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Demenz aus der Sicht eines Betroffenen

"Vater" in den Peiner Festsälen Demenz aus der Sicht eines Betroffenen

Dass die angeblichen Segnungen des Alters sich bei vielen Betroffenen nach und nach als Flüche entpuppen, ist nicht nur am Bauboom von Pflegeeinrichtungen, am hoffnungslos überlasteten Pflegepersonal und geradezu vor Kummer durchdrehenden Angehörigen zu erkennen.

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„Halten Sie mich für bekloppt?“: André (Ernst-Wilhelm Lenik) kämpft gegen das Vergessen.

Peine. Die sich oft in grenzenlose und unbestimmbare Schrecknisse und unfassbare Angst ausweitenden Gefühlslagen der von geistiger Finsternis betroffenen alten Menschen können sich zuweilen auch Angehörige nur schwer vorstellen. Wie auch?

Eine sehr bemerkenswerte Hilfestellung liefert dazu der Dramatiker Florian Zeller. Sein als Tragikomödie bezeichnetes Stück „Vater“ ließ das Publikum in den Festsälen zunächst fast unmerklich von der „Draufsicht“-Perspektive in die des verhaltenseigenartigen André (Ernst-Wilhelm Lenik) gleiten - komplette Verwirrung inklusive.

Also wie denn jetzt? Zieht Tochter Anne (Irene Christ) wirklich von Paris nach London oder ist sie seit fünf Jahren geschieden und hat längst einen anderen Mann? Gibt’s nun tatsächlich Huhn zum Abendessen oder nicht? Und wo wohnt André denn nun eigentlich - noch daheim? Schon bei der Tochter? Oder dort, was man begrifflich lange nicht nennen mag: im Heim?

Zu Beginn mag mancher Streit als tragische Farce ankommen: wenn der gar nicht alt wirkende Papa ständig seine Armbanduhr sucht - eine Metapher für seine verrinnende Lebenszeit.

Die zwischen Zuneigung und Aufbrausen schwankende Anne, die sich trotz Demütigungen ihrem Papa widmet, obwohl der ihr ihre Schwester Elise vorzieht, deren frühen Unfalltod er verdrängt. Die seelischen Nöte betroffener Angehöriger lässt Anne schlaglichtartig ebenso brutal wie erschütternd sanft und leise aufs Publikum schweben, als sie einen nächtlichen Traum gesteht, in dem sie ihren Vater erstickt hat: „Er war tot, aber ich hatte den Eindruck, dass er danke zu mir sagt.“

Die Finesse ist, dass das Publikum mit Andrés Augen sieht: ineinander verzopfte Szenen durch minimal veränderte Bühnenansichten und immer wieder wechselnde Personen, die als echte oder gedachte Bezugspersonen für qualvolle Dauerumdrehungen im gemarterten Gehirn sorgen. Lenik gibt indessen den einsamen Helden, der nicht daran denkt, aufzugeben, ob wohl er „Löcher im Gehirn“ spürt, die man „mit dem bloßen Auge nicht sehen“ kann und er sich immer wieder fragt: „Bin das ich?“.

Überhaupt: Lenik! Er beherrscht die mimische Kunst, innerhalb von anderthalb Stunden vor den Augen des Publikums zu verfallen, hin und her gerissen vom Chaos, das winzige Eiweißablagerungen in seinem Gehirn angerichtet haben und ihn scheibchenweise sterben lassen - Widerstand zwecklos.

Vor Angst und Unsicherheit („Warum steht denn ein Bett in meinem Wohnzimmer?!“) zieht er sich mehr und mehr in die vermeintliche geistige Sicherheit der Kindheit zurück, lässt sich von seiner fassungslosen Tochter in den Schlaf singen („Papa war doch immer eine Autorität!“) und ruft schließlich im Heim weinend nach seiner Mama. Das alles kommt so verdichtet, so herzzerreißend kalt und heiß gleichzeitig ins Parkett, sodass zuweilen - je nach eigener höchstpersönlicher Erfahrung - nur die Spannung den Fluchttrieb besiegt, was sich zum Schluss in stürmischem Beifall entlädt.

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