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210 Gäste beim Neujahrsempfang der Stadt

Peine 210 Gäste beim Neujahrsempfang der Stadt

Peine. Die Stadt Peine begrüßte gestern Abend 210 Gäste zu ihrem Neujahrsempfang im Rathaus. Traditionell wurden dabei einige Peiner geehrt, die sich in besonderer Weise in der Fuhsestadt verdient gemacht haben. Bürgermeister Michael Kessler widmete seine Rede wie bereits im Vorjahr dem Thema Flüchtlinge.

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Zahlreiche Gäste waren gestern zum Empfang ins Peiner Rathaus gekommen.

Quelle: Isabell Massel

„Ungeachtet der Irrungen und Wirrungen in der Bundespolitik ist das ehrenamtliche Engagement, das viele Bürger einfach so an den Tag gelegt haben, beeindruckend. Einfach so, in dem Bewusstsein, dass Hilfe nötig ist, wurden Kleider gespendet, Zeit zur Verfügung gestellt, ein Verein wurde gegründet, in dem sich Familien für Flüchtlingsfamilien engagieren, die örtlichen Serviceclubs haben Geld gespendet und vieles mehr“, betonte Kessler. Ohne diesen Einsatz sei der Flüchtlingsstrom nicht zu bewältigen gewesen. „Auf eine Stadt mit solchen Bürgern bin ich als Bürgermeister stolz“, danke er den Peinern.

Die Zahl der aufzunehmenden Menschen sei für die Stadt Peine ein ganz wichtiger Punkt. Denn: „Wir sind das letzte Glied in der Kette und uns stellt man die Flüchtlinge einfach vor die Tür. Wir müssen für die Unterbringung sorgen und für die Integration. Letzteres ist ein Riesenthema“, sagte Kessler. Entscheidendes Manko derzeit sei, dass man nichts über die Flüchtlinge wisse. Es gebe keine Daten über ihre Bildung, ihre Vergangenheit, ihre Wünsche oder darüber, ob sie wieder zurück wollen, sollte es Frieden geben.

Neujahrsempfang der Stadt Peine.

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„Ich persönlich glaube nicht an eine flächendeckende Ruckzuck-Integration der Flüchtlinge, sondern denke, dass es bei vielen, wahrscheinlich sogar bei der Mehrheit, sehr lange dauern wird“, sagte Kessler. Integration müsse mit der unmissverständlichen Ansage laufen: „Fördern und Fordern“. Integration setze Anpassungsbereitschaft voraus. Flüchtlinge sollten möglichst schnell unsere Sprache lernen, sonst funktioniere der nächste Integrationsschritt nicht.

Kessler: „Ich habe keine Angst vor dem Verlust der deutschen Identität. Eigenschaften wie Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, Präzision oder auch unsere Qualitätsprodukte werden sich schon durchsetzen – einfach weil sie gut und in aller Welt anerkannt sind.“ 

Zum Ende stellte er klar: „Wir wollen den bei uns gestrandeten Flüchtlingen helfen. Wir müssen der Bevölkerung aber reinen Wein einschenken. Das alles kostet Zeit und sehr viel Geld. Der Bund muss jetzt zusätzlich Milliarden in die Hand nehmen, denn wir sollen nicht nur Unterkünfte schaffen, Betreuung finanzieren, sondern auch Kitas bauen und neuen Wohnraum – das ist eine gigantische Herausforderung und das können die Kommunen nicht bezahlen.“ Ungeachtet dessen müsse sich der Flüchtlingsstrom deutlich verringern.

Kessler erinnerte in seiner Rede an den im vergangenen Jahr verstorbenen Ehrenbürger Dr. Willy Boß. „Er hat viel für die Stadt Peine getan und wir werden ihm immer zu Dank verpflichtet sein.“

Geehrt wurden

Marianne Pawelczyk (Bürgerpreis):

Mit dem Bürgerpreis der Stadt Peine wurde Marianne Pawelczyk ausgezeichnet, deren Engagement breit gefächert ist. 1971 fing sie im Volkswagenwerk Stöcken an, wurde Mitglied der IG Metall und wechselte 1974 zum Pelikanwerk nach Peine. Damit verbunden war auch ein Wechsel der Gewerkschaft, sodass sie Mitglied der IG Bergbau, Chemie, Energie wurde. Zehn Jahre später wählte man sie zur gewerkschaftlichen Vertrauensfrau, 1998 dann in den Betriebsrat des Peiner Werke und verabschiedene sie 2012 – nach 38 Jahren Betriebszugehörigkeit - in den wohlverdienten Ruhestand.

