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Im umgebauten Autotank in den Westen

Wendeburg Im umgebauten Autotank in den Westen

Wendeburg. Den Geruch von Benzin kann Regina Albrecht nur schwer ertragen. Zu tief haben sich die Erlebnisse ins Gedächtnis der 64-jährigen Wendeburgerin eingebrannt, als ihr 1971 im umgebauten Tank eines Autos die Flucht aus der DDR gelang.

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Regina Albrecht blättert in einem Fotoalbum - Erinnerungen an ihr Leben in der DDR und ihre Flucht.

Quelle: mir

Die Geschichte, die Regina Albrecht zu erzählen hat, ist eine Geschichte die den Zuhörer den Atem anhalten und die Zeit vergessen lässt. Sie handelt von Angst, aber auch von Mut und von der Liebe im geteilten Berlin.

„Die Flucht ist mir noch sehr präsent, weil ich Tagebuch geschrieben habe“, sagt die Wendeburgerin und nimmt eine Postkarte in die Hand, die ihr späterer Mann ihr schrieb. Was sie damals noch nicht wissen konnte: Das Schreiben sollte ihr zum Verhängnis werden. Denn die Staatssicherheit las die Briefe mit, die die junge Frau aus Ostberlin ihrem Freund im Westen der Stadt schickte.

Kennengelernt hatten sich die beiden bei einem Klassentreffen ihrer Väter 1967. Regina Albrecht war 17 Jahre alt und fand ihr Gegenüber schlichtweg arrogant: „Er hatte als Austauschschüler ein Jahr in Amerika verbracht und zeigte Bilder von dort. Das war für mich unbegreiflich, ich war als Kind nie im Ausland gewesen. Reisen ging nicht“, erzählt sie. Doch ihr späterer Freund und noch späterer Mann hatte sich an ihren Vater gewandt, als die 17-Jährige kurzerhand die Gesellschaft verlassen hatte, und so trafen sich die beiden ein Wochenende später wieder - im Pressecafé nahe des Tränenpalastes an der Friedrichstraße, „in der Höhle des Löwen“, beschreibt Albrecht. Beim Tanzen verging die Zeit wie im Flug, plötzlich war es 24 Uhr, er musste zurück über die Grenze nach Westberlin.

Doch das junge Glück sollte bald ein jähes Ende finden: Das Liebespaar war ins Visier der Stasi geraten und Regina Albrecht, 18 Jahre alt, wurde aus dem Studentenwohnheim in Magdeburg abgeführt und verhört. „Ich hatte Angst nach Hohenschönhausen ins Stasi-Gefängnis zu kommen, ich heulte und zitterte die ganze Zeit.“ In ihrer Stasi-Akte erkannte die junge Frau Fotokopien ihrer Briefe an ihren Freund. „In diesem Moment hatte ich erste Fluchtgedanken“, beschreibt sie. „Ich fing an zu hinterfragen: ‚Was ist die DDR für ein Land?‘“

Doch die Stasi hatte nichts gegen sie in der Hand und so wurde Regina Albrecht zurück zu ihren Eltern gebracht, allerdings nicht ohne sie und ihre Eltern vorher schriftlich versichern zu lassen, den Kontakt zu ihrem Freund abzubrechen. Noch in der Nacht schrieb sie ihm einen Brief, diktiert vom Vater. Weil dieser jemanden bei der Post kannte, erreichte der Brief ungeöffnet für einen Zehner Westgeld sein Ziel.

Trotz der Observierung durch die Stasi gelang es dem jungen Liebespaar sich ein letztes Mal zu treffen und einen Weg zu finden, weiterhin in Kontakt zu bleiben: „Meine Oma lebte in Westberlin und hat unsere Briefe geschmuggelt“, berichtet Albrecht. Auch zuhause wurden Vorsichtsmaßnahmen getroffen: „Wir hatten vermutet, dass wir über das Telefon abgehört werden. Wenn Besuch kam, wurde es in eine Decke gewickelt und in eine gepolsterte Schublade gesteckt. Zur Sicherheit wurde auch noch das Radio angestellt“, beschreibt sie das Prozedere.

Ihrem Freund wurde die Einreise nach Ostberlin verweigert, er galt als „unerwünschte Person“. Regina Albrecht selbst war mit einem Ausreiseverbot belegt worden, erfuhr davon jedoch nur zufällig, als sie mit ihren Kommilitonen eine Reise nach Prag unternehmen wollte. Als einzige aus der Studentengruppe sollte sie kein Visum erhalten. Doch als daraufhin alle Mitreisenden auf die Fahrt verzichten wollten, ging es auf einmal doch.

Erst 1970 in Ungarn sah sich das Paar - diesmal unbeobachtet von der Stasi - wieder. „Da war uns klar, dass wir zusammenbleiben wollten.“ Und so wurde die Flucht aus der DDR geplant, unterstützt von der ganzen Familie.

Ihre spätere Schwägerin hatte bereits wichtige Dokumente und persönliche Dinge Albrechts in den Westen geschmuggelt, als das Unternehmen Fluchttunnel, für das ihr Freund und seine Geschwister 5000 Mark gegeben hatten, verraten wurde. Mithilfe des übrigen Restgeldes und einem Kredit des Fluchthelfers sollte es in einem zweiten, rund 12 000 Mark teuren Versuch im umgebauten Tank eines Autos nach Süddeutschland gehen. Ein Unterfangen, das 1971 auch gelang.

Von Rumänien aus gelangte Regina Albrecht nach Jugoslawien und von dort weiter nach Österreich - kurz vor den Grenzübergängen musste sie sich in den 30 mal 60 mal 90 Zentimeter großen Kasten im Tank des Autos zwängen. „Es war heiß, es gab keine Luftzufuhr und dann die Benzindämpfe.“ Ihr Ohr war wie taub, wenn der Kofferraum über ihr durchwühlt wurde. Als sie der Fahrer, ein Student, auf österreichischem Boden aus dem Versteck holte, konnte sie es nicht fassen. „Ich habe Berge gesehen und Moos unter mir gefühlt“, beschreibt sie den Moment. Noch heute sei der Anblick von Bergen etwas ganz besonderes.

In München das Wiedersehen mit ihrem Freund. Er überreichte dem Fluchthelfer 4000 Mark: „Wie in einem Agentenfilm.“ Regina Albrecht ist froh: „Das war für mich der einzige Weg, ich bereue den Schritt nicht.“

Inzwischen lebt sie mit ihrem Mann in einem kleinen gemütlichen Haus in Wendeburg. Sie ist Mutter von drei Kindern, hat zwei Bücher geschrieben und wird nicht müde, Schülern ihre Geschichte zu erzählen. Albrecht verweist auf das aktuelle Geschehen in der Welt, die Proteste in Hongkong und das Drama in Syrien und im Irak, die zahlreichen Flüchtlinge, die in der Hoffnung auf ein besseres Leben alles zurücklassen und alles riskieren. Sie bewundere jede Familie, die einen Neustart wage. „Ich weiß, wie schwierig das ist.“ Und noch etwas liegt ihr am Herzen: „Ich möchte zur Wachsamkeit aufrufen. Man muss für Freiheit und Demokratie arbeiten, denn beide sind ein hohes Gut.“

mir

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