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Ostern in Gefangenschaft

Peine Ostern in Gefangenschaft

„Einmal Usbekistan und zurück“ ist der Titel eines beeindruckenden Buches, das der Peiner Ernst-Günther Glabisch (87) geschrieben hat. 50 Monate verbrachte er als junger Mann in russischer Kriegsgefangenschaft. In vielen Kurzgeschichten hat Glabisch seine Erlebnisse und Erinnerungen festgehalten.

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Ernst Glabisch mit einem Buch über Gefangenschaft in Usbekistan.

Quelle: ju

Die PAZ druckt heute die Geschichte „Ostern auf dem heißen Blechdach“ in einer gekürzten Fassung ab:

„Die Usbeken um uns herum zeigten sich stets freundlich. Wir waren sehr erstaunt und konnten es nicht fassen, dass sie uns um unser - wie sie es nannten - „gesichertes‘‘ Dasein regelrecht beneideten: Wir hatten doch, meinten sie, ein festes Dach über dem Kopf, wir erhielten regelmäßig unser Essen, und auch eine Ärztin war ständig um unsere Gesundheit bemüht! (...) Wir hatten ja nicht wissen können, dass die Rote Armee die ehemaligen Emirate und Chanate im Herzen Asiens okkupiert sowie eliminiert, und Stalin aus den einstigen Besitzern der größten Herden von Karakulschafen armselige Arbeiter in unserer Gießerei gemacht hatte. Der Kommunismus hatte die einst freien und wohlhabenden Usbeken ohne Entschädigung enteignet und wie Sklaven, rechtlos und ohne jeglichen Grundbesitz, rücksichtslos in die Fabriken verbannt. Wir fühlten uns mit den alten, verhärmten, aber so freundlichen Usbeken wie Schicksalsgenossen, wie Freunde in einer fremden Welt, ja wie Brüder, die ein ähnliches Los zu erdulden hatten. Es war April geworden, zum vierten Mal seit der Kapitulation Breslaus. (...) Die Pfirsichbäume hatten schon ihre rosarote Blütenpracht abgeworfen, und in den Gärten grünte und blühte es in den herrlichsten Farben. (...)

Noch war die Halle unserer Gießerei erfüllt vom schneeweißen Dampf. (...) Jeden Augenblick würde die Sirene auf dem Dach der Gießerei ertönen. Aber heute war es anders als sonst. Kaum jemals zuvor hatten die Arbeiter ihre Pause vor dem Tuten der Sirene begonnen, doch heute schienen sie es gar nicht erwarten zu können. Dann war es so weit. Im Nu war die von Dampf erfüllte, siedende Halle wie leergefegt. Alle Russen und Usbeken waren mit einem Mal spurlos verschwunden. (...)

Plötzlich erschien aus dem Dampf heraus ein Usbeke und kam auf mich zu. Er winkte mich fast ängstlich zu sich heran, als wollte er von niemandem beobachtet werden. (...)Kaum hatte ich mich ihm genähert, zog er mich am Ärmel hinter den Hochofen, der heute nicht in Betrieb war und deshalb keine Hitze mehr ausstrahlte. Als wir hinter dem Ungetüm verschwunden waren, zerrte mich mein Usbeke, mit einem verschmitzten Lächeln auf seinem runzeligen Gesicht, durch den losen Sand auf eine verdreckte, rostige Eisentür zu. Er drückte sie mit aller Wucht auf. Das strahlende Blau eines wolkenlosen Himmels, der sich über der Wüste wölbte, empfing uns. Nur langsam gewöhnten sich meine Augen an die gleißende Helligkeit. (...) Wohin wollte er mich bringen? Was führte er im Schilde? Oben angelangt, breitete sich das riesige Areal unseres „Sawod‘‘ unter uns aus. Der Usbeke zog mich immer noch weiter, bis wir das Dach der Gießerei erklommen hatten, das aus dünnen Eisenplatten bestand. Die Sonnenstrahlen hatten die gesamte Dachfläche in ein glühend heißes „Kuchenblech“ verwandelt. Ich war froh, dass ich meine dicken, klobigen Holzschuhe an den Füßen trug, denn sonst hätte ich wie ein Tanzbär von einem Bein aufs andere hüpfen müssen. Im Schatten des wuchtigen Schlotes entdeckte mein Usbeke eine Stelle, die ihm für sein geheimnisvolles Vorhaben geeignet erschien. Ohne auch nur ein einziges Wort an mich zu richten, zog er mich dorthin und setzte sich als Erster auf die warme Blechplatte. Ich nahm schweigend neben ihm Platz. Was hatte er nur mit mir vor? Von hier oben bot sich uns ein herrlicher Rundblick über die grünen Felder und die in Blüte stehenden Bäume und Sträucher. (...) Dann holte mein Usbeke einen zusammengeschnürten, schmuddeligen Beutel aus seiner Tasche und öffnete ihn vorsichtig. (...) Er faltete fast behutsam das Tuch auseinander, als gälte es, ein Geheimnis zu enthüllen. Was ich erblickte, machte mich sprachlos. Zum Vorschein kamen ein leicht zerdrücktes Ei und ein kleines Fläschchen. (...) Er schob mir das ausgebreitete Tuch schüchtern näher und gab mir zu verstehen, dass er mir das Ei und das Fläschchen schenken wollte. (...) Erst als ich in das hartgekochte Ei biss und das Fläschchen an meine Lippen setzte, gab er sich schmunzelnd zufrieden. Eine innere Beglückung hatte ihn erfasst, denn es war ihm gelungen, mir zum russischen Osterfest eine kleine und dabei trotzdem so große Freude zu bereiten. Ich umarmte meinen Usbeken, der mich auf so ungewöhnliche Weise und dabei so reich beschenkt hatte (...). Wie einen alten, lieben Freund drückte ich ihn an mein Herz. „Kamerad‘‘ sagte er plötzlich ganz leise, „Kamerad“, und schaute mir tief und verständnisvoll in die Augen.

Als die Sirene die Pause beendete und alle Arbeiter wieder zusammenrief, eilten wir die steile Treppe hinunter zurück in die Gießerei. Heißer Dampf und ohrenbetäubender Lärm umfingen mich. Fast beglückt griff ich jetzt nach meiner Schaufel, denn ein solches Osterfest hatte ich noch nie erlebt. (...)“

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