Seit den 80er Jahren war Marianne Pawelczyk in unterschiedlichen Funktionen für ihre Gewerkschaft tätig und fungierte beispielsweise als Kassiererin in der IG Bergbau, Chemie, Energie Ortsgruppe Peine, deren Gründungsmitglied sie ist.

Ihr ist es wichtig „das Ohr am Herzen der Mitglieder zu haben“ wie Bürgermeister Kessler betonte, „denn Pawelczyk versteht sich als Bindeglied zwischen der Gewerkschaft und den Mitgliedern vor Ort.“

Neben dieser Tätigkeit ist die Geehrte in der gewerkschaftlichen Frauenarbeit aktiv und seit 2006 Mitglied des DGB Kreisvorstandes Peine. Doch selbst diese Tätigkeiten reichten Pawelczyk nicht und so engagiert sie sich noch im Sozialverband der Ortsgruppe Vöhrum als stellvertretende Vorsitzende. Im Verband kümmert sie sich um die Umsetzung des Gedankens von gesellschaftlicher Solidarität und der Idee sozialer Gerechtigkeit.

Das dritte ehrenamtliche Betätigungsfeld fand Pawelczyk im Heimat- und Kulturverein Vöhrum Eixe-Landwehr e.V., in dem sie sich mit der Geschichte Ihres Heimatortes und dessen Entwicklung beschäftigt und so zur Pflege des dörflichen Miteinander beiträgt.

Hartmut Meyer (Bürgerpreis):

Den zweiten zu vergebenden Bürgerpreis der Stadt Peine bekam Hartmut Meyer. Der langjährige Vorsitzende des Industrie+Wirtschafts-Verein für Peine und Umgebung e.V. unterstützte, nachdem er Geschäftsführer der DBE wurde, den damals amtieren Vorstand bei seiner Arbeit. 2001 wurde er bei der Mitgliederversammlung zum stellvertretenden Vorsitzenden und zwei Jahre später zum ersten Vorsitzenden gewählt. 2005 erfolgte seine Wiederwahl. Zwischen 2008 und 2011 übernahm Meyer andere Vorstandsposten – da die Vereinssatzung eine weitere Wiederwahl ohne Unterbrechung nicht zulässt – bis er 2011 von den Mitgliedern erneut zum Vorsitzenden gewählt werden konnte. Damit war Meyer zwölf Jahre ohne Unterbrechung im Vorstand aktiv tätig und hielt sechs Jahre lang die Fäden als Vorstandsvorsitzender in der Hand. In dieser Zeit schaffte er es, namhafte Referenten für Vortragsveranstaltungen zu gewinnen und konnte zahlreiche Wirtschaftsbetriebe als Neumitglieder aufnehmen.

Während seiner Amtszeit wuchs die Idee zu „Peiner Firmen stellen sich vor“. Seitdem gab es 18 Veranstaltungen dieser Art, bei denen 50 bis 100 Personen zu Gast bei der sich jeweils vorstellenden Firma waren. Neben der Wirtschaftsförderung ist es aber auch die Förderung der Jugend, die dem Preisträger am Herzen liegt. In Kooperation mit der BBS schlug Meyer vor, die drei besten Schüler des jeweiligen Jahrgangs auszuzeichnen und finanziell zu unterstützen, sofern sie ein technisches Studium beginnen. Eine Idee, die durchweg positiv aufgenommen wurde.

Bis heute ist festzustellen, dass Meyer die Arbeit des Industrievereins auch über seine aktive Berufszeit hinaus am Herzen liegt. Er nimmt weiterhin an den Veranstaltungen des Vereins teil und steht nach wie vor beratend zur Seite.

Dr. Ulrika Evers (Bodenstedtpreis):

Mit dem Bodenstedt-Preis der Stadt Peine wurde Dr. Ulrika Evers ausgezeichnet. Seit 27 Jahren, und damit quasi von Anfang an, leitet sie das Kreismuseum Peine, und das mit „überdurchschnittlichem Engagement, so dass das Museum ein Niveau erreicht hat, dass in einer Stadt unserer Größe nicht selbstverständlich ist“, betonte Bürgermeister Kessler.

