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Ein weiter Weg für Gertrud Müller

Lahstedt Ein weiter Weg für Gertrud Müller

Gadenstedt. „Hätte ich meine Memoiren geschrieben, wäre das Buch sicher so dick“, sagt Gertrud Müller und hält Daumen und Zeigefinger der rechten Hand etwa zehn Zentimeter auseinander. Und selbst das würde womöglich nicht reichen, hört man der Gadenstedter Brockenblick-Seniorin aufmerksam zu. Sie hat heute Geburtstag. Den 100.

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Liest gerne: Gertrud Müller wird heute 100 Jahre alt.

Quelle: im

Das Schönste daran: Wer es nicht wüsste, würde es ihr nicht glauben. Bis zum 96. Lebensjahr hat sie ihr Häuschen in Klein Bülten noch selbst bewohnt und mit Hilfe ihrer Tochter Rosemarie selbst bewirtschaftet.

Seit vier Jahren residiert sie nun im Brockenblick und schaut nach wie vor interessiert über den eigenen Tellerrand: Auf dem Tischchen stapeln sich diverse Presseerzeugnisse, obenauf die PAZ, die sie sowohl über Kreissaal-Neubau, Blitzer-Affäre und Weltpolitik auf dem neuesten Stand hält. Schade, dass in ihr Zimmer nur ein Bruchteil ihrer Bücher passe, bedauert sie und deutet auf einen ansehnlichen „geretteten Stapel“.

Natürlich schaut sie interessiert fern - mit Kopfhörer, versteht sich: „Die Ohren, wissen Sie..?“ In Mode- und Stilfragen berät Tochter Rosemarie - die Entscheidung trifft Gertrud selbst und bestellt aus den Warenhaus-Katalogen. Die Seniorin wirkt gelenkig, drahtig und geistig hellwach, wenn sie sich auch beispielsweise bei den Verrichtungen im Bad gerne helfen lässt und genießt, vor vier Jahren der Küchenarbeit abgeschworen zu haben.

Bis dahin war es ein langer Weg, von der Kindheit in Bad Wurzelsdorf im Sudetenland - dem heutigen Tschechien - bis in die neue Heimat nach Klein Bülten. Ihr Vater überlebt den ersten Weltkrieg nicht, der zweite Weltkrieg nimmt ihr die Heimat, lässt ihr aber den Ehemann, den sie 1939 heiratet. Auch die Würde lässt sie sich als Heimatvertriebene im Internierungslager nicht nehmen. Sie durchleidet nicht nur höchst persönlich erfahrene Gewalt, sondern auch Todesangst. Knapp 70 Jahre liegt das zurück - die Jubilarin gestikuliert und wird laut, wenn sie davon erzählt - und trotzdem kurz darauf wieder lächeln kann.

Aus dem Lager wird sie 1946 nach Bayern transportiert, während sich ihr Ehemann aus Russland nach Klein Bülten durchschlägt und dort Arbeit bei der Schlackenverwertung bekommt. „Rein zufällig“ kommt der Kontakt zu seiner Ehefrau zustande, er erreicht „nach viel Streit mit dem damaligen Gemeindedirektor wegen meiner Zuzugsgenehmigung“, dass sich die Eheleute 1946 kurz vor Ostern in die Arme schließen können.

1949 bekommt die 1942 geborene Tochter der Müllers ein Schwesterchen, 1963 bezieht die Familie den Neubau in Klein Bülten, den die Jubilarin bis vor vier Jahren, davon fast 20 Jahre als Witwe, bewohnte.

„Fast täglich“ hat die Jubilarin Besuch von Tochter Rosemarie, die den „regen Austausch“ mit ihrer Mutter genießt. Gut verstanden habe man von jeher, „aber durch die intensiven Gespräche der letzten Jahre bis jetzt verstehe ich vieles noch besser und erfahre immer noch viel Unbekanntes“, sagt sie. Vielleicht schreibt sie ja nun auf - und füllt die zehn Zentimeter dicke Biografie.

uj

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