworden, bei der darauffolgenden Wahl kam schließlich Schwarz-Gelb. Warum sollten wir das wiederholen?

Welche Lösung sehen Sie in dem Fall, dass es weder für Schwarz-Gelb noch für Rot-Grün reicht?

Ich gehe in diesem Fall davon aus, dass der Bundespräsident zunächst den Repräsentanten der stärksten Fraktion zur Kanzlerwahl vorschlagen wird. Wenn das Frau Merkel ist und sie keine Mehrheit bekommt, wovon ich ausgehe, muss der Bundespräsident einen anderen vorschlagen – das wäre dann der Repräsentant der SPD. Es könnte doch gut sein, dass dieser Kandidat dann in geheimer Wahl gewählt wird.

Halten Sie es für richtig, dass die SPD eine Koalition mit der Linken bzw. eine Tolerierung ausgeschlossen hat?

Ich sage Ihnen in aller Form: Im Bund kommt eine Koalition mit der Linken nicht in Frage. Mit einer Partei, die nicht bereit ist, die Grundverträge der außenpolitischen Verpflichtungen einzuhalten, kann die SPD nicht koalieren. Es geht um UNO, Europa und NATO. Ohne Klarheit in diesen drei Komplexen unserer außenpolitischen Seriosität geht nichts. Bisher gibt es nicht die geringsten Anzeichen, dass die Linke sich auf diesem Gebiet bewegen könnte.

Welche Vorzüge hat Peer Steinbrück gegenüber Angela Merkel?

Ich habe festgestellt, dass Peer Steinbrück viel breiter aufgestellt ist. Er führt entschiedener als Frau Merkel, die sich in bequemer Verschleierung gefällt. Frau Merkel hat mit allem, was sie konnte, Plagiate der Sozialdemokratie geschaffen. Da halte ich es doch für besser, das Original zu wählen. Peer Steinbrück würde eine Politik machen, die der Verantwortung des größten Volkes in der Mitte Europas gerecht wird.

Welche Beziehung haben Sie zu Peine? Immerhin ist das Egon-Bahr-Haus nach Ihnen benannt.

Meine Verbindung zu Peine halte ich über Hubertus Heil. Obwohl er gerade neben mir sitzt, muss ich Ihnen sagen: Hubertus Heil ist einer der interessantesten und intelligentesten Leute, die wir in der Fraktion haben. Peine und seinen Wahlkreis kann man nur beglückwünschen, so einen Mann hier zu haben.

Durch die Krise in der Stahlindustrie ist Peiner Träger arg in Bedrängnis geraten, ein Personalabbau wurde angekündigt. Kann die Politik helfen oder ist sie machtlos?

Die Politik kann nicht direkt helfen. Man kann nur helfen, indem sich Deutschland mit Europa solidarisiert. Die Hunderte von Milliarden Euro darf man nicht zur Stützung der Banken einsetzen, sondern zur Stützung der in Not geratenen Länder – damit sie nicht in Armut verfallen, sondern bei uns, zum Beispiel Stahlträger aus Peine, bestellen können. Das ist ein Kreislauf, der vielen Menschen leider gar nicht bewusst ist, weil von Seiten der Regierung gar nicht darüber geredet wird.

Nochmal zurück zur Bundestagswahl. Wo werden Sie den Wahlabend am 22.  September verbringen?

Ich habe selbst viele Wahlkämpfe gemacht, den Rummel mache ich nicht mehr mit. Deshalb werde ich zu Hause sitzen und genau hingucken, wie die Mehrheiten aussehen.

Gibt es am Ende Sekt oder Selters für Sie?

Weder noch, ich werde einen guten Weißwein trinken!

Interview: Michael Lieb, Dirk Borth


Grandseigneur der SPD stellte Passagen aus Buch über Brandt vor

Peine. Mit tosendem Applaus wurde der Grandseigneur der SPD von den rund 150 Besuchern im Peiner Forum empfangen. Egon Bahr, 91, stellte gestern Passagen aus seinem Buch „Das musst du erzählen: Erinnerungen an Willy Brandt“ vor. Bahr war der wohl wichtigste Begleiter des ersten SPD-Kanzlers Brandt. Die beiden schrieben mit ihrer erfolgreichen Friedens- und Ostpolitik Geschichte – und sie verband eine tiefe Freundschaft.

Auf dem Sterbebett von seinem Sohn Lars gefragt, wer seine Freunde gewesen seien, soll Willy Brandt 1992 geantwortet haben: Egon. „Für mich war das der höchste Orden, den ich jemals bekommen konnte“, sagte Bahr, den die Ereignisse dieser Zeit bis heute zu beschäftigen scheinen. Spricht er für einen 91-Jährigen noch mit erstaunlich kräftiger Stimme, gerät sie bei den Erinnerungen an Brandt doch gelegentlich leicht ins Zittern.

Die Teilung Berlins und Deutschlands und die von ihm konzipierte Ostpolitik spielen naturgemäß eine wichtige Rolle in Bahrs Buch, das mit zahlreichen Anekdoten gespickt ist: Es ist der 13. August 1961. Nachts hatte die DDR begonnen, die Grenze zwischen Ost- und West-Berlin mit Stacheldraht und Absperrungen zu schließen. Bürgermeister Brandt rief zu einer Kundgebung vor seinem Amtssitz in Schöneberg auf. „Ohne zu wissen, was er den Menschen sagen sollte“, so Bahr, der damals sein Pressesprecher war.

„Endlich hatte ich eine Idee zum Einstieg. Die letzten Seiten legte ich ihm auf den Schreibtisch. Er nahm sie einfach, ohne sie noch redigieren zu können.“

Bahr zitterte angesichts der Verantwortung gegenüber den verstörten Menschen vor dem Rathaus. „Ich brauchte einen Cognac und wurde erst ruhiger, als ich den ersten Beifall hörte.“

Bahr skizziert auch die großen Schritte Brandts: Dessen Aufstieg zum SPD-Vorsitzenden, die ersten Niederlagen bei Bundestagswahlen, dann die ungeliebte Große Koalition mit der CDU und das Amt des Außenministers. 1969 wurde Brandt Kanzler, es folgten der Triumph der Wiederwahl 1972 und der Macht-Verfall und Rücktritt 1974 nach der Guillaume-Affäre.

Der Autor selbst steigt dabei vom Senatssprecher über den Planungschef im Auswärtigen Amt zum Staatssekretär im Bundeskanzleramt auf. 1972 wurde Bahr Bundesminister für besondere Aufgaben und setzte vor allem Brandts neue Ost- und Deutschlandpolitik fort.

Den Zuhörern bereiteten die Erinnerungen an die Ära Brandt sichtlich viel Vergnügen. Am Ende, nach einer abschließendem Gesprächsrunde, gab es nochmals tosenden Applaus für den Grandseigneur der SPD, der auf Einladung des Bundestagsabgeordneten Hubertus Heil in die Fuhsestadt gekommen war.

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