Evers widmet sich der gesamten Bandbreite, die ein Museum zu bieten hat. Unschwer auch an der Vielseitigkeit der Themen zu erkennen, mit denen sich das Museum beschäftigt. Die Ausstellungen reichen von reiner Kunst über Historisches bis hin zu gesellschaftspolitischen Fragestellungen. Evers sorgt dafür, dass das Peiner Museum ein lebendiger Ort des Austausches ist und vor allem bleibt. Ihr ist es zu verdanken, dass das Museum sich zu einem Diskussionsforum für kontroverse Denkansätze etabliert hat, was die zahlreichen Sonderausstellungen, Konzerte, Vorträge und Lesungen – die immer wieder sehr gut besucht sind – unter Beweis stellen.

Im Kreismuseum hat Dr. Ulrika Evers auf drei Etagen mit 1000 Quadratmetern ein Fenster mit Blick auf die Peiner und ihre Geschichte geschaffen. Industriegeschichte, Handel, Handwerk und bürgerliches Wohnen des 19. Jahrhunderts werden hier lebendig – Geschichte zum Anfassen, was gerade Schulklassen immer wieder begeistert. So wie der Unterricht von 100 Jahren mit Lehrerfräulein Künnemann, der Schüler von heute regelmäßig in Staunen versetzt, welche Zucht und Ordnung damals im Unterricht noch herrschte.

Doch Evers bringt nicht nur Vergangenes neu hervor. In den letzten Jahren schaffte sie es, dass das Museum sich zu einem etablierten Kunstzentrum der Stadt entwickelt hat. „Um ein solches Niveau und einen solchen Stellenwert zu erreichen, bedarf es einer engagierten Museumsleitung“, verdeutlichte Bürgermeister Kessler bei der Preisvergabe.

Hadi Bacaksiz (Integrationspreis):

Der Integrationspreis der Stadt Peine ging an Hadi Bacaksiz, der seit seiner Kindheit in Peine lebt und schon in jungen Jahren eine Brückenfunktion zwischen der traditionellen türkischen und der deutschen Kultur ausübt. Sport spielte dabei immer eine Rolle. Besonders der Boxsport. In den Jahren 1979 bis 1982 wurde Bacaksiz drei mal Niedersachsenmeister.

Es folgte die Leidenschaft für den Fußball. Als 1986 der Verein vom SV Bosporus Peine gegründet wurde – der sich als Ziel gesetzt hat, Brücken zwischen verschiedenen Kulturen zu bauen – wirkte der Preisträger entscheidend mit. Sein Ziel: „Dafür sorgen, dass nicht nur türkischstämmige Fußballer hier Platz finden, sondern auch Fußballer anderer Nationen, die alle respektvoll und tolerant miteinander umgehen“, erläuterte Kessler bei seiner Laudatio. Neben seiner Tätigkeit als Fußballer und Trainer zog es Bacaksiz auch als Schiedsrichter auf den grünen Rasen. Drei Mal in Folge wurde er zum besten Schiedsrichter des Kreisverbands Peine ernannt, was nicht nur seinen Sachverstand, sondern auch seiner Beliebtheit innerhalb der Fußballwelt Ausdruck verleiht.

Im Laufe der Jahre konnte Bacaksiz gute Kontakte zu anderen Vereinen knüpfen und wird wiederholt von der Moscheegemeinde Ditib Peine e.V. eingeladen, um über Integration zu sprechen. Immer, wenn es irgendwo um dieses Thema geht, ist Hadi Bacaksiz zusammen mit seiner Frau Hatice anzutreffen. Dabei nimmt er kein Blatt vor den Mund. Er spricht über verbesserungswürdige Dinge in der Politik sowie über Fehlentwicklungen innerhalb der Migrantenfamilien. Darüberhinaus war er Betriebsratsmitglied bei der Peiner Umformtechnik für den Bereich Ausbildung, Qualifizierung und Bildung und war im aktives Mitglied im Migrantenausschuss tätigt. Er fungierte auch hier als Brückenbauer zwischen Mitarbeitern mit Migrationshintergrund und Unternehmen.

