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Wie erlebten die Peiner den Mauerfall?

Peine Wie erlebten die Peiner den Mauerfall?

25 Jahre ist es her, dass die Berliner Mauer überraschend geöffnet wurde. Innerhalb weniger Sekunden verschwand am 9.November 1989 die unterdrückte Trauer, grenzenlose Verzweiflung und der aufgestaute Schmerz wegen der Trennung in Ost und West.

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Orangen und Bananen wurden gerne gekauft.

Peine. Eine große Welle an Freude und Begeisterung schwappte von Berlin kurze Zeit später nach Peine über: Wildfremde Menschen reichten sich die Hände, fielen einander um den Hals.

„Mit einem Mal waren sie da, die Besucher aus der DDR. Hergequält in stundenlangen Autofahrten erreichten Freunde und Familien mit ihren Trabants, Wartburgs oder Ladas sowie per Bahn Peine. Der Treck aus dem Osten hatte zu großen Staus geführt, 15 Stunden und mehr brauchten die Fahrer für die Strecke Rostock-Peine“, berichtete die PAZ.

Schon beim Aussteigen aus den Autos brach große Begeisterung aus. In den meisten Fällen ging es für die DDR-Bürger ins Kreishaus, wo die Mitarbeiter des Sozialamts das Begrüßungsgeld aushändigten. „Bis gestern Abend zählten sie hier und am Geldschalter der Post 1400 Menschen.“

Die Behörden hatten am Wochenende nach dem Mauerfall Sonderschichten eingelegt, um jedem DDR-Bürger 100D-Mark zu geben. „Im Sozialamt nahmen bis Redaktionsschluß 1110 DDR-Bürger ihr Begrüßungsgeld in Empfang. Hinzu kamen 270DDR-Bürger, die ihr Geld am Postschalter abholten. ‚Die Flure waren brechend voll‘, berichtete der Sozialamtsleiter. Es habe aber keiner der Wartenden gemurrt oder gedrängelt.“ Morgens zu Dienstbeginn hatten die ersten DDR-Bürger auf ihr Geld gewartet. Im Amt war die Luft dick, die Menschen flüsterten nur, als sie darauf warteten, aufgerufen zu werden. Auf der Straße hingegen: Lachen, Schulterklopfen und viele Fragen. „‚Hier sind die Geschäfte ja schon zu‘, sagte eine Frau am Samstagnachmittag. Also nach Braunschweig. Aber wie? Der Trabbi braucht Sprit und der ist teuer. Bliebe die Bahn. ‚Müssen wir mit D-Mark zahlen?‘ Und wo denn der Bahnhof überhaupt sei? Landkreis-Mitarbeiter halfen mit rasch fotokopierten Stadtplänen aus.“

Übrigens: Mit der Öffnung der Grenze wurde das Informationsbedürfnis der Ostbürger größer. Neben den Besuchen beim Sozialamt und Landkreis, ging es auch für viele zur Lokalzeitung, also der PAZ. „Rund 100Zeitungs-Exemplare wurden den Besuchern kostenlos überlassen.“

mgb

Von Schokolade, Bananen und frische Mettbrötchen

Peine. Nach dem Mauerfall am 9. November 1989 hat die PAZ mehrere Tage über die Zusammenkunft der West- und Ostdeutschen-Bürger berichtet. Wie herzlich die DDR-Bürger nach der Grenzöffnung in Peine empfangen wurden, veröffentlichte die PAZ in mehreren Artikeln:

• Süße Überraschung von einen ehemaligen DDR-Bürger für seine Landsleute: Hinter jedem Scheibenwischer der vor dem Kreishaus geparkten Trabants und Wartburgs hatte ein Unbekannter eine Tafel Schokolade als Willkommensgruß angeheftet.

• Keine Knöllchen für die DDR-Besucher: Strafmandate wegen falschen Parkens brauchten die Trabbi- und Wartburgfahrer nicht zu befürchten. Die emsigen Politessen der Stadt waren angewiesen, DDR-Touristen mit „Knöllchen“ zu verschonen.

• Bananenverkauf: Eine Überraschung hatte ein Lebensmittelladen-Besitzer an Lindenstraße erlebt: DDR-Besucher wollten bei ihm kaufen, obwohl sein Geschäft nicht geöffnet war. Die Töchter des Türken hatten – wie jeden Sonntag – das Geschäft gereinigt. Die Tür war offen, die Gäste drin. Vorzugsweise Obst tüteten die Kunden ein, wenig später waren auch Bananen auf dem Weg in die DDR.

• Viele DDR-Besucher waren tief bewegt, wie herzlich sie von den Peinern begrüßt wurden: Einem 34-Jährigen aus Zerbst bei Magdeburg hatte eine Frau auf der Straße einen Zehn-Mark-Schein in die Hand gedrückt. „Wir wollten das gar nicht, aber so etwas kann man ja nicht ablehnen“, sagte er. Glücklich schätze er sich dennoch, schließlich war trotz des großen Angebots der Peiner Geschäfte für ihn kein Großeinkauf möglich: „Von wat denn?“

• Freunde über Nacht: „He, wacht auf, ich hab’ Besuch aus der DDR mitgebracht, können die bei uns schlafen?“, das hatte ein Mödesser seinen Eltern um 1 Uhr zugerufen, als er eine DDR-Familie mit ins Haus brachte. Die Eltern waren verdutzt, feierten aber sofort mit dem Neuankömmlingen den Mauerfall.

• Frische Mettbrötchen hatte das deutsche Rote Kreuz in Peine für DDR-Besucher besorgt. Schlachter und Bäcker öffneten kurzentschlossen ihre Geschäfte und versorgten die Hilfsorganisation mit dem Nötigsten. Am Sonntag gab es an der Raststätte Zweidorfer Holz warme Erbsensuppe für die Gäste.

• Spontan hatte die Peiner Lessing-Loge am Wochenende humanitäre Hilfe geleistet. Sie übernahm die Patenschaft für zehn DDR-Familien mit vier Kleinkindern, die nach stundenlanger Fahrt ohne Unterkunft waren. Kurzerhand mietete die Loge entsprechende Zimmer.

• 50 Peiner boten den DDR-Bürgern ihre Wohnung zum Übernachten an, da die Kapazität der Notunterkünfte nicht für die Besucherwellen ausreichte.

• Geschäfte wurden für DDR-Bürger auch am Wochenende geöffnet: Der Gildemeister der Peiner Kaufmannsgilde hatte Peiner Geschäftsleute dazu aufgerufen, am Wochenende die Einkaufsmöglichkeiten für Besucher aus der DDR zu erweitern.

• Städtepartnerschaft mit Aschersleben: Die Stadt Peine unternahm nach der Öffnung der Grenze erneut einen Anlauf, um mit einer Gemeinde in der DDR eine Partnerschaft zu gründen. Briefe wurden geschrieben und ehe man sich versah, waren einige Besucher aus Aschersleben in Peine.

• Für manchen DDR-Bürger, der mit seinem Trabant oder Wartburg die Bundesrepublik besucht hatte, war in Peine vorerst Endstation: Der Wagen blieb auf der Autobahn liegen und musste abgeschleppt werden. Werkstätten halfen mit viel Engagement und Improvisation, verursachten aber ein neues Problem: Mit der Rechnung auf West-Niveau war man schlicht überfordert.

mgb

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