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„Geordnetes Chaos in Prag“

Peinerin erinnert sich „Geordnetes Chaos in Prag“

Die Peinerin Annemagret John war eine von zwei westdeutschen Krankenschwestern, die den Flüchtlingen beistanden, als sich heute vor 20 Jahren Tausende DDR-Bürger auf das Gelände der West-Botschaft in Prag retteten.

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DDR-Flüchtlinge stehen im September 1989 vor der deutschen Botschaft in Prag. Als sich vor 20 Jahren Tausende DDR-Bürger auf das deutsche Botschaftsgelände in Prag retteten, war Annemagret John aus Peine dabei.

Quelle: Archiv: dpa

Peine. „Wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise möglich geworden ist!“ Als Hans-Dietrich Genscher als damaliger westdeutscher Außenminister diesen historischen Satz auf dem Balkon der Prager Botschaft ausrief, stand die Peinerin Annemagret John mit einer Gänsehaut direkt hinter ihm. „Die Menschen fielen sich in die Arme, schrien und jubelten, das war grenzenlose Freude“, erinnert sich die Rot-Kreuz-Schwester aus Dungelbeck. „Niemand wusste, dass Genscher kommt. Als er dann durch das Tor ging, haben die Menschen ihn sofort erkannt, fielen sich da schon in die Arme, irgendwie war allen in diesem Moment völlig klar: Jetzt gibt es eine Lösung!“ Etwa 5000 Menschen hielten sich am 30. September 1989 auf dem völlig überfüllten Botschaftsgelände auf.

„Wir hatten nur ganz wenige Duschen und Toiletten. Als wir am 28. September dort ankamen, waren 2500 Flüchtlinge dort, stündlich kamen immer mehr und kletterten über den hinteren Zaun des Geländes, reichten erst die Kinder rüber, dann ihr Gepäck. Sie trauten sich nicht durch den Eingang zu gehen, denn der wurde von der tschechischen Polizei bewacht“, erinnert sich die damals 41-Jährige.

Gewohnt haben die Ausreisewilligen in Zelten mit dreistöckigen Betten. „Tagelang haben sie auch auf den Treppenstufen im Botschaftsgebäude ausgeharrt, sie haben quasi dort gewohnt, jeder hatte eine Stufe. Mehr Platz war nicht. Wir haben dann die Versorgung koordiniert“, erklärt die Krankenschwester. „Der Transporter fuhr täglich, um Windeln für Kleinkinder, Pflegemittel, Handtücher und Arzneimittel zu besorgen. Viele hatten sich erkältet oder auch Schürfwunden, weil sie über den Zaun geklettert sind. Und auch einen an der Niere frisch Operierten hatten wir da – und ein Kleinkind mit einem Luftröhrenschnitt. Es war so verschleimt, da mussten wir mit einfachsten Mitteln den Schleim absaugen.“

Auch eine Feldküche war aufgebaut. Es gab Gulasch oder Nudeln und lange Schlangen an der Essensausgabe. Aber jeder war geduldig. Es sei ein geordnetes Chaos gewesen. Es waren junge Menschen, viele Familien mit Kindern haben darauf gehofft, durch die Botschaft ausreisen zu können. Die Peinerin sagt: „Viele waren dort im Urlaub, hatten Camping-Zelte dabei. Das war gut, denn unsere Zelte reichten nicht aus für so viele Menschen. Zum Glück war es sonnig und trocken. Um sich die Zeit zu vertreiben, hatten viele Brettspiele dabei. Und bei allen herrschte die Hoffnung: Es gibt ein Happy End. Alles wird gut.“

Nach Genschers erlösenden Worten musste alles koordiniert werden. „Trotzdem hatten die Menschen große Angst, wollten nicht ohne Begleitung das Gelände verlassen und zu den Bussen gehen. Da haben sie Botschaftsmitarbeiter begleitet. Auch eine schwangere Frau bestand darauf. Sie wäre sonst nicht ins Krankenhaus gefahren“, erklärt die stellvertretende Vorsitzende des Roten Kreuzes in Peine. Unterstützung gab es auch von den Flüchtlingen. „Ich habe gefragt, wer sich medizinisch auskennt. Wir hatten viele Ärzte und Krankenschwestern aus der DDR dabei. Die haben uns dann mitgeholfen.“

Zehn Tage war Annemagret John in der Botschaft – für sie war es ein einmaliger Einsatz. „Das war mein Beitrag zur Wiedervereinigung, für die Freiheit. Ich würde es immer wieder tun.“ Weil es für sie selbstverständlich war, zu helfen, hat sie die Ehrung mit dem Bundesverdienstkreuz abgelehnt. Dafür hat sie ein Dankesschreiben des damaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl erhalten.

20 Jahre danach strahlen immer noch ihre Augen, wenn sie davon erzählt und in ihren zahlreichen Unterlagen blättert. Viele Zeitungsausschnitte hat sie aus den dramatischen Tagen des Mauerfalls aufgehoben. Und eines hat sie sich mit ihrem Mann fest vorgenommen: „Wir wollen diese schöne Stadt Prag einmal privat besuchen – am besten im kommenden Frühjahr.“

Dirk Plasberg

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