Und hier die vollständige Rede zum Neujahrsempfang von Bürgermeister Michael Kessler:

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,

verehrte Gäste,

„Nicht im Kopf, sondern im Herzen liegt der Anfang.“

Dieses Zitat von Maksim Gorkij habe ich beim Verfassen der Einladung zum diesjährigen Neujahrsempfang verwandt - mit Bedacht.

Mit Bedacht, weil man auch im letzten Jahr merken konnte, dass in Peine die Herzlichkeit zu Hause ist. Zum einen wurden im heißen August alle Gäste und Teilnehmer des Europaschützenfestes herzlich willkommen geheißen.

Zum anderen begrüßten die Peiner aber auch die zahlreichen Flüchtlinge und nahmen sie ebenso herzlich auf.

Ungeachtet der Irrungen und Wirrungen in der Bundespolitik war und ist das ehrenamtliche Engagement, das viele Bürgerinnen und Bürger einfach so an den Tag gelegt haben beeindruckend. Einfach so, in dem Bewusstsein, dass Hilfe nötig ist, wurden Kleider gespendet, Zeit zur Verfügung gestellt, ein Verein wurde gegründet, in dem sich Familien für Flüchtlingsfamilien engagieren, die örtlichen Serviceclubs haben Geld gespendet und vieles mehr.

Ohne diesen Einsatz der Bürgerinnen und Bürger wäre der Flüchtlingsstrom nicht zu bewältigen gewesen. Auf eine Stadt mit solchen Bürgerinnen und Bürgern bin ich als Bürgermeister stolz und danke an dieser Stelle allen Peinerinnen und Peinern für diese Unterstützung.

Meine Damen und Herren,

ich freue mich, dass Sie alle auch in diesem Jahr meiner Einladung zum Neujahrsempfang der Stadt Peine gefolgt sind. Ich halte es für einen guten Brauch, gleich zu Beginn eines neuen Jahres zusammenzukommen und sich darüber auszutauschen, welchen Weg wir in den kommenden Monaten beschreiten wollen.

Besonders herzlich willkommen heißen darf ich auch wieder eine Reihe von Ehrengästen, wobei Sie mir sicherlich nachsehen, wenn ich nur einige namentlich nenne.

Ich begrüße, die Ehrenringträgerin Anna Margret Janovicz.

Willkommen heiße ich auch den Ehrenringträger und Bürgermeister a.D. Ulrich Biel sowie die Ehrenringträger Prof. Dr. Günter Geisler, Hans-Peter Härke, Bernd Leunig und Heinz Möller.

Als Vertreter des Landkreises Peine heiße ich Herrn Landrat Franz Einhaus ganz herzlich willkommen und mit ihm auch die anwesenden Kreistagsabgeordneten.

Ich freue mich, dass auch Herr Andreas Michelmann der Oberbürgermeister der Stadt Aschersleben heute angereist ist und begrüße ihn recht herzlich.

Herzlich willkommen heißen möchte ich auch Herrn Christian Geiger als Vertreter für den Oberbürgermeister von Braunschweig Ulrich Markurth und meine anwesenden Bürgermeister-Kollegen aus dem Landkreis, Gerd Albrecht aus Wendeburg, Frank Bertram aus Edemissen, Lutz Erwig aus Hohenhameln, Hans-Hermann Baas aus Lengede und Ralf Werner aus Vechelde und Otto-Heinz Fründt aus Ilsede.

Ich begrüße Matthias Möhle als Mitglied des Nds. Landtages, alle anwesenden Ratsmitglieder und die zahlreichen Vertreter aus Wirtschaft, Handwerk und Kaufmannschaft.

Erstmalig begrüße ich aus der Wirtschaft Herrn Michael Meyer, den Geschäftsführer der Meyer & Meyer Holding. Ich danke, dass Sie den weiten Weg zu uns gemacht haben und sehe dies als Zeichen einer immer enger werdenden Zusammenarbeit.

Weit angereist ist auch Herr Kajo Paulweber von der Firma Noweda, den ich ebenfalls herzlich begrüßen möchte.

Von der Peiner Träger GmbH darf ich den Vorsitzenden der Geschäftsleitung Dr. Roger Schlim und den Technischen Geschäftsführer Stephan Lemgen begrüßen und von der Firma Faurecia Innenraumsysteme GmbH heiße ich Herrn Nick Miller herzlich willkommen.

