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Spezial zur Havarie der „Costa Concordia“

Ölsburger Kapitän über Notfälle auf dem Meer

Mindestens 17 Menschenleben hat die Havarie der Costa Concordia gefordert, gestern wurde die Suche nach Vermissten eingestellt. Wie es zu dem Unglück auf dem Mittelmeerkreuzer kommen konnte, beschäftigt die Menschen auf der ganzen Welt – und auch im Peiner Land. Die PAZ sprach mit dem Ölsburger Carsten Watsack. Er ist seit Jahren Kapitän, fährt hauptsächlich große Skandinavienfähren – und sogar eine Evakuierung musste er schon einmal leiten. 
Mit Gefahrensituationen auf Schiffen hat sich Watsack (kl. Bild) jahrelang beschäftigt. Das Foto zeigt die havarierte „Costa Concordia“.

Mit Gefahrensituationen auf Schiffen hat sich Watsack (kl. Bild) jahrelang beschäftigt. Das Foto zeigt die havarierte „Costa Concordia“.

Ölsburg. „Ich habe mich eingehend mit Krisen- und Paniksituationen sowie der Evakuierung großer Menschenmassen beschäftigt“, erzählt der 37-jährige Ölsburger.  Dabei habe er auch seine eigenen Erfahrungen gemacht: „Ich musste schon selbst als verantwortlicher Kapitän eine Evakuierung auf einem Schiff mit Passagieren meistern“, erzählt Watsack. Seitdem weiß er, das dies alles andere als leicht für einen Menschen ist, „auch wenn unser Unglück damals deutlich besser gelaufen ist als das Unglück der Concordia – und vor allem ohne Tote, ohne Verletzte und ohne Millionenschaden“, betont Watsack.

Was war passiert? Beim Einlaufen in den Hafen wurde in einem der Autodecks ein Feuer auf einem Lkw-Trailer entdeckt. Die Besatzung nahm daraufhin die Brandbekämpfung auf und evakuierte sofort nach dem Anlegen die Passagiere. „Das war damals ein Großeinsatz der Feuerwehr, die mit 15 Einsatzwagen kam sowie einem Feuerlöschboot“, erzählt Watsack. Zusätzlich kam seeseitig ein Notfallschlepper. „Im Nachhinein betrachtet geschah gar nicht viel: Der Trailer samt Ladung sowie ein Laster wurden beschädigt.“

Trotzdem: „Es war für uns in der Anfangsphase und bis zu 90 Minuten danach zunächst nicht als ‚geringes‘ Unglück erkennbar“, beschreibt der erfahrene Ölsburger Kapitän. „Und ich musste mich in diesem Moment nicht nur um die Notfallbekämpfung kümmern, sondern auch um das Drehen des Schiffes sowie dessen Rückwärtsfahrt zum Anleger.“ Zu alledem kamen Fragen in ihm auf: „Wie geht das eigene Leben weiter, wenn es hier und heute zur Katastrophe kommt und unter der eigenen Verantwortung Menschen ums Leben kommen?“

Für ihn und seine Besatzung galten damit psychologisch ähnliche Anfangsbedingungen wie für Francesco Schettino, den Kapitän der Concordia: „Aus dem normalen Berufsalltag wird man innerhalb weniger Minuten in eine lebensbedrohende Krise geworfen und muss diese nun managen“, sagt er und gibt zu: „Geübt hat man das tausendfach, aber die Realität hat ihre eigenen Gesetze.“

Aber was ist mit der gefährlichen Route nahe der Küste, auf die Schettino den riesigen Kreuzer lenkte? Angeblich soll ihm die Reederei diese Route vorgeschrieben haben. Ist so etwas überhaupt möglich? „Die Reederei kann natürlich eine bestimmte Route wünschen und zum Kapitän sagen: Du fährst von A nach B und bitte dicht an Insel C vorbei“, erklärt Watsack. „Darin liegt auch nichts Verwerfliches, solange die Grundregeln einer sicheren Navigation zur Anwendung kommen. Der Kapitän legt dann in eigener Verantwortung die genaue Route fest, bleibt dafür aber immer voll verantwortlich. Wenn er erkennt, dass diese Route zu gefährlich ist, muss er dafür Sorge tragen, sie zu ändern.“

Dennoch: Vor einer Vorverurteilung des Kapitäns der Costa Concordia warnt Watsack. „Nach jedem Seeunfall werden gründliche und sachliche Untersuchungen durchgeführt. Schettino hat, wie jeder andere, das Recht, angehört zu werden und sich einem juristischen Prozess zu stellen“, so der Ölsburger. Er verstehe die Fassungslosigkeit der Öffentlichkeit angesichts der Schwere des Unglücks. Zurzeit sei das Bild für eine sachliche Beurteilung aber noch zu konträr, mahnt er. Schnell habe sich die Welt, vor allem Italien, auf diesen offenbar unfähigen und feigen Kapitän eingeschossen, „doch die Vorwürfe müssen sich erst in einer seriösen und sauberen Untersuchung bestätigen“, betont Watsack. „Auch der Angehörigen zuliebe, die wissen wollen, warum sie ihre Lieben auf tragische Weise verloren haben.“

sip


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