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Peine 1914: Dem ersten Jubel folgte schnell die Ernüchterung

Peine Peine 1914: Dem ersten Jubel folgte schnell die Ernüchterung

Peine. Heute vor 100 Jahren erklärte Deutschland dem östlichen Nachbarn Russland den Krieg. Das monatelange Säbelrasseln entwickelte sich zum blutigen Kampf auf dem Schlachtfeld. Auch für das Peiner Land hatte der Kriegseintritt des damaligen Deutschen Reichs große Auswirkungen – auch wenn in der Fuhsestadt während des Ersten Weltkriegs nicht gekämpft wurde.

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Am 18. Oktober 1915 auf dem Marktplatz: Bürgermeister Dr. Julius Meyer (mit Zylinder in der Hand) begrüßt die Soldaten der Landwehr.

Quelle: Stadtarchiv

Die ersten Bürger im Peiner Land erfuhren bereits am Samstagabend, 1. August 1914, von der Mobilmachung. Diese hatte Kaiser Wilhelm II. um 17 Uhr verkündet und entsprechende Telegramme in alle Winkel des Reichs verschicken lassen. In Oberg beispielsweise hatte der Postagent August Schnauß die Nachricht öffentlich angeschlagen, wie die freie Mitarbeiterin Siegrid Alberthauser bei einer aufwendigen Recherche zum Ersten Weltkrieg im Jahr 2004 für die PAZ herausfand.

Schon einen Tag später, am 2. August 1914, waren die ersten Männer direkt aus dem Peiner Land in den Krieg gezogen. In Vöhrum wurden sie bejubelt – wie in vielen Städten ging man davon aus, dass der Krieg Weihnachten 1914 längst beendet sein würde. Siegreich natürlich.

Am Peiner Bahnhof wurde jeder Militärzug begeistert begrüßt, der ab dem 3. August in Richtung Westen durch Peine zum zweiten Kriegsgegner Frankreich fuhr. Mitglieder des Vaterländischen Frauenvereins stärkten die Soldaten mit Kaffee und Butterbroten. Lyzeum-Oberlehrer August Köster beschrieb dies später als „nie vermutete nationale Begeisterung. Man besann sich auf deutsches Wesen und deutsche Haltung.“ Auch Oberprimaner durften in den Krieg ziehen, wenn der Vater zustimmte und die Jungen militärtauglich waren – so wie der Peiner Karl Wilke. Der Deutsche Turnverein Peine forderte seine Mitglieder auf: „Freiwillige vor!“

Durch die Mobilmachung fehlten aber natürlich Arbeitskräfte. Die Brauereien Härke und Langkopf etwa baten darum, wegen des „Personal- und Pferdemangels“ das Bier selbst abzuholen. Die Schützengilde rief ihre Mitglieder auf, sich bei Hauptmann Stöter zu melden. Denn: „Zum öffentlichen Wachdienst in der Stadt werden deutsche Männer gebraucht“. Die Peiner Banken öffneten nur noch drei Stunden, in Woltorf mussten die Arbeiten am Ortsnetz für die neue Stromversorgung unterbrochen werden. Die ersten Siege wurden mit großem Jubel aufgenommen. So läuteten etwa am 2. September 1914 gegen 21.30 Uhr in Peine die Kirchenglocken – und die Menschen rannten zur Peiner Zeitung (heute PAZ), die an der Breiten Straße ihren Sitz hatte. Dort wurden in Depeschen die – nur vorläufigen, wie sich schnell zeigte – Siege bei Reims und Verdun verkündet. Am 20. September erfuhren die Peiner schon, dass es an der Marne nicht so gut lief. Es wurde bereits zu Kriegsanleihen aufgerufen, bis 1918 liehen die Menschen im Peiner Land dem Staat auf diese Art mehr als 79 Millionen Reichsmark.

In der Heimat galten die Soldaten zunächst dennoch als Helden, deshalb wurden auch körbeweise Feldpostbriefe mit kleinen und großen Gaben verschickt. Die Mitglieder des Vöhrumer Gemeinderates beispielsweise hatten für 400 Mark Schweine gekauft und schickten sie geschlachtet sowie eingemacht an die Fronten.

Doch mit jedem neuen Kriegsmonat verstärkte sich auch der Mangel an Gütern, vor allem Lebensmittel. Diese wurden zunächst immer teurer. Fleisch, Brot, Butter oder Mehl gab es dann bald sogar nur noch gegen Karten. Selbst Knochen wurden nur gegen Knochenscheine abgegeben.

Und es hagelte Erlasse sowie Vorschriften. Beispiel: Alle 14 Tage hatte eine Ortschaft etwa 200 Zentner Kartoffeln nach Peine zu liefern – ein fast unmögliches Unterfangen. Die Verteilung fand im Winter im Keller der Bodenstedtschule statt, im Sommer auf dem Marktplatz – beaufsichtigt von einem Bürgervorsteher und einem Polizisten. Bald gab es auch keine Kartoffeln mehr. Es folgte der berüchtigte Steckrüben-Winter 1916/17. Die Versorgungslage wurde immer katastrophaler – und die Peiner waren längst ernüchtert. Weil Eisenerz für den Krieg besonders wichtig war, wurde das Erzvorkommen von Adenstedt freigegeben. Folge: Die Toten auf dem Friedhof wurden umgebettet und die Kirche sowie andere Gebäude abgerissen. Kirchenglocken wie die in Abbensen, Gadenstedt oder Vöhrum wurden eingeschmolzen. Selbst die neue kupferne Oberleitung in Oberg wurde als kriegswichtiges Metall wieder abgebaut.

Auch wenn in Peine nicht gekämpft wurde: Der Krieg rückte trotzdem näher. Zur Freude von Bürgermeister Dr. Julius Meyer war Peine 1915 eine Garnisonsstadt geworden. Rund 2000 Mann aus dem Ersatzbataillon aus Hildesheim wurden stationiert. Bereits am 17. August 1914 war in der Bodenstedtschule ein Lazarett eingerichtet worden. Ende Oktober lagen dort 40 verletzte Soldaten.

Am 11. August 1914 fiel der Banker Willi Kortmann – er gilt als erster Kriegstoter aus Peine. Der Reserve-Leutnant starb „den Heldentod fürs Vaterland“, wie seine Witwe Elisabeth in der Traueranzeige schrieb. Am 22. August folgte der Groß Lafferder Apotheker Kurt Everding „für Kaiser und Reich auf belgischem Schlachtfelde“, wie es hieß.

Schon im ersten Kriegsmonat musste der Gadenstedter Pastor Münchmeyer zwei Trauergottesdienste abhalten. Am Ende hingen 80 Kränze in der dortigen Kirche, für jeden Toten einen. Duttenstedt zählte 16 Kriegstote, Rosenthal 28, Vöhrum 47, Stederdorf/Wendesse 57 – und so ging es in allen Ortschaften weiter. Insgesamt starben rund 400 Menschen allein aus der Stadt Peine.

„Wir stehen im fünften Kriegsjahr. Den Enderfolg vor uns, dürfen wir jetzt nicht schwach werden. Jeder sorge dafür, dass die Reihen geschlossen bleiben“, lasen die Peiner am 4. Oktober 1918 in ihrer Zeitung. Doch der Durchhaltewille war längst gebrochen. Als es im gesamten Reich gärte, kam es auch in Peine zum Umsturz: Am 7. November 1918 besetzten aufständische Soldaten den Peiner Bahnhof. Vier Tage später war der Erste Weltkrieg zu Ende. Als die heimkehrenden Soldaten diesmal durch die Straßen zogen, jubelt niemand mehr.

ale

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