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Flüchtlinge: Buhmann kritisiert Massenunterkünfte

Kreis Peine Flüchtlinge: Buhmann kritisiert Massenunterkünfte

Kreis Peine. Die vielen Flüchtlinge, die in den vergangenen Monaten das Peiner Land erreicht haben, müssen nun integriert werden. Dahinter verbirgt sich eine Mammutaufgabe, denn ein Patentrezept gibt es nicht. Zudem ist offen, ob die Zahl der Flüchtlinge, die nach Deutschland kommen, nicht wieder rasant ansteigt. Die PAZ sprach mit Kreis-Sozialdezernent Dr. Detlef Buhmann.

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Kreis-Sozialdezernent Dr. Detlef Buhmann im Gespräch über Flüchtlinge im Peiner Land.

Quelle: Archiv

Wie ist der derzeitige Stand in der Flüchtlingsfrage?

Die Erstaufnahme liegt hinter uns, sie war der Sprint, jetzt beginnt der Marathonlauf der Integration. Dazu gehören als wesentliche Bausteine Sprachkurse, die Vermittlung von Regeln und Werten sowie die Vermittlung in Arbeit. Je schneller es uns gelingt, aus Zuwendungsempfängern Einzahler in unsere Sozialkassen zu machen, desto besser für unsere Gesellschaft. Allerdings darf man sich dabei auch keinen Illusionen hingeben. Detlef Scheele, Vorstand der Bundesanstalt für Arbeit, sagt dazu: „Wenn es gut läuft, werden im ersten Jahr nach der Einreise vielleicht zehn Prozent eine Arbeit haben, nach fünf Jahren ist es die Hälfte, nach 15 Jahren sind es 70 Prozent.“ Eine ambitionierte Integrationspolitik kann meines Erachtens diesen Zeitraum noch erfolgreich verkürzen.

Woran hakt es?

Ich kenne Flüchtlinge, die waren zwei Monate in der Ilseder Gebläsehalle und sind jetzt fünf Monate im Unternehmenspark UPP II, haben aber noch keinen Asylantrag gestellt. Das ist verschenkte Zeit. Das Bundesamt für Flüchtlinge und Migration (BAMF) kommt nicht nach und schiebt bundesweit über 400 000 unerledigte Asylanträge vor sich her. Hinzu kommt, bei der für Peine zuständigen Landesaufnahmestelle in Braunschweig fehlt es an Transparenz. Kein Flüchtling weiß, wann er seinen Antrag stellen kann. Das schafft Frust. Wer aus Syrien auf der Balkanroute zu uns gekommen ist, der hat acht Staatsgrenzen und eine Entfernung von mehr als 4000 Kilometern überwunden. Diese vorhandene Energie gilt es für die Integration zu nutzen und sie nicht in Warteschleifen verpuffen zu lassen.

Wie kann aus Ihrer Sicht die vorhandene Energie der Flüchtlinge am sinnvollsten genutzt werden? Haben Sie bestimmte Projekte im Auge?

Sinnvoll ist es, mit der Heranführung an den Arbeitsmarkt, verknüpft mit Sprachförderung, frühzeitig noch während des Antragverfahrens zu beginnen. Mit dem neuen Integrationsgesetz schafft der Bund die Voraussetzung für 100 000 Beschäftigungsangebote. Wir werden daraus ein Programm mit Arbeitsgelegenheiten, Praktika und Sprachförderung stricken und darüber hinaus verstärkt den Kontakt zu Handwerk und Wirtschaft suchen.

Wie viele Flüchtlinge leben hier, welche Gruppe ist zurzeit am größten?

Mit Stand 4. Mai leben im Landkreis 1767 Asylbewerber. Am 1. März waren es noch 1932, also ein Rückgang von 165 Personen innerhalb von zwei Monaten. Die zahlenmäßig größte Gruppe kommt aus Syrien, dann folgen Irak und Sudan.

Welche Gruppe hat kaum Chancen hier zu bleiben?

Für Asylbewerber aus den Westbalkanstaaten gibt es kaum eine Bleibeperspektive. Sie reisen in der Regel freiwillig aus, weil sie im Falle einer Abschiebung eine Einreisesperre erhalten würden.

Wie viel Aufnahmekapazitäten haben wir aktuell noch im Peiner Land?

Es ist noch nicht so lange her, da haben wir mit 3500 Flüchtlingen bis Ende 2016 gerechnet. Auch das hätten Stadt, Gemeinden und Landkreis mit einer großen gemeinsamen Kraftanstrengung gewuppt und für ein Dach über dem Kopf für die Flüchtlinge gesorgt.

Wie lange wird es realistischerweise dauern, bis der Peiner UPP II nicht mehr als Unterkunft benötigt wird?

Es ist schwer, ein bestimmtes Datum zu nennen. Sicher ist, dass Asylbewerber aus Syrien, dem Irak oder dem Iran eine gute Bleibeperspektive haben und für diese Menschen Wohnraum benötigt wird. Wie in den Gemeinden auch, könnten sie bereits jetzt in Wohnungen untergebracht werden. Das würde das in Massenunterkünften latent immer vorhandene Konfliktpotenzial reduzieren und das Miteinander von Asylbewerbern und Einheimischen fördern.

Gehört zur Integration nicht auch die dezentrale Unterbringung der Flüchtlinge?

Ja, natürlich. Wir wollen ja keine Parallelgesellschaften und auch keine Ghettoisierung in großen Einrichtungen oder bestimmten Stadtteilen. Wünschenswert ist eine Durchmischung: sozialer Wohnraum für unterschiedliche Generationen, Alleinlebende, Alleinerziehende, Paare, Familien mit Kindern, Pflegebedürftige, Asylbewerber. Mit einer guten Stadtentwicklung lässt sich die Zuwanderung aktiv gestalten, sie ist ein Eckpfeiler gelingender Integration.

Gibt es nach Ihrer Kenntnis schon konkrete Pläne für den sozialen Wohnungsbau? Wie erfolgversprechend ist eine kreisweite Wohnungsbaugesellschaft aus Ihrer Sicht?

Bereits 2015 hatte das Pestel-Institut den Gesamtwohnungsbedarf im Landkreis Peine auf 930 Wohnungen veranschlagt. Zurzeit führt der Landkreis eine Wohnungsmarkt-untersuchung durch, um den Bedarf detailliert zu erfassen. Ob am Ende eine kreisweite Wohnungsbaugesellschaft steht oder eine Bündelung der vorhandenen Kräfte ist zum jetzigen Zeitpunkt völlig offen. Es werden in jedem Fall neue Wohnungen im unteren Mietpreisbereich benötigt; dazu braucht es die massive finanzielle Förderung durch Bund und Land.

Interview: Thorsten Pifan

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