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„So lange man atmet, gibt es auch Hoffnung“

„Wunder von Lengede“ „So lange man atmet, gibt es auch Hoffnung“

Ihre Namen standen schon auf den Todeslisten. Heute vor 46 Jahren rechnete kaum jemand mehr damit, Adolf Herbst, Emil Pohlai und zwölf weitere, beim Grubenunglück verschüttete Bergleute noch einmal lebendig zu sehen. Doch sie wurden gerettet. Erinnerungen an das „Wunder von Lengede“.

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Rot-Kreuz-Helfer tragen während der dramatischsten Rettungsaktion in der Geschichte des deutschen Bergbaus an einer Bohrstelle in Lengede einen der befreiten Bergleute ins Freie. Am 7. November 1963 konnten nach einem Schlammwasser-Einbruch elf Kumpel mit der „Dahlbusch-Bombe“ aus der Erzgrube „Mathilde“ befreit werden. Für 29 Bergleute kam jede Hilfe zu spät.

Quelle: dpa

Lengede . „Wir waren keine Helden, Helden waren unsere Retter“, erinnert sich Adolf Herbst. Der 66-Jährige gehört zu den Männern, die im „Alten Mann“ das Lengeder Grubenunglück überlebten. Eng, dunkel, feucht und schmutzig war es in dem stillgelegten Schacht – und vor allem lebensbedrohlich. „Wir hatten ständige Todesangst, aber so lange man atmet, gibt es auch Hoffnung“, erinnert sich der Monteur. Eine Woche zuvor war Herbst, 20 Jahre jung, erstmals in seinem Leben eingefahren. Am Unglückstag schob er eine Doppelschicht, um am nächsten Tag seine Verlobung feiern zu können.

Auch die heute 79 Jahre alte Anni Pohlai wird den 24. Oktober 1968 nie vergessen: „Ich hatte meinen Mann so gegen 22.30 Uhr erwartet. Doch er kam nicht“, erinnert sie sich. Ihre drei kleinen Kinder schliefen bereits, als die damals 33-Jährige Autos beobachtete, die ständig hin und her fuhren. Es war eine andere Zeit damals, in der ländlichen Gemeinde gab es erst wenige Autos und es hatte auch nicht jede Familie ein Telefon. Und so erfuhr Anni Pohlai erst nach einer Nacht voller Ungewissheit, was passiert war.

Kurz vor 20 Uhr war ein Klärteich gebrochen, 500000 Kubikmeter Wasser und Schlamm donnerten in den Schacht Mathilde der Ilseder Hütte und überraschten die Bergleute. „Plötzlich standen wir im Dunkeln“, erzählt der 80-jährige Emil Pohlai. Eigentlich hätte er als 80. Mann noch am selben Tag aus der Grube kommen können. Doch kurz vor Schichtbeginn war er einer anderen Gruppe zugeteilt worden, um einen Kollegen zu vertreten. Mit zwei anderen Bergleuten überlebte er in einer Luftblase.

Bis kurz vor Mitternacht stieg das Wasser. Dann war der Klärteich ausgelaufen. Die Männer saßen in der Falle, das Wasser schnitt ihnen den Rückweg ab. „Wir haben überhaupt nicht gewusst, was wir machen sollten“, sagt Pohlai. Irgendwann habe er dann die Öffnung eines Rohres, das zum Betrieb von Maschinen installiert war, im gleichmäßigen Rhythmus auf- und zugehalten.

Vier Tage nach dem Unglück bemerkte tatsächlich jemand über Tage die Zeichen. Durch ein zunächst kleines Bohrloch konnten die Männer Kontakt zur übrigen Welt aufnehmen, Taschenlampen und Hühnersuppe wurde ihnen in die Tiefe geschickt. Bis zu ihrer Rettung mit der Dahlbusch-Bombe – ein auf der Gelsenkirchener Zeche Dahlbusch entwickeltes Rettungsgerät – sollte es noch vier Tage dauern.

