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Ärger über "unwürdiges" Begräbnis: Peiner Ordnungsamt buchte Discount-Bestatter

Peine Ärger über "unwürdiges" Begräbnis: Peiner Ordnungsamt buchte Discount-Bestatter

Peine. Sieben Jahre betreute sie den demenzkranken Mann, sieben Jahre war sie seine einzige Vertraute. Doch nach seinem Tod hatte Betreuerin Eva Müller keine Rechte mehr - nicht einmal, um ihn würdig zu bestatten. Es war sein letzter Wunsch, der grausam ignoriert wurde.

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Sind fassungslos (v.l.): Heike Bresler, Bärbel Plünnecke und Doris Lehrmann (alle Giere Bestattungen) mit Betreuerin Eva Müller (2.v.r.). Lehrmann zeigt eine würdevolle Überurne mit Fäden.

Quelle: ju

„Sie machen das schon“, hat der stark pflegebedürftige Mann immer wieder zu Müller gesagt. „Ich habe nur einen Wunsch: Nach meinem Tod möchte ich in Peine bleiben und nicht mehr hin und her gefahren werden.“

Mehrere Tausend Euro hatte der Rentner gespart, sein ganzes Leben finanzierte er sicht selbst - bis zum Schluss. „Doch leider hat er nie etwas schriftlich festgehalten“, bedauert die ehrenamtliche Betreuerin Eva Müller heute. „Ich durfte ihm seinen letzten Wunsch nicht erfüllen. Mir waren die Hände gebunden, denn die Betreuung endet gesetzlich mit dem Tod.“

Das Peiner Ordnungsamt hat alles weitere übernommen, da der Verstorbene keine Angehörigen hinterlassen hat. „Ich hatte den Verstorbenen bereits zu seinem Wunsch-Bestatter überführen lassen und dort alles abgesprochen, es sollte ein schlichtes, aber würdevolles Begräbnis werden“, schildert Müller. „Das Amt hat dort auch einen Kostenvoranschlag angefordert, doch das wurde dann einfach ignoriert.“ Stattdessen habe es einen billigen „Discount-Bestatter“ aus dem Internet beauftragt, den Mann einzuäschern. Ein Subunternehmer aus Wilhelmshaven überführte den Verstorbenen nach Ostdeutschland, wo er in Stendal eingeäschert wurde und bis zur Rücküberführung nach Peine sechs Wochen, bis zur Begleichung der Rechnung durch das Amt, aufbewahrt wurde - genau das, was der Mann nie wollte.

„Als sie ihn abgeholt haben, hatte ich Tränen in den Augen“, schildert Heike Bresler, Angestellte bei Giere Bestattungen in Peine, wo der Verstorbene nach seinem Tod eigentlich betreut werden wollte. „Die Mitarbeiter waren sehr ungepflegt und einem Bestattungsunternehmen nicht angemessen gekleidet. Der Mann wurde in einen einfachen nach Pressholz aussehenden Sarg gelegt. Dann fuhren sie in einem Lieferwagen davon. Es war so unwürdig und tat mir leid. Ich habe mich geschämt, dass solche Menschen den Verstorbenen anfassen durften.“

Zurück in Peine fehlte dann bei der Urnenbeisetzung eine Überurne. Die schlichte Aschekapsel sollte in den Boden eingelassen werden. Müller selbst hatte noch kurzfristig Pastor Dr. Sebastian Thier dazu geholt. Die Kapsel wurde schließlich mit einem notdürftig angebrachten Band in das Erdreich gelassen. „Sie wollten sie sonst einfach nur hineinplumsen lassen“, schildert Müller. Der Pastor habe nur mit dem Kopf geschüttelt.

