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Dr. Thomas Heuer: „Wir haben die Geduld für ein schönes Geburtserlebnis“

Peine Dr. Thomas Heuer: „Wir haben die Geduld für ein schönes Geburtserlebnis“

In Niedersachsen steigt die Zahl der Kaiserschnitte und hat sich in den vergangenen Jahren mehr als verdoppelt. Auch wenn die Eingriffe bei Geburten nicht immer medizinische notwendig sind, ist es schick und zuweilen für die Kliniken besser planbar, wenn sie ihre Patientinnen zum Kaiserschnitt überreden. Im Klinikum Peine gibt es einen gegenläufigen Trend. Dort geht die Zahl der Kaiserschnitte deutlich zurück. Fragen an Dr. Thomas Heuer, Leiter der Frauenklinik.

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Dr. Thomas Heuer

Quelle: im

Wie hoch ist die Kaiserschnittrate im Verlauf der Jahre und aktuell im Klinikum?

Bundesweit hat sich der Anteil von Kaiserschnitten seit 1991 auf rund 32 Prozent mehr als verdoppelt. Erst jüngst ist ein hauchdünner Rückgang zu verzeichnen. In Niedersachsen gibt es Regionen mit einer Kaiserschnittrate von 43 Prozent. 2012 gab es in Peine einen Kaiserschnittanteil von 30 Prozent. Wir konnten seit meiner Übernahme der Frauenklinik den Anteil der Kaiserschnitt-Geburten auf 21 Prozent senken.

Welche Probleme kann ein Kaiserschnitt mit sich bringen?

Es ist seit Jahren bekannt, dass sich bei Kindern, die per Kaiserschnitt geboren wurden eine Zunahme von vielen Erkrankungen zeigen. Akut treten vermehrt Anpassungsstörungen auf, längerfristig ist der Anteil an Asthma oder Diabetes erhöht. Auch Entwicklungsstörungen werden gefunden. Es finden sich weniger Folgeschwangerschaften und wenn, dann treten sie später ein. Zusätzlich entwickeln sich vermehrt Probleme mit dem Mutterkuchen, der Plazenta. Diese löst sich nach der Geburt nicht rechtzeitig oder wächst in die Gebärmutter ein. Es folgt dann die operative Lösung oder eine notfallmäßige Gebärmutterentfernung. Beide Situationen sind für die Mutter akut - durch sehr starke Blutungen - lebensbedrohlich. Die Muttersterblichkeit ist um den Faktor 1,7 erhöht. Der Verlust des Geburtserlebnisses durch eine passive Geburt, auch ohne den Partner, das vermeintliche Unvermögen ein Kind zu gebären, sei nicht unerwähnt. Es gibt immer eine Trennung von Mutter und Kind, diese kann kurz sein, ist jedoch für eine Mutter-Kind-Beziehung nicht unproblematisch. Es kann zu verstärkten Narben kommen, die lebenslange Schmerzen auslösen.

Spielt die Angst vor Prozessen eine Rolle, um einen Kaiserschnitt durchzuführen?

Jede Geburt birgt Risiken. Geburtshelfer stehen immer mit einem Bein im Gefängnis. Ein routiniertes Handeln mit einer sauberen Dokumentation und erfahrene ehrliche Gutachter ermöglichen jedoch für alle Beteiligten eine sehr schöne Geburt. Angst, auch vor juristischen Auseinandersetzungen, ist kein guter Partner im Kreißsaal. Hilfreich ist die Weiterentwicklung von wissenschaftlich gesicherten Leitlinien.

Spielt die ärztliche Besetzung bei der Entscheidung für oder gegen einen Kaiserschnitt eine Rolle?

Eine Geburt ist nicht planbar. Der Mitarbeitereinsatz somit auch nicht. Ein geplanter Kaiserschnitt kann den Prozessablauf in einer Klinik vereinfachen. Zu einer Geburt gehören viel Zeit und Empathie aller Beteiligten. Meines Erachtens ist es unmenschlich, eine natürliche Geburt durch einen nicht notwendigen Kaiserschnitt zu beenden. Wir in Peine verfügen über ausreichend Mitarbeiter und auch über die notwendige Geduld für ein schönes Geburtserlebnis.

Wie verhält es sich mit dem „Wunsch-Kaiserschnitt“ im Klinikum Peine?

Der wirkliche Wunsch-Kaiserschnitt ist sehr selten. Meistens ergibt sich durch ein ruhiges Gespräch auch der wahre Grund für den Wunsch-Kaiserschnitt. Häufig wird Angst vor Schmerzen oder „ich schaffe eine natürliche Geburt nicht“ angegeben. Hier kann durch ein ausführliches Beratungsgespräch erreicht werden, Lösungen zu entwickeln und letztlich eine natürliche Geburt zu ermöglichen. Es muss auch über die Folgen eines Kaiserschnittes für die Zukunft beraten werden. Den Kaiserschnitt ohne eine medizinische Begründung lehne ich ab.

Die Fachgesellschaften fordern mehr Spezialkliniken mit Erfahrung von Spontangeburten von Zwillingen und Beckenendlagen.

Gibt es damit Erfahrungen im Klinikum Peine?

Die Forderung nach Spezialkliniken für vaginale Entbindungen von Zwillingen oder aus Beckenendlage halte ich für falsch. Jeder Gynäkologe und jede Hebamme müssen nach der Ausbildung in der Lage sein, diese besonderen Geburten zu betreuen. Anstelle von Spezialkliniken sollte jede Entbindungsklinik ihr Team schulen. In Peine ist eine vaginale Geburt aus Beckenendlage möglich. Zwillingsgeburten werden aufgrund eines anderen Risikoprofils häufig weit vor Termin geboren und in Perinatalzentren entbunden. Nach Erreichen der 36. Schwangerschaftswoche können wir hier jedoch auch vaginale Geburten ermöglichen.

Interview: Thorsten Pifan

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