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"Er ist nicht bloß Mitläufer gewesen"

Peine "Er ist nicht bloß Mitläufer gewesen"

Hinrich Wilhelm Kopf (SPD) war der erste niedersächsische Ministerpräsident und wurde von vielen verehrt. In Peine sind eine Schule und eine Straße nach ihm benannt. Doch nun wackelt das Podest, auf dem er so lange unangetastet stand. Die Göttinger Politologin Teresa Nentwig hat das Leben des 1961 gestorbenen Politikers durchleuchtet und dabei neue Belege für seine zweifelhafte Rolle in der NS-Zeit gefunden. Die PAZ sprach darüber mit dem Vechelder Politikwissenschaftler Professor Ulrich Menzel von der Technischen Universität Braunschweig.

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Professor Ulrich Menzel lehrt an der TU in Braunschweig.

Quelle: oh

Zurzeit kann man ja fast von einem Boom bei den Enthüllungen über die nationalsozialistische Vergangenheit bekannter und auch verdienter Persönlichkeiten sprechen. Beispielsweise den Architekten und Städteplaner Karl Elkart, den Pädagogen Peter Petersen, den aus Peine stammenden Kultus- und Justizminister Richard Langeheine (CDU) oder nun den ersten niedersächsischen Ministerpräsidenten Hinrich Wilhelm Kopf (SPD). Wie bewerten Sie die Situation allgemein?

Das, was Sie beobachten, gilt nicht nur für Personen, sondern auch für Institutionen aller Art, wie Veröffentlichungen über das Auswärtige Amt, das VW-Werk, den Deutschen Fußballbund und gerade zwei Bücher zu Tätern und Opfern des Nationalsozialismus an der TU Braunschweig zeigen. Offenbar bedarf es des zeitlichen Abstandes, auch des Todes der Betroffenen, bis eine Gesellschaft bereit ist, die Aufarbeitung der dunklen Seiten der eigenen Geschichte ernsthaft in Angriff zu nehmen. Die 50-jährige Sperrfrist, nach der Akten eingesehen werden können, spielt hier möglicherweise auch eine Rolle.

Der derzeitige SPD-Ministerpräsident Stephan Weil spricht von einem Dilemma. Einerseits gibt es historische Verdienste, andererseits die belastenden Erkenntnisse. Müssen die Lebensleistung und die Verdienste von Hinrich Wilhelm Kopf jetzt neu bewertet werden?

Auf jeden Fall. Ich habe gelesen, was Ministerpräsident Stephan Weil bei der Buchvorstellung gesagt hat und kann fast alles unterschreiben. Das Problem ist nicht, dass es weiterer Aufarbeitung des Falles und der Klärung weiterer Fragen bedarf. Die Arbeit von Teresa Nentwig ist in Form und Inhalt als vorbildlich zu bezeichnen. Das Problem ist die Bewertung der Befunde. Darum drückt sich der Ministerpräsident und will sich hinter der Wissenschaftlichen Kommission des Landes verstecken. Hier erwarte ich von einem Ministerpräsidenten eine eigene Meinung. Weil hat Adorno zitiert: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“. Die Lebensleistung von Kopf muss anders bewertet werden, weil sein Leben nicht erst 1945 begonnen hat. Es erweist sich wieder, dass der Begriff von der Stunde Null ein Mythos ist. Es hat viele Kopfs gegeben, die gemeint haben, man könne ganz neu anfangen und die eigene Vergangenheit einfach leugnen, womöglich sogar verdrängen.

Also ist Kopf einer von vielen?

Kopf ist nicht bloß Mitläufer gewesen, auch kein indoktrinierter Hitlerjunge, der noch am Ende zum Volkssturm oder in die Waffen-SS abkommandiert wurde. Er war 1932 immerhin Landrat und damit in einer verantwortlichen Stellung. „Selbstständiger Kaufmann und Landwirt“ zwischen 1933 und 1945 ist eine bewusste Verschleierung seiner tatsächlichen Existenz. Sein Geschäftsmodell, die Veräußerung jüdischen Vermögens, hat mehr als nur einen schlechten Geschmack, auch wenn die Betroffenen in ihrer Not ihm dankbar gewesen sein mögen und er sich geschäftlich korrekt verhalten hat. Er hat auf diese Weise viel tiefere Einblicke in das Schicksal der Juden nehmen können als viele einfache „Partei- und Volksgenossen“. Er kann sich nicht herausreden auf: „Das habe ich nicht gewusst.“ Ungeheuerlich wird es, wenn man liest, dass er sein Geschäftsmodell nach dem deutschen Einmarsch in Polen fortgesetzt habe, weil die „Kundschaft“ in Deutschland ausgestorben war. Selbst noch 1943 ist er nicht nur „Landwirt“, sondern im Nebenamt immer noch in diesem Geschäftsfeld tätig. Dass er das alles 1948 auf polnische Vorhaltungen hin abgestritten hat, macht das schlechte Gewissen deutlich. Kopf ist der typische Fall eines kompetenten Organisators, der seine Fähigkeit in jedem politischen System einzusetzen vermag und seine persönlichen Vorteile daraus zieht. Dass die englische Besatzungsmacht ihn gedeckt hat und auf den Organisator nicht verzichten wollte, lässt sich vor dem aufziehenden Ost-West-Konflikt erklären, als aus den früheren Feinden wieder gute Deutsche wurden.

Die Peiner Grünen fordern beispielsweise die Umbenennung der Richard-Langeheine-Straße oder der Hindenburg-Straße. Welche Konsequenzen ziehen Sie? Sollten die nach Hinrich Wilhelm Kopf benannte Schule und Straße in Peine umbenannt werden?