79 Meter über ihnen hatten sich auf einem Rübenfeld fast tausend Menschen eingefunden, Rettungskräfte und Journalisten aus ganz Deutschland. Unter anderem wurde von Lengede aus eine große Live-Übertragung im deutschen Fernsehen geschaltet. „Bei der Rettung war es mucksmäuschenstill auf dem Acker“, erinnert sich Pohlais Frau. Als die drei dann ans Tageslicht traten, hätten alle geklatscht.

Adolf Herbst und die anderen im „Alten Mann“ bekamen von der Rettung am 1. November nichts mit. Sie saßen weiter in ihrem stockfinsteren Gefängnis und bangten um ihre Leben. Der „Alte Mann“ war kein sicherer Ort. Die Stützbalken waren bereits entfernt, der Stollen sollte einstürzen. Das Gestein über den Männern war ständig in Bewegung, die Geräusche verhießen nichts Gutes. Zehn Bergleute wurden von herabstürzenden Platten erschlagen. Ihre Leichen blieben unter Tage.
Elf Männer im „Alten Mann“

Über Tage hatten die meisten längst alle Hoffnung aufgegeben. Auf der Totenliste für die am 4. November angesetzte Trauerfeier standen 40 Namen, die der 29 Toten und auch die der elf Männer im „Alten Mann“. Medien und Rettungskräfte zogen sich zurück und vermeintliche Witwen weinten um ihre Männer.

Doch einige Bergleute gaben nicht auf. Sie erinnerten sich an eine Spalte, die zu einem Hohlraum – dem „Alten Mann“ führen könnte. Gegen den Widerstand ihrer Vorgesetzten setzten sie am 3. November, zehn Tage nach dem Teichbruch, eine letzte Suchbohrung durch. Dann das Wunder: Lebenszeichen aus 50 Metern Tiefe. Der Bohrer hatte sich tatsächlich genau zu denen in den „Alten Mann“ gefressen. Die Reporter kehren zurück. Der damalige Bundeskanzler Ludwig Erhard (CDU) kommt nach Lengede, um den Männern über ein Mikrofon Mut zuzusprechen.

„Das war uns allerdings ziemlich wurscht“, erinnert sich Herbst. Die Gefahr war noch nicht vorbei, noch immer konnten Steinplatten die Bergleute töten. Wie schon die andere Gruppe, so wurden nun auch die elf Überlebenden im „Alten Mann“ noch vier Tage durch ein winziges Bohrloch mit Lebensmitteln und Medikamenten versorgt. Bei strahlendem Sonnenschein werden dann auch sie am 7. November unversehrt aus der Tiefe geholt. Zeitungen brachten Sonderausgaben heraus, über Rundfunk ertönte der Choral „Nun danket alle Gott“. In Stuben, Geschäften und Lokalen jubelte die ganze Nation vor den Fernsehern. Die Bilder der geretteten Bergleute gingen um die ganze Welt.

Anita Pöhlig

Hintergrund

Wie das Wunder Wunder wurde

In der Erzeisengrube „Mathilde“ in Lengede bricht am Abend des 24. Oktober 1963 der Klärteich 12. Rund 500000 Kubikmeter Wasser und Schlamm überfluten die Grube und schließen 129 Bergleute ein. 79 Kumpel können sich am selben Tag in Sicherheit bringen, sieben am Folgetag. Drei Männer werden am 1. November gerettet. Für 40 Vermisste scheint es keine Hoffnung zu geben, die Trauerfeier wird vorbereitet. Dann setzen Bergleute eine letzte Suchbohrung durch, und am 3. November werden weitere elf Überlebende entdeckt – das „Wunder von Lengede“ geschieht. Am 7. November – zwei Wochen nach dem Unglück – werden die Männer ans Tageslicht geholt. 29 Bergleute sterben bei dem Unglück.

dpa

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