Herzlich willkommen heiße ich auch die Vertreter der Kirchen und der Medien - sowie meinen Amtsvorgänger, Herrn Udo Willenbücher.

Erlauben Sie mir, an dieser Stelle an den im vergangenen Jahr verstorbenen Ehrenbürger Dr. Willy Boß zu erinnern. Er hat viel für die Stadt Peine getan und wir werden ihm immer zu Dank verpflichtet sein.

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

ich habe lange überlegt, ob ich das Thema „Flüchtlinge“ in meiner Neujahrsrede zum Mittelpunkt mache, obwohl wir alle überschüttet werden mit hunderten von Facetten zu diesem Thema.

Aber es ist nun einmal das zentrale Thema unserer Zeit und unserer Stadt, dem man sich bei einer Neujahrsrede stellen sollte.

Ich werde mich bemühen, diesem Thema Fakten abzuringen, die bislang nicht so sehr im Mittelpunkt standen.

Vor rund hundert Jahren–diesen kleinen historischen Exkurs halte ich wichtig–wurde der „Versailler Vertrag“ nach dem ersten Weltkrieg entwickelt. Die Delegierten unter der Führung von Woodrow Wilson, Clemenceau und Lloyd George hatten eine ungeheuer große Aufgabe vor sich, weit grösser als der Wiener Kongress nach der Niederringung Napoleons, denn jetzt ging es nicht nur um die Neuordnung Europas, sondern auch der Kolonialgebiete und des riesigen Osmanischen Reiches.

Ich greife davon nur einen Aspekt heraus.

Die Neuordnung des Nahen Ostens, weil diese für die heutigen Flüchtlingsbewegungen bedeutsam ist.

Bekanntlich war das Osmanische Reich an die Seite Deutschlands und Österreichs getreten und zählte somit zu den Verlierern des 1. Weltkrieges. Die jahrhundertelange Kraft dieses Riesenreiches war dahin und der zahnlose Tiger musste mit ansehen wie sein Territorium zerfleddert wurde, wozu auch der Nahe Osten zählte.

England und Frankreich hatten bereits 1916 im sog. Sykes-Picot-Abkommen erste Aufteilungsversuche unternommen und einigten sich am Rande der Konferenz nach etlichen politischen Pirouetten darauf, dass sie die Einflußspähren im Nahen Osten unter sich festlegen würden –das Interesse der anderen, insbesondere der USA, hielt sich ohnehin in Grenzen und Italien wurde nicht ernst genommen.

In einem monatelangen Geschacher zwischen den beiden Delegationen wurden dann mit unfassbarer Arroganz Grenzen quer durch den Nahen Osten z.T. mit dem Lineal neu gezogen ohne Rücksicht auf die Historie, ohne Rücksicht auf gewachsenen Strukturen, ohne Rücksicht auf Bevölkerung und deren eminent wichtigen religiösen Unterschiede.

England und Frankreich verstanden sich als imperiale Mächte, die nur ihren eigenen Interessen unterworfen waren.

In der Krönung dieser Politik kam es zur Schaffung des Staates „Irak“, den es niemals in der arabischen Geschichte gegeben hatte und dessen Gebilde die Provinzen Basra, Bagdad und Mossul umfasste.

Basra, traditionell nach Süden orientiert in Richtung Indien und Persischem Golf, Bagdad hingegen mehr in Richtung Persien und Mossul stärker angelehnt an die Türkei und Syrien.

Diese Provinzen hatten außer ihren Gegensätzen wenig miteinander gemein.

Man schob auf dem Reißbrett die Grenzen hin und her und fand am Ende auch noch einen König für den Irak, nämlich Feisal (die Älteren von uns kennen ihn aus dem Film „Lawrence von Arabien“, in dem er – verkörpert durch Alec Guinness - an der Seite von Peter O’Toole Akaba landseitig eroberte), der liebe Feisal war noch nicht versorgt……

Dass er wenige Monate vorher noch König von Syrien werden sollte, zeigt das willkürliche, sprunghafte Vorgehen der Alliierten.

Dass es schiitische und sunnitische Moslems gab, dass die Kurden sich als ein völlig eigenständiges Volk verstanden – nichts von dem war in den Köpfen der vermeintlichen Friedensmacher von Paris.

