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Für den Glauben hingerichtet

Lengede Für den Glauben hingerichtet

Lengede. Franz Zdyn wollte nicht mehr kämpfen. Aufgrund seiner religiösen Weltanschauung als Zeuge Jehovas verweigerte er den Kriegsdienst und wurde dafür vor 70 Jahren, am 9. März 1945, von Nationalsozialisten mit der Guillotine hingerichtet.

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Ein Foto vom Hinrichtungsraum mit Guillotine, durch die Zdyn von den Nazis ermordet wurde. Das Bild wurde von einem amerikanischen Soldaten aufgenommen.

Quelle: Stiftung niedersächsische Gedenkstätten/Gedenkstätte in der JVA Wolfenbüttel/www.goodkindletters.com

Lengede. Lengedes Orts-Chronist Werner Cleve ist auf die Geschichte des Mannes aufmerksam geworden, der ab dem 11. November 1939 in Lengede als „Dienstverpflichteter“, im sogenannten „Ledigenheim“ auf dem Gelände von Schacht Anna lebte. Durch Zufall war ein Heimatforscher aus Stadthagen 2008 im Staatsarchiv Hannover auf einen Zettel mit dem Todesurteil Franz Zdyns, Bergmann in Lengede, gestoßen. Cleves Tochter Carolin forschte im Staatsarchiv weiter und wurde fündig. „Es gibt eine ganze Akte im Staatsarchiv über den Fall“, berichtet der Orts-Chronist.

Demnach wurde Franz Zdyn am 1. Oktober 1895 im damals noch zum Deutschen Kaiserreich gehörenden Bielschowitz bei Kattowitz geboren, das 1922 zu Polen kam. Der Katholik konvertierte 1927 und trat den Internationalen Bibelforschern bei, wie damals die Zeugen Jehovas genannt wurden, die während des Nazi-Regimes verfolgt wurden. Wegen seiner religiösen Überzeugung wurde er 1933 in Polen aus dem Dienst als Eisenbahnschaffner entlassen.

Nach der Besetzung Polens durch die deutsche Wehrmacht lebte Zdyn ab 1939 in Lengede und arbeitete als Zwangsverpflichteter in der Ilseder Hütte. „Er lebte im sogenannten Ledigenheim, wie damals das Verwaltungsgebäude von Schacht Anna genannt wurde“, erzählt Cleve. Aus den Akten der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) geht hervor, dass er sich ein Zimmer mit dem Bergmann Norbert Krystek teilte. Er lebte zurückgezogen und versäumte nicht eine einzige Schicht. Seine Familie - seine Frau Klara, zwei Töchter und ein Sohn - blieb in Rybnik zurück.

Schon in Oberschlesien wie auch in Westfalen hatte Zdyn als Grubenarbeiter gearbeitet, überdies im Ersten Weltkrieg auf deutscher Seite gekämpft und war dafür mit einer Tapferkeitsmedaille ausgezeichnet worden.

Als er im September 1944 ein Formular des Wehrmeldeamtes erhielt, nachdem im August eine Wehrdienstkontrolle im Ledigenheim stattgefunden hatte, füllte er dieses nicht aus, sondern schickte eine schriftliche Erklärung der Wehrdienstverweigerung zurück.

Am 2. November 1944 wurde Zdyn vom Wehrbezirkskommando vorgeladen und vernommen. Laut Protokoll erklärte er, dass er den Kriegsdienst aufgrund seiner religiösen Weltanschauung verweigere. 1914 sei er kriegswillig ins deutsche Heer eingetreten und verweigere den Kriegsdienst nicht aus Feigheit, sondern aus Überzeugung. In der Bibel stehe geschrieben, dass ein Mensch einen anderen Menschen nicht töten darf. Zudem bitte er, festzustellen, welche Staatsangehörigkeit er habe. Er sei sich bewusst, dass die Todesstrafe bevorstehen könnte.

„Zdyn wurde von einem Sondergericht angeklagt“, erklärt Martina Staats, Leiterin der Gedenkstätte in der JVA Wolfenbüttel. „Diese wurden ab 1933 eingerichtet und dienten der Unterdrückung und schnellen Bestrafung politischer Gegner. Durch die Volksschädlingsverordnung von 1939 gab es verschiedene Möglichkeiten, jemanden für Nichtigkeiten zum Tode zu verurteilen.“

So wurde auch Franz Zdyn zum Tode verurteilt. „Er konnte nur verurteilt werden, wenn er deutscher Staatsbürger war“, so Staats. „Also musste eine Konstruktion erstellt werden, um ihn als Reichsdeutschen auszuweisen.“ Aus den Akten geht hervor, dass die Frage der Nationalität Franz Zdyns keineswegs klar war. So spricht Wilfried Knauer, ehemaliger Leiter der Gedenkstätte in der JVA Wolfenbüttel, in seinem Referat „Der Fall Franz Zdyn“ von einem „Taschenspielertrick der deutschen Verwaltung. Er wurde ohne seine Einwilligung in die Volksdeutschenliste aufgenommen und unterlag damit der Wehrpflicht.“

Als am 12. November 1944 die Kumpels aus dem „Ledigenheim“ in Groß Lafferde vereidigt wurden, war Franz Zdyn nicht dabei. Er wurde am 8. Dezember 1944 um 16 Uhr festgenommen und am 13. Februar 1945 in Hildesheim vom Sondergericht Hannover wegen Kriegsverweigerung zum Tode verurteilt - aus Gründen der Abschreckung anderer, wie es in einer Schrift zum Gedenkgottesdienst der Kolpingfamilie Wolfenbüttel, der Pfarrerei St. Petrus, Amnesty International und der Gedenkstätte in der JVA Wolfenbüttel heißt.

Zdyns Gnadengesuch, in dem er sich um seine Kinder sorgte, aber auch anbot, Menschen aus brennenden und zerbombten Häusern zu retten, erreichte die Staatsanwaltschaft erst am Tag seiner Hinrichtung. Zdyn starb im Alter von 49 Jahren am 9. März 1945, kurz vor Kriegsende, in Wolfenbüttel durch die Guillotine. Er soll der letzte in Deutschland hingerichtete Zeuge Jehovas gewesen sein.

mir

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