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Wie Siegfried Lenz in Peine zu einem ordentlichen Wein kam

Peine Wie Siegfried Lenz in Peine zu einem ordentlichen Wein kam

Peine. Es sind Erinnerungen, die nie verblassen: Wenn Siegfried Lenz nach Peine kam, war stets großer Bahnhof - einer der größten Autoren der deutschen Nachkriegsliteratur („Deutschstunde“) im beschaulichen Peine. Sechs Lesungen hielt Lenz in den Jahren 1966 bis 1990 in der Buchhandlung Gillmeister.

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Der Schriftsteller bei einem seiner Besuche in der Fuhsestadt.

Mit der Zeit wuchs eine Freundschaft zwischen der Eigentümerfamilie und Lenz. Gisela Gillmeister (94), die Mutter des heutigen Geschäftsführers der Buchhandlung, Hubertus Gillmeister, hatte noch bis ins vergangene Jahr Briefkontakt zu Lenz, der am Dienstag gestorben ist. Zu einer besonderen Begebenheit kam es 1981 nach einer Lesung bei Gillmeister. Daran erinnert sich der frühere Redakteur der PAZ, Jürgen Dieckhoff.

Es gibt Weißwein, der ist so schlecht, der müsste vor Scham rot werden. Dass er weiß bleibt, ist eine zu seinem menschenverachtenden Geschmack hinzukommende grobe Kaltschnäuzigkeit; so grob, dass man die Plörre in die Salatsoße verdammen müsste, wenn das nicht wiederum eine Beleidigung für den Salat wäre. Am krassesten fallen solche Mindertropfen unliebsam auf, wenn sie versehentlich mit den feinen Geschmacksorganen hochsensibler Kulturschaffender in Berührung kommen. In solchen Fällen sind unkonventionelle Maßnahmen wünschenswert, ja erforderlich, um Desaster zu vermeiden.

Genau darum ging es, als Lenz mal wieder in Peine war. Dr. Siegfried Lenz, der als Autor von Romanen wie „Deutschstunde“ (1968), „Der Verlust“ (1981) und „Klangprobe“ (1990) in aller Munde war wie wenige Jahre später der Prosecco.

Siegfried Lenz hatte Verehrer und -innen unter seinem Peiner Publikum, die sich im gegenseitigen Charmieren mit dem weltweit erfolgreichen Schriftsteller geradezu überboten. Und es gehörte zu den größten Kulturtaten des Peiner Buchhändlers und Galeristen Herbert Gillmeister, dass es kaum eine literarische Arbeit aus Lenz‘s Feder gab, die dieser nicht in Peine persönlich vorstellte.

Lenz las, blickte auf und siegte. Im Sturm nahm er sein Publikum für sich ein, und wenn,s gegen Mitternacht ging, zog er den kleinen Kreis, der mit ihm in einem Peiner Lokal zusammensaß, ultimativ in seinen Bann. Ein philosophierender Charmeur von intellektueller Brillianz, ein gleißendes Nordlicht, das zu Themen der Zeit aus dem Stegreif druckreife Literatur zum Besten gab - Privatissime vom Feinsten.

Zu Hochform lief Lenz stets dann auf, wenn die Anspannung von ihm wich, was er anfangs durch den Konsum von Pils bewerkstelligte, später durch die Einnahme von Weinen. Von Weißweinen - und damit sind wir wieder am Anfang - die sich ihrer Farbe nicht zu schämen hatten.

Wir setzen uns in ein renommiertes Lokal und treffen dort Siegfried Lenz, umrahmt von ein paar Peinerinnen und Peinern. Darunter, versteht sich, Herbert Gillmeister sowie, versteht sich ebenfalls, ein Zeitungsschreiber. Ersterer, generös wie üblich, fragt Getränkewünsche ab. Herr Lenz? Wein ganz gern. Auf dem Tisch ein Ständer mit Auswahlkriterien wie Weiß, Rot, Rosé. Mehr nicht. Was danach dem Dichter am Gaumen entlangrinnt, ist nicht viel besser als „Plempo Promillo“ , der Bölkstoff unter den Winzerwerken, die Rache der Reblaus. Lenz verzieht seine Mundwinkel kaum wahrnehmbar, doch selbst dieses dezente Spiel im Bereich der feinen Lefzen bleibt zwei Männern nicht verborgen.

Gillmeister und der Zeitungsmensch wechseln besorgte Blicke. Der Wunsch nach einer Flaschenweinkarte wird geäußert. Die Liste indessen gibt keine neuen Erkenntnisse über den Weinkeller des Hauses preis.

Panik keimt auf. Wird der Trank der Höflichkeit des Dichters Grenzen setzten? Kann denn solcher Fieswein den Gast beflügeln? Wird er ihn nicht eher verstimmen, gar verstummen lassen? Wird Siegfried Lenz durch den Trunk unwirsch, wo er doch wirsch sein soll, kommt es gar zu einer Sperre der Speise- und Getränkeröhre? Übelkeit? Brechreiz? Schreibhemmung?

So kann es ja nun wohl nicht weitergehen. So nicht! Es ist dringend erforderlich, den Romancier, den Gastgeber und die Literaturgeschichte vor dem Haus (dessen Name nicht genannt wird) zu schützen, vor diesem Haus, in dem offenbar kein einem Lenz angemessenes Getränk zu haben ist.

Ich habe dann dem Herrn Gillmeister einen Plan ins Ohr geflüstert: „Ich gehe rasch nach Hause, ist ja nicht weit, hole eine gute Pulle aus meinem Keller, und die wird Lenz umgehend kredenzt. Und zwar hier und heute in unserer Stadt, die ja auch so etwas wie Ehre hat. Wir machen das so, basta.“

Einwendungen im Telegrammstil: „Das können wir mit dem Wirt nicht machen, mit diesem Wirt in diesem Lokal schon überhaupt nicht. Und ganz und gar, es ist so peinlich, es geht nicht.“

„Schluss jetzt, ich hole die Pulle, verstecke sie unter meinem Mantel, stelle sie in die Fensterbank und dann sind Sie dran. Sie erzählen dem Wirt, dass der Prominente von einem Verehrer eine Aufmerksamkeit erhielt, die dieser nicht auf seiner Lesereise mitzuschleppen, sondern auf der Stelle auszupitschern gedenke. Man möge entkorken, einschenken, zufrieden sein. Dann geben Sie dem Kellner noch ein Trinkgeld, und der Abend ist gerettet.“

Das hat der Gillmeister vielleicht nicht mehr gehört, denn ich war justament unterwegs zu meinem Weinkeller, dem ich etwas entnahm, das am Würzburger Stein gereift war. Sowas mögen Menschen wie Lenz, da gibt es nichts, das sieht man schon an den Augen. Neulich erst wieder saß ich in der inzwischen vinologisch sehr viel besser sortierten Heimstatt der Schützen bei einem schiefererdigen Franken und erinnerte mich daran, wie es damals weitergegangen war. Gillmeister, dem das alles spürbar unangenehm war, fügte sich notgedrungen. Er schritt zur Theke, welchselber Gang ihm ein Kanossa gewesen sein mag, flüsterte meinem Vorschlag entsprechend; und alsbald machte Siegfried Lenz mir ungewollt und unbewusst ein Kompliment, indem er den Würzburger so innig einsog wie einst vielleicht die zärtliche Luft von Masuren an einem sonnenbeschienenen Herbstabend in Suleyken.

Dieser Text stammt aus dem Peiner Heimatkalender von 1999.

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