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Peine / Aschersleben

„Mit Gamma-Kanone geschossen“

20 Jahre Mauerfall: Einen ganz besonderen Treffpunkt haben sich die Vertreter Peines und Ascherslebens ausgesucht, um das diesjährige Partnertreffen abzuhalten – den Grenzübergang Marienborn bei Helmstedt.

Die Vertreter der Partnerstädte Aschersleben und Peine auf der Gedenkstätte Deutsche Teilung.

Die Vertreter der Partnerstädte Aschersleben und Peine auf der Gedenkstätte Deutsche Teilung.

© Thomas Kröger
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Marienborn. Im Regen sieht die ehemalige Grenzkontrollstelle der DDR – Marienborn – noch grauer, trostloser und bedrohlicher als sonst aus. Dieser Ort war bis 1989 das Nadelöhr zwischen Ost und West, zwischen DDR und Westdeutschland. Marienborn war Synonym für eine menschenverachtende Grenze, die nicht nur Deutsche von Deutschen trennte, sondern Europa spaltete.

Und deswegen trafen sich genau an dieser Gedenkstätte am Sonnabend 50 Vertreter aus Peine und der Partnerstadt Aschersleben um deutlich zu machen, dass die deutsche-deutsche Trennung überwunden ist – dass man aber die Erinnerung an die schreckliche Teilung wach halten muss. Interessiert verfolgten sie, was Ursula Kohl von der Gedenkstätte Deutsche Teilung über Marienborn zu erzählen hatte.

Auto-Einreise

Zuerst ging es in den „Auto-Einreisbereich“, wo die westdeutschen Besucher und ihre Autos bei der Ein- oder Ausreise pedantisch genau kontrolliert wurden. Der Peiner Ratsherr Reiner Kunth erinnert sich: „Ich bin häufig über Marienborn in die DDR eingereist, da in Görlitz mein Bruder lebte und noch heute lebt. Da meine Eltern keinen Führerschein besaßen, war ich immer der Fahrer und wir sind mindestens einmal im Jahr herüber gefahren.“ Die Atmosphäre während der langen Kontrollen sei immer kalt und bedrohlich gewesen. Einmal habe Kunth gar eine Motorsäge für seinen Bruder einschmuggeln können, „was natürlich verboten war.“

Ursula Kohl zeigte den Besuchern die erste kleine Baracke, wo den Einreisenden damals die Pässe abgenommen wurden. Die Pässe verschwanden dann über ein Laufband in der Zollhausbaracke, die keine Fenster besaß. „Im Inneren überprüften Fahnder von der Stasi die Pässe und sortierten sie in die Visa-Fächer BRD, WB-Westberlin, Ausländer und Kairo. Der Begriff Kairo stand für Gäste, die besonders behandelt wurden– das konnten etwa RAF-Terroristen sein, die herzlich willkommen waren oder aber auch DDR-Flüchtlinge, die man sich noch einmal besonders vorgeknöpft hat“, sagte die Expertin.

Die Pässe wurden per Videokamera gefilmt und dann abgestempelt an die DDR-Einreisenden zurückgegeben. Bei Auffälligkeiten gab es Festnahmen und Einreise-Verbote. Von 1985 bis 1989 wurden in Marienborn 34,6 Millionen Reisende abgefertigt. Etwa 1000 Menschen arbeiteten dort durchgehend in drei Schichten entweder bei der Staatssicherheit, bei der Passkontrolle und Zoll, bei den Grenztruppen und als Zivilbeschäftigte.

Eine Kontrolle dauerte mindestens 20 Minuten, konnte jedoch bedeutend länger dauern. An Weihnachten und Ostern hat es laut Kohl häufig absichtlich Verzögerungen gegeben.

Zoll

Beim Zoll kontrollierten die DDR-Zöllner ganz genau, ob die Angaben auf den ausgefüllten Zollzetteln stimmten. Die Fachfrau erklärte: „Nicht erlaubt waren beispielsweise Versandkataloge oder westdeutsche Zeitungen. Die mussten in einem Eisenkorb entsorgt werden.“ In Kontroll-Garagen überprüfte man verdächtige Autos, „,manchmal zerlegten sie auch die Wagen“. Die Peiner und Ascherslebener sahen sich die alten Kontroll-Garagen an, in denen auch gescheiterte Flucht-Versuche vorgestellt werden – von denen einige tödlich endeten.

Weiterhin gab es einen Körper-Durchsuchungsraum, in dem alle Körper-Öffnungen der Passanten kontrolliert werden konnten. Kohl sagt: „1982 nahm die DDR hier alleine durch Strafzoll sechs Millionen West-Mark ein. Und auch der Flüchtlings-Freikauf war ein Riesengeschäft für Ostberlin. Pro ausgelieferten Flüchtling in den Westen gab es mindestens 40 000 Deutsche Mark.“ Mit der Öffnung der Grenze am 9. November 1989 konnten DDR- Bürger die Marienborn uneingeschränkt passieren.
Beschauer-Brücke

Weiter ging die Besichtigung mit einem Besuch der Beschauer-Brücke, die sich quer über die Autobahn erstreckte. Von hier aus wurden die Autofahrer mit einer Gamma-Kanone beschossen – das war streng geheim. „Ohne Wissen der Ein- oder Ausreisenden bestrahlte man sie radioaktiv und konnte so Republikflüchtige in den Autos sichtbar machen“, sagte die Fachfrau. Kurz vor der Wende habe die Stasi diese Gamma-Kanonen entfernt und vernichtet. Spätere Untersuchungen haben ergeben das die Strahlung so gering war, das es keine Gefahr für Menschen gegeben hat.

Kontroll-Turm

Die Führung endete im meterhohen Kontroll-Turm, in dem der diensthabende Offizier den Überblick über die gesamte Grenzanlage hatte. Er saß auf einem braunen Kunstleder-Sessel und bediente den sogenannten „Tisch 2000“, ein Sicherheits-Pult mit 124 Alarmknöpfen. Von hier aus ließ sich alles steuern, und man konnte in Sekundenschnelle alle Sperren ausfahren.

Mit betretenen Mienen beendeten die Besucher aus Peine und Aschersleben ihren Rundgang und werden sicherlich so schnell nicht vergessen, wie schrecklich die Teilung Deutschlands und wie menschenverachtend diese Grenzkontrollstelle Marienborn war.

Thomas Kröger


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