„Ich bin so enttäuscht, dass man mit einem Menschen so umgeht“, meint Müller, die in solchen Fällen früher immer unbürokratisch mit dem Peiner Ordnungsamt zusammengearbeitet habe. Das Wunsch-Begräbnis des Verstorbenen wäre nicht viel teurer geworden und hätte lediglich einen Bruchteil seines Ersparten gekostet, meint sie . „Ich hätte da mehr Menschlichkeit erwartet.“

Reaktion der Stadt Peine:

„Das Ordnungsamt wusste nichts von den Wünschen des Verstorbenen“

„Die Betreuerin hatte sich vor Auftragserteilung unsererseits schriftlich an das Ordnungsamt gewendet. In Ihrem Schreiben bezog sie sich auf den Wunsch des Verstorbenen, anonym in einer Urne auf dem Gunzelinfriedhof bestattet zu werden“, sagt Stadt-Sprecherin Karin Richter. „Weitere Wünsche des Verstorbenen oder seiner Betreuerin wurden nicht an das Ordnungsamt herangetragen.“ Insbesondere sei zu keinem Zeitpunkt die Rede davon gewesen, dass die Peiner Bestattungsfirma „Giere Bestattungen“ der gewünschte Bestatter des Verstorbenen gewesen sei. „Auch ein Wunsch des Verstorbenen, in Peine eingeäschert zu werden, wurde dem Ordnungsamt nicht mitgeteilt. Dies wäre auch nicht möglich gewesen, da es in Peine gar kein Krematorium gibt“, so Richter.

Nach dem Niedersächsischen Bestattungsgesetz sei die Stadt verpflichtet, Bestattungen zu veranlassen, wenn sonst kein (vorrangig) Bestattungspflichtiger für die Bestattung sorgt. „Oberstes Gebot ist dabei die Achtung der Würde des Verstorbenen“, betont die Stadt-Sprecherin. „Wirtschaftliche Aspekte dürfen dabei jedoch nicht vollständig ausgeblendet werden.“ Das Ordnungsamt habe daher bei einer Vielzahl von Bestattern die Kosten abgefragt. „Der Zuschlag war dem wirtschaftlichsten Angebot zu erteilen“, sagt Richter. „Dies belief sich auf 715 Euro. Für die Feuerbestattung wurde dabei ein Kiefervollholzsarg angeboten und vereinbart.“ Giere Bestattungen hätte für nahezu identische Leistungen 1854,10 Euro veranschlagt. „Teure Extras darf das Ordnungsamt nicht in Auftrag geben“, fügt Richter hinzu. „Die Rechtsprechung sieht insbesondere Blumenschmuck, das Anmieten einer Trauerhalle und ähnliches als nicht erforderlich an.“

Hintergrund:

Tod: Die richtige Vorsorge treffen

Der tragische Fall aus Peine zeigt, dass man sich schon frühzeitig mit dem Thema Bestattung befassen und wichtige Vorkehrungen treffen sollte. „Viele – gerade auch ältere – Menschen meiden das Thema häufig“, sagt Bärbel Plünnecke, Inhaberin des Bestattungsunternehmen Giere in Peine. „Das ist falsch.“ Sie weiß, worauf es bei der Vorsorge ankommt:

Wie erkenne ich seriöre Bestattungsunternehmen?

„Lockangebote aus dem internet haben häufig versteckte Kosten. Krematorium, Ausstellung des Totenscheins, Sterbeurkunden, über Fremdkosten aufklären – all das gehört zu gutem Service, sind bei Discount-Angeboten aber nicht inklusive. Gute Bestatter kümmern sich um alle Formalitäten und gehen mit dem Verstorbenen würdevoll um. Zudem gibt es vorab eine komplette Kostenaufstellung.

Was kann ich tun, um mich abzusichern?

„Am besten ist, wenn man alles in einem Bestattungsvorsorgevertrag festhält. Darin legt man unwiderruflich die Totenfürsorge fest. Selbst Angehörige könnten daran nichts ändern. Einen kostenlosen Vordruck gibt es bei den Bestattungsunternehmen. Diese setzen sich auch gern mit dem Betroffenen zusammen und erstellen einen vorläufigen Kostenplan. Geld kann etwa bei der Deutschen Bestattungsfürsorge Treuhand angelegt werden. Dort ist es sicher und es gibt Zinsen.“

Genügt es, jemanden eine Vollmacht auszustellen?

„Es müsste eine Vollmacht sein, die auch über den Tod des Betroffenen hinaus gilt. Sie sollte unter Zeugen ausgestellt werden, am besten in Anwesenheit eines Notars.“

ju

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