Das Aufkommen des arabischen Nationalismus wurde nicht wahrgenommen und kleine Aufstände nieder geschlagen.

Die arabische Welt hat diesen Betrug des Westens nie vergessen.

Warum erzähle ich das?

Die grenzenlose Überheblichkeit der Delegierten des Versailler Vertrages ist maßgebliche Ursache für die heutigen Konflikte. Nun könnte man sagen, dass Ursachenforschung keinen Sinn macht, dass Schuldzuweisungen nichts bringen – ich aber meine, dass man wissen muss wie sehr der imperial denkende Westen das Dilemma politisch verursacht hat und nicht einfach sagen kann, dass ihn das nichts angehe.

Dieses Denken ging ja später mit den USA weiter, die durch ihre Golfkriege in den Neunziger Jahren und Anfang diesen Jahrhunderts den Nahen Osten erst richtig destabilisiert haben und nach Ansicht aller Historiker die Verantwortung dafür tragen, dass dieser nun implodiert ist.

Und jetzt der Sprung in die Gegenwart mit einer ganz kurzen Zwischenlandung bei Goethe:

Wie heißt es so schön im Faust beim Osterspaziergang:

„Nichts Bessers weiß ich mir an Sonn- und Feiertagen

Als ein Gespräch von Krieg und Kriegsgeschrei,

wenn hinten, weit in der Türkei,

die Völker aufeinander schlagen.

Herr Nachbar, ja! so laß ichs auch geschehn,

Sie mögen sich die Köpfe spalten,

mag alles durcheinander gehen;

doch nur zuhause bleibt`s beim alten.

Nichts, meine Damen und Herren, bleibt beim Alten – vorbei sind die beschaulichen Zeiten, in denen man in der Tagesschau die Kämpfe beobachtete und dabei das zweite Bier aufmachte und insgeheim dachte: Gottseidank, damit habe ich nichts zu tun.

Viele Flüchtlinge haben sich – kriegsbedingt oder aufgrund von Perspektivlosigkeit - auf den Weg gemacht, vorsichtig darf in der Dimension einer Völkerwanderung gedacht werden, denn so schnell wird es kein Ende geben – selbst die Kanzlerin spricht ja nur von einer anzustrebenden Verringerung.

Es geht ja nicht nur darum, den Weg über die Ägäis zu kontrollieren (wenn es denn gelingt), sondern wir müssen doch die riesige nordafrikanische Küste sehen, die wir nicht absperren können.

Afrika ist ein politisches Pulverfass, das sich nicht schnell entschärfen lässt. Allein aus Eritrea flüchten aktuell – wie ich gerade lesen konnte-täglich 5000 Menschen und zwar in Richtung Europa.

Diese Fluchtbewegungen werden Deutschland und Europa massiv verändern–über Jahre.

Ungeachtet der geschilderten politischen Mitverantwortung gibt es natürlich die mitmenschliche oder auch christliche Verpflichtung, den Kriegsflüchtlingen zu helfen. Leider sind wir bislang nicht in der Lage, die Kriegsflüchtlinge von den anderen hier Gestrandeten zu trennen und die Versuche, einige wieder zurückzuführen, spielen prozentual keine Rolle.

Die Zahl von 18000 Rückführungen in 2015 wird als Erfolg gefeiert – wer rechnen kann, merkt schnell, dass dies nur 1,7 % aller Flüchtlinge sind, die im vergangenen Jahr zu uns kamen.

Bei aller Humanität: ein bekannter Rechtssatz lautet: „Ultra posse nemo obligatur“ – keiner ist über seine Fähigkeiten hinaus verpflichtet und in der Tat bestreitet niemand mehr, dass es Grenzen der Aufnahmefähigkeit gibt – wo immer die liegen mögen.

Das hat selbst Schweden, das am meisten Flüchtlinge pro Kopf aufgenommen hat, tränenreich konstatieren müssen.

Aber wie soll es gehen? Diese Antwort steht noch aus. Und wird auch von denen nicht gegeben, die schon konkrete Obergrenzen ausgerechnet haben.

Die aufzunehmende Menge ist für uns vor Ort extrem wichtig, denn wir sind das letzte Glied in der Kette und uns stellt man die Flüchtlinge einfach vor die Tür.

