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Weihnachten im Schützengraben an Ostfront

Spezial: 100 Jahre Erster Weltkrieg Weihnachten im Schützengraben an Ostfront

Lengede. Es sind eindringliche und manchmal auch erschütternde Zeitdokumente - die Kriegstagebücher des Lengeders Hermann Staats. Der Lengeder Orts-Chronist Werner Cleve hat diese zusammen mit Karin Andreas und Marlies Brettin aus dem Altdeutschen übersetzt.

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Deutsche und britische Soldaten bei einem Treffen im Niemandsland am 26. Dezember 1914.

Quelle: oh

Lengede. Die PAZ hatte im August bereits einige Auszüge veröffentlicht, hier folgen nun die Eintragungen des Lengeders, die er vor 100 Jahren zu Weihnachten gemacht hat.

Mit einfachen Worten schildert er die Schrecken des Krieges, die verlausten Quartiere, aber auch die Freude über einen kleinen Weihnachtsbaum. „Hermann Staats von der gleichnamigen Gastwirtschaft lebte von 1883 bis 1953“, erzählt Orts-Chronist Cleve. Es war der 1. August 1914, als Deutschland Russland den Krieg erklärte und zur Mobilmachung aufrief. An dem Tag bekam Hermann Staats als Reservist den Einberufungbefehl.

„Er beschreibt in seinem Tagebuch, wie in Lengede die Mobilmachung aufgenommen wurde und wie die Einberufenen in den Krieg verabschiedet wurden. Eindringlich schildert er später dann das Weihnachtsfest an der Ostfront im Schützengraben“, sagt Cleve.

Zum Hintergrund: Der Erste Weltkrieg dauerte von 1914 bis 1918 und forderte etwa 17 Millionen Menschenleben. Kriegsgebiete waren in Europa, dem Nahen Osten, Afrika und Ostasien. Dem Beginn mit der Kriegserklärung Österreich-Ungarns an Serbien am 28. Juli 1914 war das Attentat von Sarajevo vom 28. Juni 1914 vorausgegangen. Der Krieg endete mit dem Waffenstillstand von Compiègne am 11. November 1918. Wesentliche Kriegsbeteiligte waren Deutschland, Österreich-Ungarn, das Osmanische Reich und Bulgarien einerseits sowie Frankreich, Großbritannien und das Britische Weltreich, Russland, Serbien, Belgien, Italien, Rumänien, Japan und die USA andererseits.

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Die Tagebucheinträge:

23. Dezember 1914

Wir waren in Retzitcza stationiert. Die Quartiere waren sehr eng und verlaust, doch wir waren nach 60stündigem Gefecht froh, mal aus der Feuerlinie zu sein. Es sollte erst um 7 Uhr geweckt werden, aber schon um 7.05 Uhr war Alarm. Alle rafften ihre Sachen zusammen und eilten zum Appellplatz. Glücklicherweise war der Angriff wieder abgeschlagen und wir konnten unsere Quartiere wieder aufsuchen. Ruhig lebten wir auch in dem Dorfe noch nicht, denn ab und zu kam mal eine feindliche Granate hineingeflogen, die hier und da mal einen Brand verursachte. Wir erklärten die ganze Sache auf Verrat und sämtliche Männer im Dorfe wurden zusammen gebracht und eingesperrt, da hörte das Feuer auf. Später wurde in einem Kartoffelloch ein Telephon gefunden, was wir zerstörten und die Männer wurden wieder freigelassen.

24. Dezember 1914

Wir hofften doch den Heiligen Abend in Ruhe begehen zu können. Doch Lust für eine Weihnachtsfeier hatte auch niemand. Allen lagen noch die schweren Verluste der verflossenen Tage zu nahe im Gedächtnis. Auch die Post hatte uns schon seit längerer Zeit wieder im Stich gelassen. So berieten wir noch, ob wir einen Weihnachtsbaum suchen wollten oder nicht, da blies es schon wieder Alarm und nach kurzer Zeit standen wir wieder auf dem Appellplatze. Wir marschierten in einen Wald und standen in Gefechtsbereitschaft, doch war der Angriff wieder einmal abgeschlagen, wobei uns 1000 Gefangene geblieben waren. Dieses war für uns eine kleine Freude und benutzten die Gelegenheit, uns einen Weihnachtsbaum aus dem Walde mitzubringen. Nachmittags bekam jedes Quartier 6 Lichter für den Weihnachtsbaum mit dem Bemerken, daß die Offiziere die Quartiere durchgingen und alles bei Weihnachtsfeiern treffen wollten. Nun fingen wir an, aus Pappe Lichthalter zu schneiden. Aus buntem Papier schnitten wir Figuren und mit dem Staniolpapier wurde der Baum sonst geziert. Die Lichter wurden halb durchgeschnitten, somit hatten wir die stattliche Fülle von 12 Lichtern. Dann wurden noch die Weihnachtslieder eingeübt und abgewartet bis die Herren Offiziere kamen. Um 7 Uhr hörten wir Schritte und eiligst wurde der Baum angezündet. Und wirklich, der Hptm. und der uns zugeteilte Lt. Terlinden kamen. Wir sangen das Lied „Stille Nacht, heilige Nacht“, dann hielt der Hptm. eine Ansprache und erinnerte uns an die Lieben in der Heimat, was uns das Herz erst schwer machte. Dann sangen wir noch „O du fröhliche“ und die Feier war zu Ende. Um 8 Uhr lagen wir schon zum Schlafen bereit, wenn uns das Ungeziefer in Ruhe gelassen hätte. Dieses war unser Heiligabend im Felde.

25. Dezember 1914

Am Morgen wurden wir zur Feier des Weihnachtsfestes erst um 7.30 Uhr geweckt, auch bekamen wir Zucker zum Kaffee. Um 9 Uhr fand ein Gottesdienst statt. Dann wurde Mittag gegessen, was aus allen Resten von Erbsen, Bohnen und Mais bestand. Um 4.30 Uhr nachmittags traten wir an zum Abmarsch in den Schützengraben. In dem Dorfe Gabenschin angekommen, hörten wir starkes Infanteriefeuer und mußten dieserhalb warten bis selbiges aufhörte. Um ½ 11 Uhr lösten wir dann die 93er ab. Während der Nacht unterhielten die Russen durch einige Schüsse das Feuer, sonst war es im Allgemeinen ruhig.

26. Dezember 1914

Am Morgen setzte Schnee ein, der allmählich alles was vor uns auf dem Schlachtfelde noch lag, wie Leichen und Ausrüstungsgegenstände, verschwinden ließ. Es war auch ein schauriger Anblick, wenn man die Leichen dort unbeerdigt liegen sah. Durch Gläser konnte man sogar die Schützen daraus erkennen. An ein Herausholen war nicht zu denken, denn wenn sich am Tage etwas sehen ließ, krachten auch schon einige Schüsse los. Und in der Nacht war ja ständiges Feuer, sodaß sich keiner aus dem Graben wagen konnte. Auch arbeiteten die Scheinwerfer die ganze Nacht hindurch. Am Tage kamen einige Hunde zwischen die Stellungen, die sich scheinbar Nahrung suchen wollten. Da wir annahmen sie würden die Leichen anfressen, wurden sie durch gut gezielte Schüsse getötet. Abends um 7 Uhr wurden wir durch die 64er abgelöst, und kamen nach Sadykircz ins Quartier. In den Häusern hatten sich Flüchtlinge einquartiert, die aber hinaus mußten, denn wir waren durchgefroren und konnten somit keine Rücksicht nehmen. Die Quartiere waren sehr eng, und so mußten Verschiedene sitzend die Nacht verbringen.

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