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Mit Straßenmagazin weg von der Straße

Peine Mit Straßenmagazin weg von der Straße

Peine . Martin Rohde hat schon viel erlebt, auch ein Happy End. Bis dahin war es ein schwerer Weg. Heim, Sucht, Straße, Knast hießen die Stationen. Am Totenbett der Mutter versprach er 1995, sein Leben zu ändern. Seitdem ist Rohde straffrei. Seit mehr als zehn Jahren verkauft er die Straßenzeitung Asphalt. Das gebe Halt und stifte Sinn, sagt Rohde.

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Seit 2004 verkauft Martin Rohde die Straßenzeitung Asphalt in Peine und fand Halt in seinem Job. In der Adventszeit hatte er viel zu tun.

Quelle: im

Es ist wenige Grad über null, die Adventszeit in vollem Gange. Martin Rohde trägt eine Nikolausmütze, rote Leuchtsterne blinken abwechselnd darauf. Der 53-Jährige steht vor einem Schnellrestaurant in der Peiner Innenstadt. Dort verkauft Rohde die Straßenzeitung Asphalt. Und das seit mittlerweile zehn Jahren. Im Schnitt verkauft er 50 Zeitungen im Monat. 1,60 Euro kostet eine Ausgabe, 80 Cent vom Verkaufspreis darf Rohde behalten. Die meisten Kunden geben mehr, sagt der 53-Jährige. Er habe viele Stammkunden. Doch seine Geschichte kennen die wenigstens.

Mehr als ein Jahrzehnt war Martin Rohde obdachlos. Er wuchs im Heim auf, mit 18 Jahren wollte er einfach raus. Kein Job, keine Wohnung. Es blieb nur die Straße. In Hildesheim wurde der gebürtige Oldenburger heimisch. Alkohol- und Spielsucht trieben ihn schnell in die Kriminalität. Die Süchte waren sein Antrieb, Raub seine Methode. Beschaffungskriminalität heißt das in den Statistiken. Er überfiel Passanten auf offener Straße. Immer wieder. „Ich hatte finanzielle Schwierigkeiten. Die Sucht kam dazu“, versucht er heute zu erklären, was ihn vor Jahrzehnten trieb. Erst nach etlichen Taten wurde Rohde gefasst. Ab in den Knast. Mit Unterbrechungen saß er 13 Jahre hinter Gittern.

Nachdem er zum letzten Mal rauskam, folgte der nächste Schicksalsschlag. Der Tod seiner Mutter veränderte das Leben des heute 53-Jährigen nachhaltig. Fast 20 Jahre ist das her. „Ich habe ihr am Sterbebett versprochen, dass ich mich ändere“, sagt Rohde. „Irgendwann muss man aus seinen Fehlern lernen und Verantwortung übernehmen.“ Er lebte trotzdem weiter auf der Straße. Diesmal ohne kriminell zu werden. „Eines Tages wurde ich angesprochen, ob ich die Asphalt verkaufen wolle.“ Er war der Erste in der Stadt, die Zeitung sorgte für ein finanzielles Zubrot. Es war Rohdes erster Beruf. Plötzlich war da etwas, das Sinn stiftete, Struktur gab. „Auf einmal habe ich nicht mehr nur einfach so rumgehangen“, sagt Rohde. „Mit meinen Vorstrafen hatte ich vorher keinen Job gefunden.“

Der neue Beruf gab Halt. „Ich kann gar nicht mehr ohne. Ich freue mich immer, wenn ich wieder raus zum Verkaufen kann.“ Vor elf Jahren, 2003, verschlug es Rohde von Hildesheim nach Peine. Die Ambulante Hilfe besorgte ihm eine Wohnung. Wieder war Rohde der erste und bis heute einzige Verkäufer der Asphalt: Seit 2004 steht er meist in der ersten Monatshälfte an seinem Stammplatz vor dem Schnellrestaurant in der Innenstadt. „Nur von 2007 bis 2009 habe ich nicht verkauft. Das hatte gesundheitliche Gründe. Und, weil eine Beziehung kaputt gegangen ist“, sagt Rohde. In alte Verhaltensmuster habe ihn das nicht zurück geworfen.

Wenn er in der Innenstadt steht, ist Mischlingsrüde Frantek treuer Begleiter. „Ich habe ihn vor über 15 Jahren gefunden, da war er wenige Tage alt. Jemand hatte ihn ausgesetzt, und ich habe ihn mit der Flasche aufgezogen.“ Mittlerweile ist der Rüde 15,5 Jahre alt. „Wir sind unzertrennlich“, sagt Rohde. Frantek sei fast eine Art Therapie. Und der Großteil des Geldes, das Rohde mit dem Verkaufen der Asphalt verdient, gebe er für den Hund aus. „Für Hundesteuer, Tierarzt und so. Er ist jeden Cent wert.“

Rohde ist herzlich, die Peiner Passanten schätzen das. Die Resonanz auf seine Anwesenheit sei gut. Meistens. „Ab und zu gibt es Anfeindungen. Aber das geht bei mir im einen Ohr rein, im anderen raus“, erklärt Rohde. „Die meisten Leute sagen, dass sie gut finden, dass ich hier bin. Dafür bin ich sehr dankbar.“

Sein Beruf sei dennoch nichts für jeden, sagt der 53-Jährige. „Es kann auch mal sein, dass man zwei Stunden nur dasteht und keine einzige Zeitung verkauft.“ Damit müsse man umgehen können, und das könne nicht jeder. „Mir macht das nichts aus. Ich weiß ja: Irgendwann kommt der Moment, in dem es wieder gut läuft“, sagt Rohde.

Die Lebenslinie des 53-Jährigen verlief nicht immer gerade, aber dieses Credo gilt eben: Irgendwann kommt der Moment, in dem es besser läuft. Und manchmal hält dieser Moment für den Rest des Lebens.

PAZ-Info: Die Straßenzeitung Asphalt-Magazin

Die Straßenzeitung Asphalt-Magazin, kurz Asphalt, erscheint seit 20 Jahren einmal monatlich, anfangs nur in Hannover, mittlerweile auch in zahlreichen weiteren Städten Niedersachsens. Die Asphalt wird vom Diakonischen Werk Hannover und der „Initiative obdachloser Bürger“ verantwortet. Rund 160 Verkäufer bieten die Zeitung an. Im Mittelpunkt steht der Aspekt Hilfe zur Selbsthilfe. Eine Ausgabe koste 1,60 Euro, 80 Cent gehen direkt an den Verkäufer.

Verkaufen darf nur, wer lediglich über ein geringes Einkommen verfügt – oft sind es Obdachlose oder ehemalige. „Der Verkauf des Magazins gibt ihnen die Möglichkeit, ihren Lebensunterhalt durch ein Taschengeld aufzubessern, ohne betteln zu müssen. Sie erfahren, etwas wert zu sein, gebraucht zu werden und eine sinnvolle Arbeit zu tun“, heißt es auf der Internetseite des Asphalt-Magazins. Jedes halbe Jahr müssen Verkäufer nachweisen, dass sie noch immer arbeitslos sind.

Mit dem Verkauf der Asphalt sind einige Regeln verbunden: Verkauft werden darf beispielsweise nur an fest zugeteilten Plätzen, vor und während des Verkaufens sind Alkohol- noch Drogenkonsum Tabu. Höflichkeit ist Pflicht, Pöbeln und Schnorren untersagt. Bei Nichteinhaltung der Regeln kann ein Verkaufsverbot ausgesprochen werden.

von Jonas Szemkus

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