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Peiner Träger: "Standort ist in seiner Existenz bedroht"

Salzgitter AG Peiner Träger: "Standort ist in seiner Existenz bedroht"

Deutliche Worte zum Stahlstandort Peine: Der Vorsitzende des Aufsichtsrates der Salzgitter AG, Rainer Thieme, hat im Interview mit unserer Zeitung eingeräumt, dass er die Existenz von Peiner Träger in Gefahr sieht. Nur wenn sich in Peine etwas bewege, könne die schlimmstmögliche Entscheidung für den Standort ausgeschlossen werden.

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Blick ins Stahlwerk: Bei Peiner Träger stehen wohl bis zu 250 Jobs auf der Kippe.

Als problematisch wertet Thieme vor allem die Konkurrenzfähigkeit der PTG: Es gebe Wettbewerber, die in Deutschland ein vergleichbares Produkt mit der halben Mannschaft produzieren. Im Interview spricht Thieme über die Perspektive für den Stahlstandort Peine, die Probleme des Konzerns und mögliche Entwicklungen in der Stahlindustrie.

Herr Thieme, in wenigen Tagen werden sie 75 Jahre. Hätten Sie geahnt, dass Sie in diesem Alter noch einmal als Krisenmanager gefragt sein könnten?
Nein, so hatte ich mir das sicherlich nicht vorgestellt. Aber ich habe in den vielen Jahren in der Industrie gelernt, dass man regelmäßig Höhen und Tiefen erlebt, und so nehme ich die sich mir stellenden Aufgaben auch an.

Die Salzgitter AG, deren Aufsichtsrat Sie seit sechs Jahren führen, erlebt derzeit ein gewaltiges Tief – 400 Millionen Euro Verlust, 1500 Stellen sollen abgebaut werden. Was ist da schief gelaufen?
Der Konzern hat vor der Finanzkrise glänzende Jahre gehabt: Stahlnachfrage und -preise waren hoch, die Bauwirtschaft boomte, überall wurden Pipelines mit unseren Rohren gebaut. In dieser guten Zeit hätten wir uns noch stärker auf Schlechtwetter vorbereiten sollen. Allerdings haben wir damals viel Geld investiert, um die Standorte noch flexibler und leistungsfähiger zu machen. Die Gelegenheit hätte man noch besser nutzen müssen, um zusätzlich Veränderungen der Strukturen und der Kosten vorzunehmen. Das wäre damals weniger schmerzhaft gewesen als heute. Nun, da viele Märkte weggebrochen sind, ist die Lage umso brisanter – und wir müssen gegensteuern.

Hat der Aufsichtsrat die Probleme denn nicht rechtzeitig erkannt?
Die Wettbewerbsfähigkeit der Standorte zu sichern, ist Aufgabe des Vorstands. Und der arbeitet hart daran, diese zu verbessern. Das Problem ist nicht nur die Schwäche des Stahlmarktes, sondern auch die Verschachtelung und der mangelhafte Informationsfluss im Konzern. Deshalb stehe ich auch voll hinter der Vereinfachung der Salzgitter-Strukturen – bis hin zu Veränderungen im Vorstand. Die Wege von der Ofenbühne zum Spitzenmanagement müssen kürzer werden und die Produktion flexibler. Das gilt auch für die Beschäftigten an den Anlagen und in den Hilfsbetrieben.

Als größtes Problem gilt der Standort Peine, der mit 1100 Beschäftigten Stahlträger für die Bauindustrie herstellt und derzeit für das Gros der Verluste verantwortlich ist. Muss er geschlossen werden?
Ich will da nichts beschönigen: Der Standort ist in seiner Existenz bedroht. Wir arbeiten alle – Management wie Arbeitnehmervertreter – hart daran, das Werk Peine zu erhalten. Nur wenn sich hier etwas bewegt, möchte ich heute die schlimmstmögliche Entscheidung ausschließen. Die Salzgitter AG als Konzern darf jedenfalls durch Peine nicht gefährdet werden.

