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Peiner erinnerten an den 9. November 1938

Peine Peiner erinnerten an den 9. November 1938

Heute vor 75 Jahren ging die Peiner Synagoge in Flammen auf. Zum Gedenken an die Gräueltaten der Nazis in der Pogromnacht 1938 versammelten sich gestern zahlreiche Vertreter aus Politik, Verwaltung, religiösen Gemeinden und etwa 100 Schüler am jüdischen Mahnmal an der Hans-Marburger-Straße - dem Ort, an dem die Synagoge einst stand.

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Bei der Kranzniederlegung: Bürgermeister Michael Kessler (r.) und Renate Wagner-Redding (l., vorn) von der jüdischen Gemeinde.

Quelle: mic

„Leider nimmt der Antisemitismus in Deutschland wieder zu. Dagegen müssen wir etwas tun“, forderte Renate Wagner-Redding, Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Braunschweig, bei der Kranzniederlegung. Gedenktage seien dabei wichtig, um immer wieder an die Verbrechen der Nationalsozialisten, Ermordung, Plünderung und Schändung zu erinnern.

„Unser Land ist heute politisch intakt“, sagte Wagner-Redding, und dennoch könne man nicht erwarten, dass wirklich jeder Mensch aufgeklärt ist. Eine wichtige Frage sei, wie man heute mit der Angst vor Fremdenfeindlichkeit umgeht. Kritik äußerte die Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Braunschweig im anschließenden PAZ-Gespräch an den zuletzt häufiger aufgetretenen verbalen antisemitischen Entgleisungen von bekannten Fernsehleuten: „Menschen mit Vorbildfunktion darf so etwas nicht passieren.“

Peines Bürgermeister Michael Kessler sagte bei der Kranzniederlegung: „Wir gedenken heute der Nacht in Deutschland, in der viele jüdische Geschäfte zerstört, Synagogen in Brand gesetzt und Mitmenschen ermordet wurden. So auch in unserer Stadt Peine. Am Anfang meiner Amtszeit dachte ich anlässlich der ersten Kranzniederlegung am 9. November: Wie kannst du denn jedes Jahr neue Worte zu diesem Gedenken finden, das ist doch nicht einfach. Diese Bedenken waren falsch. 75 Jahre nach dem schlimmen Beginn der Judenverfolgungen durch die Pogromnacht tauchen ständig noch neue Aspekte im Rückblick auf und wir werden überrascht von Erkenntnissen, die eigentlich schon lange hätten präsent sein müssen.“

Die derzeitige Diskussion um den früheren Ministerpräsidenten Hinrich-Wilhelm Kopf, dessen Verstrickung im Dritten Reich erst in einer Biografie des Jahres 2013 aufgedeckt wurde, sei ein weiteres Beispiel dafür, dass man noch lange nicht am Ende des Erkenntnisprozesses angekommen ist. Kessler: „Es war ein zögerlicher Prozess der Aufklärung in Deutschland. Ich erinnere an die Wahlplakate der 50er-Jahre, etwa mit der Parole ,Schluss mit der Vergangenheit‘. Ich erinnere an die vielen Steine, die man dem großen Juristen Fritz Bauer aus Braunschweig in den Weg legte.“ Die Euthanasie-Prozesse hätte es ohne ihn nie gegeben, weil man sie verjähren lassen wollte.

„Zögerlich, aber dann Gott sei dank konsequenter, haben wir uns dieser Vergangenheit gestellt. Das war eigentlich das Mindeste nach diesen grauenhaften Verbrechen an den Juden. Was wir Deutschen damals gemacht haben, das war und ist ungeheuerlich und immer klarer wird es, wie viele durchaus viel gewusst haben. Das heutige Gedenken muss Mahnung bleiben.“

mic

Die Feuerwehr durfte den Brand nicht löschen

Peine. Synagogen in ganz Deutschland brannten, Tausende Geschäfte, Wohnungen und jüdische Friedhöfe wurden zerstört, Menschen ermordet. Die Ereignisse des 9. November in Peine hat der Historiker Dr. Jens Binner aufgearbeitet. In Kurzform ist folgendes passiert:

Am Donnerstag, 10. November 1938, wurde um 10.15 Uhr die Peiner Feuerwehr alarmiert, weil die Synagoge brannte. Sie war in der Nacht zuvor von Braunschweiger und Peiner SS-Leuten angezündet worden. Die Feuerwehr durfte den Brand aber nicht effektiv bekämpfen, daher erlosch das Feuer erst abends gegen 21.30 Uhr und zerstörte den Innenraum vollständig. „Es ist hoch anzuerkennen und zu wenig bekannt, dass die Feuerwehr diese Passage in ihre Chronik aufgenommen hat“, sagt Dr. Binner.

Im Innern der brennenden Synagoge lag die Leiche des 17-jährigen Hans Marburger, der in der Nacht unter ungeklärten Umständen ermordet worden war. Sie wurde in der Nacht vom 10. auf den 11. November im Mittellandkanal versenkt, um die Spuren zu verwischen.

Die Synagoge wurde in der Folge abgerissen, die Kosten dafür musste die jüdische Gemeinde aufbringen. Erst viele Jahre später wurde durch Überlieferungen bekannt: Hans Marburger hätte beinahe überlebt. Das SS-Kommando, das Marburger in seine Gewalt gebracht hatte, nachdem er seinen Eltern zur Hilfe geeilt war, wusste nicht so recht, was es mit ihm anfangen sollte. Man habe den 17-Jährigen in das Gefängnis des Amtsgerichts stecken wollen, doch der Amtsrichter wies sie zurück. Das Gefängnis sei nicht für unschuldige junge Leute da. Marburger sollte die Nacht nicht überleben. Der Richter habe sich später schwere Vorwürfe gemacht.

Auch in Peine kam es zu Übergriffen auf Häuser und Geschäfte. Von mehreren jüdischen Bewohnern Peines ist bekannt, dass sie in „Schutzhaft“ genommen wurden. Auch Fälle von Misshandlungen sind bekannt.

Hintergrund zur so genannten Reichspogromnacht: Aus Sicht Binners ist die Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 als Endpunkt einer langen Kette von zahlreichen Einzelmaßnahmen zur Ausschaltung der deutschen Juden aus dem öffentlichen Leben zu sehen. Zum anderen als Auftakt der offenen, zunehmend gewalttätigen Verfolgung, die in der Deportation und Ermordung derjenigen endete, die nicht rechtzeitig emigrieren konnten.

Wichtig erscheint Binner auch die Verantwortung der nicht unmittelbar beteiligten „gewöhnlichen Deutschen“: „Die Pogromnacht fand vor aller Augen statt. Es gab kaum wirksame Proteste. Zu viele haben die Entrechtung der Juden hingenommen.“ Über die Versteigerung jüdischen Eigentums ist in Peine bisher allerdings nichts bekannt.

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