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Am Meer -­ Tausend Tränen tief

PAZ-Redakteur Michael Schröder gestorben Am Meer -­ Tausend Tränen tief

Als würde er gleich wieder zur Tür hereinkommen. Seine Lesebrille liegt neben der Tastatur, eine offene Papiertüte mit zwei belegten Brötchen neben seiner Duden-Sammlung, ganz rechts Band 9: Richtiges und gutes Deutsch. Notizblöcke. Ein halb geleertes Glas Cola light. Alles Dinge, die “de" zum Arbeiten brauchte. Warum hätte er seinen Schreibtisch auch aufräumen sollen, als er losmusste. Es war doch noch lange nicht Redaktionsschluss.

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Michael Schröder.

Peine. PAZ-Redakteur Michael Schröder, kurz “de", liebte seinen Beruf, genauso wie er das Meer liebte. Vielleicht wäre aus ihm auch ein guter Seemann geworden, ein hervorragender Journalist war er auf jeden Fall. Einer, der gut zuhören und beobachten konnte, sagt Franz Westing, sein früherer Chefredakteur, der ihn eingestellt hat. Besonders gut schreiben konnte er, Porträts und Reportagen.Diese Texte waren wie er: ehrlich und einfühlsam.

Egal, ob er das Leben am Kanal beschrieb, über strittige Themen wie den Bau einer Hähnchenmast-Anlage in “seiner³ Gemeinde Hohenhameln berichtete oder seine Leser als Polizei- und Gerichtsreporter über Mord und Totschlag, Verkehrsunfälle und Brände informierte: Der Berkumer recherchierte gründlich und formulierte präzise.

Er war sich seiner Verantwortung als Journalist bewusst: Schlagzeilen müssen wohl überlegt sein, weil sie schwer verletzen können. Schröder, ein Mann mit hellen blauen Augen und hintergründigem Humor, hatte ein Gefühl für die richtigen Worte. Er wusste auch, was man nicht in die Zeitung schreiben sollte.

Für seine Serie “Arbeiten am Airport³ gewann “de" 2004 den Ludwig-Bölkow-Journalistenpreis, verliehen von dem europäischen Luft- und Raumfahrtkonzern EADS und der Deutschen Journalistenschule in München. In 15 Teilen beschrieb er Menschen aus dem Kreis Peine, die im und für den Flughafen in Hannover arbeiten. Die Jury beeindruckte auch seine Ausdauer. “Nachhaltigkeit und Dranbleiben. Eine selten gewordene Tugend im Journalismus.³ Er war ein Vorbild.

“de" wuchs in Peine auf, nach dem Abitur ging er zur Bundesmarine, anschließend studierte er in Münster Germanistik, Geschichte und Politikwissenschaften. Zugleich schrieb er als freier Mitarbeiter erste Artikel für die PAZ. Nach einjährigem Volontariat stieg er dort vor 22 Jahren als Redakteur ein.

Peine ist “seine Stadt", sagt seine Frau Ingeborg Obi-Preuß. Er reiste viel mit ihr, meistens ans Meer, aber in eine andere Zeitungsredaktion hat es ihn nie gezogen. Er blieb wohl auch deshalb in Peine, weil er sich nach dem tödlichen Motorradunfall seines älteren Bruders an seinem 18. Geburtstag verpflichtet fühlte, für seine Eltern da zu sein.

Manchmal, während er eine rauchte oder Lakritze aß, unterhielten wir uns über die Seefahrt und das Leben. Über Seekrankheit schlimm wie Liebeskummer, die Sterne über dem Atlantik, die Einsamkeit dort draußen, den Geruch des Wassers, die Weite. Er erzählte nie viel von sich, aber man wusste von ihm, dass er auf schwerer See ein fester Halt sein kann.

Mit seiner Frau holte er 1998 deren Tochter aus erster Ehe zurück nach Peine. Die damals 18-jährige Ifeoma war am 11. Mai 1981 als 15 Monate altes Mädchen von ihrem Vater, einem nigerianischen Krankenhausarzt, in dessen Heimatland verschleppt worden. 17 Jahre voller Verzweiflung dauerte es, beschrieb Schröder es selbst, bis die Mutter ihr “Baby" auf wundersame Weise wieder fand.

Früher, als er noch für die Peiner Pop-Palette verantwortlich war, stand ein gerahmtes Foto von Helge Schneider auf seinem Schreibtisch. Heute steht dort, links neben der Duden-Sammlung, eins von Niko, Ifeomas siebenjährigem Sohn. Gerade erst hat er eine Flugreise für alle gebucht. Im Juni wollten sie nach New York.

Am Freitag ist Michael Schröder auf dem Weg zu einem beruflichen Termin gestorben.
Er steigt aus dem Auto, klappt den Kragen seiner Jacke hoch, so wie er es immer tut, geht los und bricht wenige Schritte später zusammen. Der Arzt vermutet eine Lungenembolie. “de" wird nur 51 Jahre alt.

Ein hellblauer Stern fällt ins Wasser. Und versinkt im Meer.

Mathias Begalke

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