Volltextsuche über das Angebot:

2 ° / -8 ° wolkig

Navigation:
Die Kriegstagebücher des Lengeders Hermann Staats

Lengede Die Kriegstagebücher des Lengeders Hermann Staats

Lengede. Vor 100 Jahren, am 28. Juli 1914, brach der Erste Weltkrieg aus. Etwa 17 Millionen Menschen starben während des Krieges, der mit dem Waffenstillstand von Compiègne am 11. November 1918 endete. Der Lengeder Orts-Chronist Werner Cleve hat nun zusammen mit Karin Andreas und Marlies Brettin die Kriegstagebücher des Lengeders Hermann Staats aus dem Altdeutschen übersetzt – eindringliche Zeitdokumente, die zunächst die heute unverständliche Aufbruchsstimmung bei der Mobilmachung und später die Schrecken des Krieges zeigen.

Voriger Artikel
Unfallflucht: Peugeot beschädigt und abgehauen
Nächster Artikel
Heftige Regenschauer machten Landwirten zu schaffen

Deutsche Soldaten werfen Handgranaten (Foto digital koloriert).

Quelle: akg-images

„Hermann Staats von der gleichnamigen Gastwirtschaft lebte von 1883 bis 1953“, erzählt Orts-Chronist Cleve. Es war der 1. August 1914, als Deutschland Russland den Krieg erklärte und zur Mobilmachung aufrief. „An dem Tag bekam Hermann Staats als Reservist den Einberufungbefehl. Er beschreibt in seinem Tagebuch wie in Lengede die Mobilmachung aufgenommen wurde und wie die Einberufenen in den Krieg verabschiedet wurden.“

Die PAZ druckt auf dieser Seite Auszüge aus den Tagebüchern. Diese wurden zwar von Karin Andreas, Marlies Brettin und Werner Cleve aus dem Altdeutschen übersetzt, Korrekturen nach den neuen Rechtschreibregeln haben sie jedoch bewusst nicht vorgenommen.

Die Tagebuchtexte:

Am Sonnabend dem 1. August erließ Ihre Majestät der Kaiser den Mobilmachungsbefehl für die ganze Armee und Marine, welcher mit großer Begeisterung aufgenommen wurde. Trotzdem wohl zuerst manche Träne aus den Augen der deutschen Bewohner rollte, erfaßte die Begeisterung doch bald die Oberhand, dieses ist auch von unserem Dorf Lengede zu sagen. Schon die Tage vor der Mobilisierung hatten allerlei Anzeichen, daß der Kriegsausbruch nicht mehr fern liegen konnte.

Als nun am Sonnabend dem 1. August nachmittags um 5 Uhr der Mobilmachungsbefehl durch die Post bekannt wurde, starrten sich fast alle, ohne Worte zu finden an, und es waren zuerst die Reservisten und Landwehrleute, die jetzt für das Vaterland hinausziehen mußten. Die sich zusammen gerafft hatten und zu patriotischen Kundgebungen geneigt waren, wenn auch die Mütter und Schwestern durch verweinte Gesichter ihnen das Herz etwas schwer machten, so wurden sie andererseits durch Kameraden und Männer wieder gestärkt. Noch am selben Abend wurden die Mobilmachung, ortsüblich durch Glockenzeichen und Ausruf mit den Worten: „Der Krieg ist ausgebrochen, der erste Mobilmachungstag ist morgen Sonntag der 2. August“ bekannt gegeben. Dieses geschah durch den Gemeindediener Ehlers sen., ein Veteran von 1866, dem dabei die Tränen in den Augen standen, die auch bald Verbreitung fanden, und wieder die Bewohner in eine traurige Stimmung versetzten. Da waren es wieder deutsche Männer, und zwar dieses Mal der Vorstand des Kriegervereins, die hinzutraten und die Kameraden zu einem Abschiedstrunke einluden. Man hatte nicht auf eine solch große Beteiligung gerechnet, denn es waren nicht nur die Mitglieder des Kriegervereins, sondern auch andere Männer erschienen, um mit den Hinausziehenden nochmals einige Stunden zu verleben. Reden und patriotische Lieder wechselten sich ab, für Bestellung und Bezahlung des Bieres sorgten die in ihrer Heimat bleibenden. Manche Zwistigkeit wurde beigelegt und so wurde ein schöner Abend verbracht, der den Teilnehmern lange Zeit im Gedächtnis bleiben wird. Mit frohem Händedruck und herzlichen Lebewohlrufen verabschiedeten sich die Anwesenden.

