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Psychisch kranke Asylbewerber beanchteiligt?

Flüchtlinge in Peine Psychisch kranke Asylbewerber beanchteiligt?

Der Vorwurf von Amir Shobeiry wiegt schwer: „Der Landkreis Peine diskriminiert psychisch kranke Asylanten“, sagt der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie.

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Einsam, traumatisiert, ohne Hoffnung: Viele Asylbewerber leiden unter psychischen Problemen. Werden Erkrankungen nicht frühzeitig behandelt, kann das schwere Folgen haben.

Quelle: dpa

Denn: Wenn ein Allgemeinmediziner bei Asylsuchenden psychische Probleme feststellt und sie zum Facharzt überweisen will, lässt der Kreis die Patienten seinerseits erneut überprüfen - das koste wertvolle Zeit und könne schlimme Folgen haben. Der Landkreis weist die Anschuldigungen zurück.

„Ich bin verzweifelt. Die Verzögerung kann eine drastische Verschlimmerung der Erkrankung nach sich ziehen“, sagt Shobeiry. Im schlimmsten Fall heiße das: Suizid. „Oft stehen verzweifelte Asylanten bei uns ohne Termin in der Praxis“, sagt der Arzt. „Viele Asylbewerber sind traumatisiert, durch die Erlebnisse in der Heimat, durch Gewalt, die ihnen widerfahren ist, durch die Flucht. Sie haben schreckliche Dinge gesehen, die sie nicht alleine aufarbeiten können.“ Die Folge könnten Schlaf- und Angststörungen, Albträume und Depression sein.

Der Arzt, gebürtiger Iraner, war selbst Flüchtling. 1982 kam er nach Deutschland. Weil er fließend Persisch, ein bisschen Türkisch und Kurdisch spricht, kommen viele Asylbewerber zu ihm. Eben auch ohne Termin. „Im Notfall behandele ich sie umsonst“ - das gebiete schon die ärztliche Ethik, sagt Shobeiry. „Aber dieser Zustand kann auf Dauer ja auch keine Lösung sein. Und die Medikamente, die ich gratis ausgeben kann, sind natürlich begrenzt.“

Ein Arztbesuch bei Experten wie Amir Shobeiry kann helfen. Doch will ein Asylbewerber in Deutschland zum Facharzt, braucht er einen Überweisungsschein und das Okay des zuständigen Landkreises. „In Peine lässt der Landkreis Patienten, die wegen psychischer Probleme überwiesen werden, vor dem Besuch beim Facharzt noch einmal selbst überprüfen“, erläutert Shobeiry. Die mutmaßlich Erkrankten werden zum Termin mit Ärzten des Peiner Gesundheitsamtes geladen. Vier bis sechs Wochen Zeit koste das extra, sagt Shobeiry. „Wenn jemand akut erkrankt ist, kann das die Situation erheblich verschlimmern.“ Der Landkreis traue dem Urteil der Allgemeinmediziner nicht, die die Überweisungen veranlassen. „Das ist sehr traurig“, findet Shobeiry. „Ich hoffe, dass sich schnell etwas ändert. Bevor einmal etwas schlimmes passiert.“

Landkreis: „In Krisenfällen wird zeitgerecht gehandelt“

Peine. Der Landkreis widerspricht zwar nicht der Praxis, Asylbewerber in bestimmten Fällen noch einmal von Mitarbeitern des Peiner Gesundheitsamtes begutachten zu lassen. Man handele aber „im Rahmen der gesetzlichen Bestimmungen, die das Asylbewerberleistungsgesetz vorgibt“, sagt Henrik Kühn, Pressesprecher des Landkreises.

„In Krisenfällen und Fällen mit erhöhter Dringlichkeit wurde und wird zeitgerecht gehandelt – auch bei psychisch erkrankten Personen“, sagt Kreissprecher Kühn. „Das von Dr.Shobeiry aufgezeigte Szenario ist in der Vergangenheit in keiner Form aufgetreten.“

Wenn ein Asylbewerber krank werde, stelle der Fachdienst Soziales des Landkreises einen Behandlungsschein für den Arztbesuch aus. Die Mediziner können die Patienten, sofern sie es für notwendig halten, an einen Facharzt überweisen. „Der Überweisungsschein wird vor der fachärztlichen Behandlung vom Fachdienst Soziales, gegebenenfalls nach Rücksprache mit unserem Gesundheitsamt, genehmigt“, sagt Kühn. Das heißt eben auch: Zweifelt der Landkreis-Mitarbeiter daran, dass ein Asylbewerber wirklich zu einem Facharzt muss, wird der mutmaßlich Erkrankte von Landkreis-Fachleuten erneut begutachtet. Dazu gehöre auch, dass die Amtsärztin am Gesundheitsamt Rücksprache mit dem behandelnden Hausarzt hält – „falls vom Gesundheitsamt nach persönlicher Untersuchung keine Notwendigkeit für die Weiterbehandlung durch einen Facharzt gesehen wird“, sagt Kühn. „Die Überweisungsscheine werden im Gesundheitsamt bei Eingang auf Dringlichkeit durchgesehen. Sofern sich aus dem Überweisungsschein eine besondere Dringlichkeit ergibt, wird der zugehörige Fall vorrangig und zeitnah bearbeitet“, sagt Kühn. Nur in den verbleibenen Fällen könne es eine längere Wartezeit von bis zu sechs Wochen geben. „Alle sieben im Gesundheitsamt tätigen Ärzte können in Absprache mit der Amtsärztin diese Untersuchungen tätigen.“ Seit Anfang des Jahres wurden bis Mai rund 30 Gutachten erstellt.

Der eingeschränkte Leistungsanspruch für Asylbewerber geht auf das Asylbewerberleistungsgesetz zurück. Er gilt für Asylbewerber, die noch keine 15 Monate in der Bundesrepublik sind. Aus dem Gesetz ergibt sich für eben diese, dass „lediglich Leistungen zur Behandlung akuter Erkrankungen und Schmerzzustände“ gewährt werden. Der Landkreis denkt derzeit dennoch gemeinsam mit umliegenden Sozialhilfeträgern über eine Verschlankung des aktuellen Verfahrens nach. Kühn: „Denkbar ist beispielsweise die Einführung eines Kartensystems, wodurch das Ausstellen von Behandlungsscheinen überflüssig würde.“

Von Jonas Szemkus

Die Einschätzung zweier Experten zum Vorgehen des Landkreises lesen Sie in der gedruckten PAZ.

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