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Zwei Wochen Todesangst im Bergstollen

Lengede Zwei Wochen Todesangst im Bergstollen

Lengede. Am 24. Oktober jährt sich das Lengeder Grubenunglück zum 50. Mal. Adolf Herbst hat das Unglück miterlebt: Zwei Wochen war er verschüttet, wurde schon für tot erklärt - und wurde dann schließlich doch noch gerettet. In der PAZ erzählt der heute 70-Jährige von seinen Erlebnissen.

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Der Überlebende des Grubenunglücks, Adolf Herbst, mit seiner Frau Dagmar. In der Hand hält er einen Zeitungsausschnitt der ihn nach seiner Rettung mit seiner Frau zeigt. e

Quelle: epd

Als gerade mal 20-jähriger Elektromonteur fährt Herbst am Morgen des 24. Oktober 1963 im Schacht Mathilde in das Lengeder Eisenerz-Bergwerk ein. „Mir war nicht wohl dabei“, beschreibt er die rasante Fahrt im Förderkorb auf 100 Meter Tiefe in die Finsternis. Am folgenden Tag wollte Herbst sich freinehmen, um seine Verlobung vorzubereiten. Dafür blieb er am 24. Oktober länger unter Tage. Am Abend dann macht er sich wieder auf den Weg zum Förderkorb. „Da habe ich schon einen unglaublichen Druck auf den Ohren gespürt.“

Etwa zur gleichen Zeit bricht unweit der Schachtanlage ein Klärteich ein. Rund 500 000 Kubikmeter Wasser stürzen in die Grube. Insgesamt 129 Bergmänner sind bei der Arbeit, 79 können sich in den ersten Stunden retten. „Nie hätte ich gedacht, dass ich möglicherweise ertrinken könnte“, erinnert sich Herbst an die Momente, als er sich Bergmännern anschließt, die über die Förderbänder den Weg nach oben suchen. „Ich war wie ein Zuschauer.“

Im Lengeder Rathaus erinnert 50 Jahre später eine Ausstellung mit einem Modell an das Unglück. Ortschronist Werner Cleve zeigt, wo Herbst und 20 weitere Bergleute Zuflucht fanden: In einem stillgelegten, nicht gesicherten Stollen, einem sogenannten Alten Mann. An anderer Stelle wurden in den nächsten Tagen zunächst sieben Bergleute gerettet, sagt Cleve und deutet mit einem Laserpointer auf den Nachbau des Geländes in Miniaturform. Mehr als eine Woche später beförderte eine Transportkapsel drei weitere Männer ans Tageslicht. Die übrigen Vermissten, darunter der Elektriker Herbst, werden für tot erklärt.

Während in Lengede eine Trauerfeier für die angeblich Verstorbenen vorbereitet wird, kämpfen die 21 Männer im Alten Mann in völliger Dunkelheit ums Überleben. Die Hilfeschreie geben sie bald auf. Manche werden von herabfallenden Steinen erschlagen, sagt Herbst: „Einige, mit denen man vorher gesprochen hatte, waren plötzlich stumm.“

Neun Tage nach der Katastrophe werden die Sucharbeiten offiziell eingestellt. Doch einen Tag später können Bergleute die Grubenleitung überzeugen, eine Suchbohrung im Alten Mann zu starten. Der berechnete Bohrpunkt liegt auf Schienen und wird um zwei Meter verschoben, die Bohrung driftet um etwa zwei Meter ab. Sie trifft, wie durch Zufall, auf den Hohlraum, in den die Männer sich geflüchtet haben.

Fünf Minuten dauert es, dann können die Eingeschlossenen sich bemerkbar machen, erinnert sich Herbst: „Wie lange fünf Minuten sind, die über Leben und Tod entscheiden.“ Ein Kumpel bekommt nur mit Mühe ein Taschenmesser aus seinem Stiefel heraus, schlägt es gegen das Rohr der Bohrstange. „Eine Minute später, und man hätte sie nicht mehr gehört“, sagt Cleve. Nach vier weiteren Tagen hat die Bohrung zur Rettung der Männer Erfolg. Herbst wird als Vierter in der Transportkapsel nach oben gebracht. Im Krankenwagen schließt er seine zukünftige Ehefrau in die Arme, ein Fotograf hat diesen Moment festgehalten. „Da fiel ein riesiger Brocken Ballast von mir ab“, sagt Herbst, während er gemeinsam mit seiner Frau das vergilbte Zeitungsbild betrachtet.

In Lengede wurde die Grube in den 70er-Jahren stillgelegt. An der Stelle, an der Herbst und zehn weitere Männer aus der Tiefe geholt wurden, erinnert eine Gedenkstätte an das Unglück und die zehn Männer, die dort in 60 Meter Tiefe starben. Insgesamt kamen bei dem Unglück 29 Bergleute ums Leben. Herbst ist einer der wenigen Zeitzeugen, die noch am Leben sind. Jedes Jahr fährt er zum Gedenktag nach Lengede. Den Tag seiner Rettung, den 7. November, feiert er wie seinen zweiten Geburtstag. Von einem der Bohrmeister hat er sich einen Bohrkopf der Suchbohrung geben lassen und darin eine Kerze befestigt. Diese entzündet er einmal im Jahr.

Trotz der schmerzlichen Erinnerungen habe ihm besonders das Erzählen beim Verarbeiten geholfen, sagte Herbst, der an zahlreichen Dokumentationen und Geschichtsprojekten teilnahm. „Es gibt in meinem Kopf aber nach wie vor eine Blackbox mit Erlebnissen, über die ich gar nicht rede“, sagte der 70-Jährige, der heute in Hannover lebt. Nur einmal habe er vor seinem geistigen Auge die Geschehnisse abgespielt - und dies kaum ertragen.

epd

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