Alkohol-Abhängigkeit: Von dieser Sucht loszukommen – das ist nicht leicht.
Hohenhameln. „In der Schule war ich ein Außenseiter, ich wurde gemobbt und herumgeschubst“, sagt Marco Zöllner. Mit 14 rutschte er in eine Clique, fand dort Freunde – und machte Bekanntschaft mit Bier und Sangria. „Hätte mich damals jemand auf mein Trinkverhalten angesprochen, er wäre auf taube Ohren gestoßen“, sagt Zöllner. Doch niemand sprach ihn an. „Meine Eltern haben die Fahne nie gerochen“, sagt er. „Die haben damals selbst getrunken.“ Inzwischen sind die Eltern trocken – und wissen auch von der Sucht des Sohns. Gestanden hat er sie allerdings erst vor drei Jahren, nachdem er selbst mit dem Trinken aufgehört hatte.
„Viele haben gar nicht gemerkt, dass ich Alkoholiker bin“, sagt Zöllner. Vor Partys habe er oft mit zwei Litern Bier vorgetankt. „Meine Freunde dachten dann, ich vertrage kaum etwas.“ Auch der Chef merkte nichts – sonst wäre der gelernte Restaurantfachmann längst seinen Job und seinen Führerschein los. Oft stieg er mit Restalkohol in den Lastwagen, mit dem er am frühen Morgen Brötchen auslieferte. Seine Ex-Frau versuchte er zu täuschen, indem er Wodka trank statt Bier. „Davon bekommt man nicht so eine Fahne“, sagt Zöllner.
Die Ehe ging dennoch in die Brüche – und für Zöllner war das der Auslöser, endlich Schluss zu machen mit dem Alkohol. Dabei konnte er sich ein Leben ohne Rausch lange nicht vorstellen. „Ich dachte mir: Wie sollen dann bloß die Partys werden?“ Doch auch heute legt Zöllner gelegentlich als DJ bei Hochzeiten und Geburtstagen auf: „Und ich finde, nüchtern geht das sogar besser.“
Von einem Tag auf den anderen schaffte er mit 38 Jahren den Ausstieg. „Ich habe schon vorher oft ans Aufhören gedacht, aber es nie ernsthaft versucht“, sagt er. Am 7. Januar 2007 sei er dann zu seinem Hausarzt gefahren und habe ihm das Alkoholproblem gestanden. „Ich musste es einfach jemandem sagen“, erzählt Zöllner. „Dann habe ich einfach aufgehört und hatte nicht einmal Entzugserscheinungen.“ In die Klinik wollte er damals nicht. Heute sagt er: „Das war gefährlich. Man ist ja auch körperlich abhängig. Ich hätte epileptische Anfälle bekommen können.“
Ab April leitet Marco Zöllner eine Selbsthilfegruppe, um anderen Süchtigen zu helfen. „Ich habe nicht viel geschafft in meinem Leben“, sagt er. „Aber ich bin abstinent, und darauf bin ich stolz.“
Susann Reichert
Sucht-Selbsthilfegruppe Hohenhameln
Auch wenn Marco Zöllner mit seiner eigenen Lebensgeschichte sehr offen umgeht – er versichert: Was in der Selbsthilfegruppe erzählt wird, dringt nicht nach außen. Die Gruppe solle dazu dienen, sich Probleme von der Seele zu reden und sich auszutauschen, sagt er. Den Namen „Freundeskreis für Suchtkrankenhilfe“ nimmt er wörtlich, denn aus der Gruppe sollen Freundschaften entstehen. „Viele Süchtige verlieren ihr Umfeld, wenn sie aufhören“, sagt Zöllner – bei ihm selbst sei das nicht anders gewesen. Neben Alkoholikern und deren Angehörigen seien auch Menschen willkommen, die spielsüchtig sind oder Probleme mit Drogen haben. „Die Süchte ähneln einander sehr“, sagt Zöllner. „Jeder ist willkommen, egal welches Suchtproblem er hat.“ Der trockene Alkoholiker will seine guten Erfahrungen weitergeben – doch er versteht auch Menschen, denen der Ausstieg schwerer fällt. Denn auch Zöllner hat noch ein Suchtproblem: Bis heute hat er es nicht geschafft, mit dem Rauchen aufzuhören. Am Mittwoch, 7. April, trifft sich die Gruppe offiziell zum ersten Mal im Jugendraum des evangelischen Gemeindehauses Hohenhameln. Dort kommt sie jede Woche von 18 bis 20 Uhr zusammen. Zöllner ist unter der Telefonnummer 05128/4493 und per E-Mail an fks-hohenhameln@freenet.de zu erreichen.
sur
Kommentare
Bierhasser Heiner – 04.04.10
Lieber Bierhasser,entweder hast du den Artikel von Marco nicht verstanden, oder du hast selbst ein großes Suchtproblem.
Abhängig kranke Menschen, die sich
ein neues Leben aufbauen und dabei
noch versuchen anderen Suchtkranken
Menschen zu helfen verdienen eine
besondere Anerkennung. Nur durch
Ehrlichkeit und Offenheit mit sich und zur Gesellschaft ist eine Sucht-
bewältigung überhaupt möglich. Ich
selbst spreche täglich Berufskraft-
fahrer, die offensichtlich ein Alko-
holproblem haben, darauf an. Einige
reagieren verständnislos, andere
greifen den Strohhalm auf und fragen
nach wo sie Hilfe bekommen können.
Letzteren kann ich dann Anschriften
von den vielen "Marco's", die sich
in der Suchtselbsthilfe für Kranke
Menschen einsetzen, geben. Übrigends
wir hassen keinen Alkohol, wir hassen nur Bierhasser, die sich für
etwas Besseres halten, besonders die, die sich Anmassen das Gesetz
in die Hand nehmen zu können. Noch nie etwas von Therapie statt Strafe
gehört.
Heiner, Freundeskreismitglied in NRW
Alkoholiker Bierhasser – 11.03.10
..Ich selbst fahre LKW`s und finde solche Leute abstoßend...die Leute die damit noch prahlen, mit Restalkohl auf den Bock zu steigen und Brötchen durch die Gegend zu kutschen, sollte man noch nachträglich bestrafen...