Am Sonntag dem 2. August war ein gemeinschaftlicher Kirchgang angesetzt, der die jungen sowie alten Krieger nochmals ins Gotteshaus rief, wo selbst Pastor Bünte eine begeisternde sowie rührende Predigt hielt. Am Nachmittag hatte der „Fußballclub Lengede von 1912“ seine Mitglieder versammelt, um Abschied von den Hinausziehenden zu feiern. Während des Nachmittags kam auch eine Einladung seitens des Männergesangvereins zu einer Abschiedsfeier am Sonntagabend. Doch verlief diese schon nicht mehr so vergnügt wie am vorherigen Abend, denn auch die Mobilmachung des Landsturmes wurde angeordnet und somit mancher, der nicht mehr an den Krieg dachte, eingezogen.

Der Montag, 3. August, verlief vormittags ruhig, doch schon am Nachmittag wurde die erfolgreiche Aktion des Kreuzers Breslau vor dem russischen Kriegshafen Liban bekannt, welches wieder die allgemeine Bedrücktheit in die zuversichtliche Siegesfreude umwandelte. Auf den Bahnen herrschte bereits reges Leben, Zug um Zug sauste mit Soldaten vorüber, die fahrplanmäßigen Züge wurden aufgehoben und ein neuer Fahrplan bekannt gegeben.

Immer näher rückte nun die Zeit und Stunde in welcher wir, vielleicht für immer, Abschied nehmen mußten. Doch waren wir stark genug, um keine Traurigkeit aufkommen zu lassen. Endlich, am Dienstag dem 4. August, am 3. Mobilmachungstage nachmittags 4 Uhr, sollten wir uns in Hildesheim auf der Steingrube stellen. Schon um 12 Uhr standen wir marschbereit zu dem um 1.24 Uhr fahrenden Militärzug. Ein kurzer Händedruck und auf Wiedersehen verabschiedeten uns von den Angehörigen und hinaus gings zum Bahnhof. Einige Gemeindemitglieder winkten uns noch ein letztes Lebewohl zu und ca. 20 Männer begleiteten uns zur Bahn. Nach kurzer Zeit fuhr der Zug in den Bahnhof ein, wo wir in 2. Klasse Platz nahmen und eiligst ging es fort. Abschiedswinken unserer Begleiter folgten uns solange wir es sehen konnten und mit dem Liede „Nun ade du mein lieb Heimatland“ war auch bald unser liebes Heimatdorf den Augen entschwunden. Um 2.28 Uhr trafen wir in Hildesheim ein, wo wir nochmals ein Mittagsmahl einnahmen, dann gings zur Steingrube wo ich bei Tafel 223 verlesen wurde. Es waren ca. 1500 Gardisten versammelt, die nach der Verlesung in 2 Trupps zur Ausstellungshalle marschierten, wo Nachtquartier bezogen wurde. In der Halle lag Freund an Freundesseite auf Stroh gebettet. Dieses war die erste Erscheinung des Krieges. Leider waren wir Lengeder von einander gekommen und ein jeder lag nun bei seinen Kameraden. Offiziere der verschiedenen Garde Regimenter waren zur Abholung eingetroffen, die uns verkündeten, daß am anderen Morgen, also am 5. August, morgens 3 Uhr geweckt werde, um 4 Uhr müßten wir zum Abrücken bereit sein, denn um 5 Uhr müßte der Zug zur Abfahrt fertig sein. Mit diesen Gedanken legten wir uns nun zur Ruhe.

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Lesen Sie alles rund um das traditionsreiche Peiner Fest. mehr

Rückbau auf dem Telgter Elmeg-Gelände
Veranstaltungen

Welche Veranstaltungen und Termine gibt es im Peiner Land? In unserer Datenbank finden Sie alle Infos. mehr

Sudoku

Das Zahlenrätsel Sudoku in verschiedenen Schwierigkeitsgraden

Kinoprogramm

Jeden Donnerstag neu: alle Filmstarts in Peine und Umgebung