Eine Schule oder Straße umzubenennen, finde ich nicht dramatisch. Das hat es schon häufig in Deutschland gegeben. Ich habe in Düsseldorf ein Gymnasium besucht, das zuerst Realgymnasium an der Klosterstraße hieß, ab 1910 Hindenburgschule und nach 1945 Humboldt-Gymnasium. Man sollte die Peiner Schule nicht einfach umbenennen, sondern die Umbenennung auch begründen. In Vechelde gibt es das Julius-Spiegelberg-Gymnasium, benannt nach einem jüdischen Peiner Kaufmann, der sich in Vechelde mit zwei Betriebsgründungen - Jutespinnerei und Zuckerfabrik - als der große Innovator hervorgetan hat. Vielleicht gibt es jemanden, der zu den „Kunden“ des Kopfschen Geschäftsmodells gehörte, der es Wert ist, als Namenspatron zu dienen. An der TU Braunschweig haben wir erst vor kurzem durch Senatsbeschluss denjenigen, denen in der Nazi-Zeit die akademischen Titel aberkannt wurden, diese posthum wieder verliehen - zumindest eine späte Ehrenbezeugung.

Erwarten Sie weitere derartige Enthüllungen und wie soll man damit umgehen?

Es wird weitere Enthüllungen dieser Art geben, weil es noch viele unaufgeklärte Fälle gibt, bei denen Leute nach 1945 mehr oder weniger nahtlos da weitergemacht haben, wo sie vor 1945 aufgehört haben.

Müssen wir die Geschichtsbücher umschreiben?

Wir müssen die Geschichtsbücher nicht umschreiben. Im Prinzip ist klar, dass es in der Nachkriegszeit auf allen Ebenen Kontinuität gab. Auch der erste Bundespräsident Theodor Heuss hat 1933 als Reichstagsabgeordneter für das Ermächtigungsgesetz gestimmt. Dennoch war er später ein guter Demokrat. Was Not tut, ist, dass historische Bewusstsein gerade unter der Jugend zu stärken. Dass die neue Landesregierung die Landeszentrale für politische Bildung, die Niedersachsen als einziges Bundesland abgeschafft hatte, wieder einrichtet, ist ein kleiner Beitrag dazu. Es muss immer wieder deutlich gemacht werden, insofern ist der Fall Kopf ein prominentes Lehrstück, dass die Bundesrepublik keine vollständige Neuschöpfung war. Die Amerikaner und Briten haben zwar als Besatzungsmacht die Rahmenbedingungen radikal geändert, insofern war das Kriegsende eine Befreiung, aber sie konnten nicht ein neues Volk schaffen, auch wenn die Umorientierung im Kopf bei vielen buchstäblich über Nacht erfolgt ist, wenn die Hiltlerbilder, Parteiabzeichen, SA-Uniformen und Hakenkreuzfahnen noch kurz vor dem Einmarsch der Amerikaner verbrannt oder im Garten verbuddelt worden sind. Der Fall Kopf zeigt, insofern ist der Name symptomatisch, dass man sich an der Spitze der Gesellschaft nicht anders verhalten hat als der Mann auf der Straße.

Interview: Jan Tiemann

ZUR PERSON

Ulrich Menzel wurde 1947 in Düsseldorf geboren und wohnt jetzt in Vechelde. Er studierte von 1969 bis 1974 an den Universitäten Düsseldorf, Köln und Frankfurt Politikwissenschaft, Geschichte, Philosophie und Germanistik. Menzel promovierte 1978 an der Goethe-Universität Frankfurt und habilitierte sich 1982 im Fach Politikwissenschaft ebenfalls in Frankfurt. Seit 1978 lehrte und forschte er an den Universitäten Bremen, Tokio, Frankfurt, Duisburg und Braunschweig. 1993 nahm er den Ruf auf den Lehrstuhl für Internationale Beziehungen und Vergleichende Regierungslehre am Institut für Sozialwissenschaften der Technischen Universität Braunschweig an. Seine Spezialgebiete sind Theorie und Geschichte des Internationalen Systems, Entwicklungstheorie und Nord-Süd-Beziehungen, Internationale Politische Ökonomie, Friedens- und Konfliktforschung.

INFO

Hinrich Wilhelm Kopf

Hinrich Wilhelm Kopf wurde am am 6. Mai 1893 in Neuenkirchen (Landkreis Cuxhaven) geboren und starb am 21. Dezember 1961 in Göttingen. Er war ein deutscher Politiker (SPD). Kopf war von 1946 bis 1955 der erste Regierungschef in Niedersachsen. 1955 zog er sich vorübergehend aus der Politik zurück und nahm einen Posten als Aufsichtsratsmitglied beim Hüttenwerk Peine an.

Im Jahr 1957 kehrte er als Innenminister in die Landespolitik zurück, von 1959 bis zu seinem Tode amtierte er erneut als Ministerpräsident. Im Buch „Hinrich Wilhelm Kopf: Ein konservativer Sozialdemokrat“ von Teresa Nentwig wird ihm vorgeworfen, dass er zwar kein Mitglied der NSDAP war und den Nationalsozialisten nicht nahestand, aber stark in das NS-System verstrickt war. Ab 1933 hätten Kopf und ein Partner die Geschäfte und Häuser jüdischer Bürger verkauft und an der sogenannten Arisierung gut verdient. Nach dem Einmarsch der Deutschen in Polen soll er dann für die Haupttreuhandstelle Ost gearbeitet haben.

Dort konfiszierte er Nentwig zufolge den Besitz von jüdischen und polnischen Flüchtlingen für das Dritte Reich. Seine Rolle während der deutschen Besatzungszeit in Polen und seine Verantwortung für Verbrechen im Nationalsozialismus war lange unklar. Er selbst hatte diese stets abgestritten.

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