Aber die Baukonjunktur in Europa dürfte doch mittelfristig auch wieder anziehen?
Das Problem in Peine hat nicht allein mit der Konjunktur etwas zu tun. Der Standort ist trotz der hohen Modernisierungskosten in der Vergangenheit noch nicht konkurrenzfähig. Wir haben Wettbewerber, die in Deutschland ein vergleichbares Produkt mit der gleichen Technik und der gleichen Tonnage, aber mit der halben Mannschaft produzieren. Diesen Kostenunterschied können wir keinem Kunden erklären.

Salzgitter ist im internationalen Maßstab ein Winzling. Wie kann der Konzern überhaupt allein überleben?
Nur mit Spezialisierung und Fokussierung auf allerhöchstem Niveau. Wir bieten zum Beispiel der Automobilindustrie Alternativen zu den Leichtbaumaterialien Aluminium und Kohlefaser an – mit einem hoch manganhaltigen Stahl mit Aluminium- und Silizium-Zugabe. Wir wollen unser Standbein im Maschinenbaubereich – die Klöckner-Werke – stärken und mittelfristig um Automobiltechnologie erweitern. Hier gibt es noch große Potenziale.

Angesichts der weltweiten Konkurrenz wird regelmäßig eine Deutsche Stahl AG ins Gespräch gebracht – also ein Zusammenschluss aller großen heimischen Konzerne. Ist das eine Option?
Wir haben das ganz klare Ziel, eigenständig zu bleiben. Darin unterstützt uns auch unser Großaktionär, das Land Niedersachsen. Was ich mir allerdings vorstellen kann, wäre eine Zusammenarbeit bei der Rohstoffversorgung. Die chinesischen Stahlhersteller kaufen im Rest der Welt alle gemeinsam ein. Hier könnten die deutschen Konzerne auch wesentlich enger kooperieren, ohne dass so etwas gleich ein Fall für die Kartellwächter wäre. Als Einzelkämpfer jedenfalls wird es immer schwerer.

Sie haben Jahrzehnte in der deutschen Automobilindustrie verbracht, zuletzt als Chef des Traditionshauses Karmann, das sechs Jahre nach ihrem Ausscheiden in die Insolvenz ging. Heute ist die Osnabrücker Zentrale ein VW-Werk. Wie haben Sie diesen Prozess erlebt?
Ich hatte das Glück, Karmann über 15 Jahre lang in einer guten Zeit zu begleiten. Deshalb wurde ich in der späteren Krise von Tag zu Tag trauriger und habe mich bei den Gesellschaftern mit Nachdruck dafür eingesetzt, den Standort in Abstimmung mit dem damaligen Ministerpräsidenten Christian Wulff an Volkswagen zu verkaufen. Dass VW-Chef Professor Winterkorn später beim Start des neuen Golf Cabrios die früheren „Karmänner“ für einen der besten Produktanläufe im VW-Konzern lobte, hat auch mich riesig gefreut.

Welche Perspektiven hat die heimische Automobilindustrie?
Sie ist in einer hervorragenden Position – auch wenn die Luft dünner geworden ist. Gerade die koreanischen Konkurrenten werden der deutschen Industrie in den kommenden Jahren das Leben noch schwer machen.

Vor welchen Herausforderungen steht der Industriestandort Deutschland?
Die größte sind derzeit wohl die Energiepreise. Sie haben nicht nur für Privatkunden, sondern auch für Unternehmen enorme Ausmaße angenommen. Dank der Energiewende ist unser Strom inzwischen etwa 40 Prozent teurer als in Frankreich. Für Unternehmen, bei denen ein Drittel der Kosten für Energie anfallen, ist das nicht mehr zu verkraften. Wenn sich da nichts ändert, werden sich einige Branchen überlegen, ob sie die Produktion nicht verlagern müssen – nur kann das nicht jeder.

Wie lange werden Sie noch als Aufsichtsratschef die Salzgitter AG begleiten?
Eigentlich wollte ich mich schon mit der diesjährigen Hauptversammlung zurückziehen. Aber dann gab es viele Wechsel im Aufsichtsrat – und die Umstrukturierung wollte ich keinem neuen Vorsitzenden hinterlassen. Diese dringend nötige Veränderung werde ich noch selbst begleiten. Dann aber ist Schluss – das habe ich meiner Frau versprochen.

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