Wir müssen für die Unterbringung sorgen und für die Integration. Letzteres ein Riesenthema.

Bezüglich der Integration lautet meine Fragestellung:

„Wie schaffen wir was“

–um das doch sehr einfache „wir schaffen das“ zu konkretisieren.

Entscheidendes Manko derzeit ist, dass wir nichts über die Flüchtlinge wissen.

Es gibt keine Daten über ihre Vergangenheit, wir wissen nichts darüber, ob sie vielleicht wieder zurück wollen, sollte es zu einem Frieden kommen, wissen nichts über ihre Bildung und ihre möglichen Wünsche.

Deshalb entbehren die Kommentare, dass speziell unter den syrischen Flüchtlingen viele Gebildete sind, jeglicher Grundlage.

Mit anderen Worten: entscheidend für den potentiellen volkswirtschaftlichen Vorteil, den ich in einer alternden Gesellschaft durchaus sehe, wird die Frage, wie schnell und auf welches Niveau lassen sich die Flüchtlinge heben?

Ich persönlich glaube nicht an eine flächendeckende „Ruckzuck-Integration“ der Flüchtlinge, sondern denke, dass es bei vielen, wahrscheinlich sogar bei der Mehrheit, sehr lange dauern wird.

Natürlich wollen wir die Fehler, die wir bei der „Integration“ der türkisch stämmigen Mitbürger vor 50 Jahren gemacht haben, nicht wiederholen. Aber die wurden gerufen und hatten sofort einen Arbeitsplatz, weil sie eben deshalb gerufen wurden….das ist ein elementarer Unterschied. Die Fehler mit diesen Migranten kamen später.

Folgenden Fakten müssen wir uns vor Augen halten:

Es geht bei der jetzigen Integration um Flüchtlinge, die aus nicht funktionierenden Staaten kommen, um Flüchtlinge, die staatliche Autorität oft nur in Form von Brutalität kennen gelernt haben, um Flüchtlinge, von denen einige traumatisiert sind, um Flüchtlinge, die teilweise bildungsfern sind bis hin zu Analphabetismus.

Die Integration muss erfolgen in unsere doch recht entwickelte und komplexe Wirtschaft.

Unsere Kultur ist fortgeschritten und liberal. Für Flüchtlinge mit der ihnen ungewohnten Toleranz gegenüber Gleichberechtigung von Mann und Frau oder gegenüber der Homosexualität ein beachtlicher Paradigmenwechsel (wobei – Stichwort Kölner Vorfälle – wir uns sicher einig sind, dass kriminelle Ausländer nicht geduldet werden können – sie haben das Gastrecht verwirkt und müssen unser Land verlassen – sie leisten im Übrigen der breiten Masse der Flüchtlinge einen Bärendienst).

Wir wissen bislang nicht, wie viele Flüchtlinge überhaupt da sind – aus dem Erstaufnahmelager der Gebläsehalle hier in Peine z.B. sind oft über 50 % gleich wieder verschwunden, ohne registriert zu sein – wohin, weiß keiner. Die Motive mögen nachvollziehbar sein (man will zu Verwandten oder Bekannten), aber daraufhin wird alles völlig unübersichtlich. Die Zahlen des Innenministeriums nehme ich schon lange nicht mehr ernst, dazu wurden sie viel zu oft kurz darauf korrigiert.

Wenn das überall so ist, wofür einiges spricht, dann ist der Anteil der vagabundierenden Flüchtlinge höher als der der registrierten – diesen Zustand halte ich nicht für tragbar.

Den Flüchtlingen muss deutlich gemacht werden, dass sie alle Kraft in die Integration stecken müssen:

Wir beobachten z.B. (wovon ich mich selbst überzeugt habe), dass ein beachtlicher Teil der Flüchtlinge sich zu den Sprachkursen anmeldet, aber nicht regelmäßig oder gar selten erscheint.

Was immer die Motive sind – das akzeptiere ich nicht, denn Sprachkurse sind zwingend und kosten Geld.

Integration muss mit der unmissverständlichen Ansage laufen: “Fördern und Fordern“. Integration setzt Anpassungsbereitschaft voraus.

Damit ich nicht falsch verstanden werde: mein Integrationsziel ist es nicht, dass alle Flüchtlinge binnen kürzester Zeit die deutsche Nationalhymne mitsingen können, aber sie müssen möglichst schnell unsere Sprache lernen, sonst funktioniert der nächste Integrationsschritt nicht.

Wir sollten an dieser Stelle aber bitte nicht die rückwärts gerichtete alte „multi-kulti“- Diskussion wieder aufmachen. Das Thema ist gelaufen. Wir brauchen den Verlust unserer Kultur nicht zu befürchten.

Wir sind doch schon längst auf vielen Gebieten multi-kulturell geprägt, unsere Kinder sind global mit „work & travel“ von Südamerika bis Australien unterwegs, Lieschen Müller fliegt für 499.- € nach Dubai und und und.

Wir lieben syrische und marrokanische Lokale….

Mit dem Essen hat es doch seinerzeit angefangen über Pizza, Döner, Sushi bis hin zu mongolischen Töpfen und jetzt Krokodilfleisch selbst in Vöhrum. Aber das hatte doch nicht zur Folge, dass uns Schwarzbrot, Sauerfleisch und Schweinshaxe weggenommen wurden – allenfalls dass Zigeunerschnitzel fiel der Höflichkeit zum Opfer.

Andere Kulturen haben doch unser Leben vielfach bereichert, waren fruchtbare Biotope. Das Geltenlassen des Anderen und das Genießen des Andersseins ist entscheidendes Moment eines friedlichen Miteinanders auf diesem Planeten geworden.

Der bajuwarische Traum einer bierseligen, weißwurstdominierten Gesellschaft, in der alle Flüchtlinge deutsche Üblichkeiten sofort verinnerlichen, wurde glänzend karikiert mit dem Bild, dass der Muezzin nachmittags vom Minarett rufen soll: „Oazopfft iess“.

Ich habe keine Angst vor dem Verlust der eigenen, deutschen Identität, habe nicht die geringste Sorge, dass deutsche Eigenschaften den Bach runter gehen. Eigenschaften wie Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, Präzision oder auch unsere Qualitätsprodukte werden sich schon durchsetzen – einfach weil sie gut und in aller Welt anerkannt sind. 

Wir sind eine starke Kultur, auch weil wir in unseren Grundwerten überzeugend sind.

Zum Ende stelle ich klar:

wir wollen und werden den bei uns gestrandeten Flüchtlingen helfen – aber sie müssen dazu bereit sein

wir nehmen in Kauf, dass Integrationsprozesse länger dauern als gedacht – das können wir verkraften, denn wir brauchen letztendlich junge Arbeitskräfte

wir müssen der Bevölkerung aber reinen Wein einschenken. Das alles kostet Zeit und sehr viel Geld – der Bund muss jetzt zusätzlich Milliarden in die Hand nehmen, denn wir sollen nicht nur Unterkünfte schaffen, Betreuung finanzieren, sondern auch Kitas bauen und neuen Wohnraum – das ist eine gigantische Herausforderung und das können die Kommunen nicht bezahlen.

ungeachtet dessen muss sich der Flüchtlingsstrom deutlich verringern, weil wir zwar auf Dauer einige verkraften können, aber nicht in so kurzer Zeit - sonst ist der soziale Frieden nicht mehr gewährleistet. In dieser Frage muss die Bundesregierung in 2016 liefern und das muss sich 2017 deutlich bemerkbar machen – und unter Bundesregierung verstehe ich Frau Merkel und Herrn Gabriel, denn beide bilden diese Regierung, tragen die Verantwortung und haben eine satte Mehrheit im Bundestag.

Wir werden uns aus humanitären Gründen alle erdenkliche Mühe geben, die hier gestrandeten Flüchtlinge aufzunehmen und zu versorgen und dann Zug um Zug in unsere Gesellschaft einzuführen – nicht mit unendlichen bürokratischen Handlungsanweisungen – aber mit der Ansage, dass ihre Integrationsbereitschaft zwingend ist.

Wer das nicht will oder sich verweigert, ist hier fehl am Platz. Das muss neben der Willkommenskultur klar gesagt werden.

Bei der Combo des Stadtorchesters Peine unter der Leitung von Jörg Boddeutsch bedanke ich mich für die wieder einmal ausgezeichnete musikalische Begleitung am heutigen Abend.

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